Dem Alltag eine Sprache geben
Mit Pol Greisch stirbt ein leiser Gigant des luxemburgischen Theaters
Pol Greisch gilt als prägende Figur des luxemburgischen Nachkriegstheaters. Er gab dem Alltag eine Sprache, in der plötzlich die großen Fragen des Lebens hörbar wurden. Leicht und unerbittlich. Ein Nachruf.
Pol Greisch, ein Mann der geschliffenen Sprache und des feinen Humors, ist diese Woche im Alter von 95 Jahren gestorben Foto: Editpress-Archiv
Pol Greisch ist tot. Der Luxemburger Schriftsteller und Schauspieler ist diese Woche im Alter von 95 Jahren gestorben. „Was für eine traurige Nachricht“, steht auf der Facebookseite des „Théâtre national du Luxembourg“ (TNL), wo Greisch über Jahre ein gern gesehener Gast und Freund war. Der Regisseur und Theaterleiter Frank Hoffmann würdigte ihn dort als außergewöhnlichen Autor, der neben Erzählungen eine unverwechselbare Theatersprache gefunden habe. Vor allem aber verliere man einen humorvollen Menschen, einen Kollegen, einen Freund.
Auch Schauspielerin Christiane Rausch, die in Greischs Stück „Fënsterdall“ im CNL mitgewirkt hat, erinnert sich gerne an ihre Rolle und an gemeinsame Lesungen mit dem Autor. „Pol war ein lieber Mensch, einer, der aber auch wusste, was er wollte, und wenn etwas nicht stimmte, hat er das auch gesagt“, erinnert sie sich.
Enorme Bedeutung
„Wenn ich an Pol Greisch denke, dann sehe ich diesen ‚immensen‘, bescheidenen Menschen, der in seinen Werken ein wenig ‚verkoubelt‘ (etwas schräg) ist“, sagt Claude Conter, Direktor der „Bibliothèque nationale du Luxembourg“ (BNL). Er spricht von einer unprätentiösen, zugleich geschliffenen Sprache, von Leichtigkeit trotz Melancholie, und von einer Bedeutung für das Luxemburger Theater, die „enorm“ sei.
Für Nathalie Jacoby, Direktorin des „Centre national de littérature“ in Mersch, ist Greischs Tod auch ein Abschied von einer Autorengeneration, die ihr besonders nah ist. „Seine Stimme wird fehlen.“
Sascha Dahm, Vorsitzender der „Theater-Federatioun“, nennt Greisch einen Pionier und Visionär des Luxemburger Theaters. Mit seinem Tod verliere man eine Ikone der Kulturszene, eine Figur, die vieles ins Rollen gebracht habe.

Schauspielerin Christiane Rausch Foto: Editpress/Julien Garroy
Enge und Spießigkeit
Das Luxemburger Autorenlexikon beschreibt Pol Greischs Stücke als Milieustudien mit feinem Skalpell. Oft angesiedelt „in der Enge und Spießigkeit der Luxemburger Gesellschaft“, mit Humor und Melancholie, mit Figuren, die scheitern, weil Ausbruch schwer ist und Kommunikation noch schwerer. Das Drama sitze bei ihm oft zwischen zwei Sätzen, in Pausen, Ausweichbewegungen, Blicken.
Greisch wurde am 8. April 1930 in Walferdingen geboren. Er spielte, schrieb über Jahrzehnte, und er wurde dafür auch offiziell geehrt. Den Prix Servais erhielt er zweimal, 1993 für die Trilogie „Äddi Charel“, „Besuch“, „E Stéck Streisel“ und 2013 für „De Monni aus Amerika“. Den Batty-Weber-Preis für das Gesamtwerk bekam er 2002.
Und weil Greisch immer auch Schauspieler blieb, steht sein Name nicht nur auf Bühnenzetteln, sondern auch in Abspännen. U.a. in Schacko Klak (1990) und Rusty Boys (2017). RTL erinnert zusätzlich an seine breite Präsenz im luxemburgischen Kino und Fernsehen und an späte Arbeiten, auch als Vorleser der eigenen Texte.
Am Ende bleibt bei Pol Greisch das, was bei wenigen bleibt: eine Sprache, die nicht laut sein muss, um zu treffen. Sie wird fehlen. Greischs Texte werden aber auch in Zukunft ihre Stimme erheben.

Pol Greisch bei der Vorstellung seines Buches „De Monni aus Amerika“, für das er den Servais-Preis erhielt Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Nathalie Jacoby

Nathalie Jacoby Foto: Editpress/Archiv
Für sie persönlich sei der Tod von Pol Greisch der Abschied von einer Autorengeneration, die ihr sehr am Herzen liege, sagt Nathalie Jacoby, Direktorin des Literaturzentrums in Mersch. Greisch sei einer der wenigen gewesen, die noch da waren. Pol Greisch habe eine unverwechselbare Stimme gehabt. Präzise, mit einem feinen Humor, mit dem er die Gesellschaft beschreiben konnte, die Gesellschaft und den Einzelnen. Das habe sie immer sehr geschätzt, sagt Jacoby.
Er habe fantastisch gelesen, sei ein guter Redner gewesen, dabei zurückhaltend, mit großer Weitsicht und viel Wissen über das Leben und die Menschen. Er habe die Gesellschaft genau beobachten können, kritisch, aber ohne Lärm. Seine Stimme fehlt, seine Texte bleiben, so Nathalie Jacoby.
Sascha Dahm

Sascha Dahm Foto: Editpress-Archiv
„Wenn ich an Pol Greisch denke, denke ich an einen Pionier und Visionär des Luxemburger Theaters, für das Theater in Luxemburg, und für das luxemburgische Theater. Ich glaube wirklich, dass wir mit seinem Tod eine Ikone der luxemburgischen Kulturszene verloren haben.
In den letzten Jahren war er weniger präsent, aber er war immer wieder da, auch für kleinere Auftritte. Was er über Jahrzehnte geschaffen hat, ist groß. Man muss sich bewusst werden, wie weit die Theaterszene in Luxemburg in kurzer Zeit dank Pol Greisch gekommen ist. In den Anfängen war er eine Figur, die vieles ins Rollen gebracht hat“, so Sascha Dahm Vorsitzender der „Theater-Federatioun“.
Frank Hoffmann

Frank Hoffmann Foto: Editpress/Archiv
Ein außergewöhnlicher Autor sei er gewesen, der neben seinen Erzählungen eine einzigartige unverwechselbare Theatersprache gefunden habe, schreibt Frank Hoffmann, Regisseur und Leiter des TNL. „So einfach, so präzise, immer auf den Punkt und zutiefst menschlich.“ Auch als Schauspieler sei Pol Greisch unverwechselbar gewesen, nahbar, unaufgeregt und trotzdem unheimlich engagiert. „Er hat die verrücktesten Bühnenideen mitgetragen.“
Vor allem aber sei er ein wunderbarer, humorvoller Mensch gewesen, so Frank Hoffmann, ein Kollege, ein Freund. Seine Figuren seien keine Helden, sondern „Menschen wie Du und Ich“. Der Luxemburger Beamte, den Greisch auf die Bühne gebracht habe, sei anders als vielleicht in Wirklichkeit kein Langweiler gewesen.
„Sein letztes Stück ‚Fënsterdall‘, das wir im TNL aufführen durften, wird uns immer in Erinnerung bleiben, ein wunderbares Stück“, so Hoffmann.
Claude Conter

Claude Conter Foto: Editpress/Archiv
„Wenn ich an Pol Greisch denke, sehe ich zwei Ebenen. Da ist zum einen der Mensch, die Person. Und da ist zum anderen der literaturgeschichtliche Kontext, in dem sein Werk steht.
Ich hatte das große Glück, noch viel mit ihm zusammenzuarbeiten. Was mir dabei besonders geblieben ist: dieser immense, sehr bescheidene Mensch. In seinen Texten wirkte er manchmal ein wenig ‚verkoubelt‘, und gerade daraus entstand eine eigene Kraft. Ich denke auch an seine Sprache: unprätentiös, aber geschliffen. Sein Werk ist mit ihm gewachsen, mit dem Alter, mit den Erfahrungen. Besonders eindrücklich finde ich, wie er über Liebe zwischen älteren Menschen geschrieben hat, und wie zart, wie bescheiden er Gebrechlichkeit und Alter betrachtet. Und doch liegt über vielem diese große Melancholie, die nicht nur in seinen Stücken, sondern auch in seinem Wesen spürbar war. Vielleicht war da später auch Bitterkeit, vor allem nach dem Tod seiner Frau.
Gleichzeitig hatte er einen lieben Humor. Aus Tragödie konnte er Groteske machen, aus einer negativen Erfahrung einen Text, der etwas aufrichtet. Er konnte schmunzeln. Er hatte eine Leichtigkeit, das Leben zu sehen, trotz Melancholie und Trauer. Seine Bedeutung für das luxemburgische Theater ist enorm.“