76. Internationale Filmfestspiele Berlin

Im Gespräch: Kulturminister Eric Thill über Kultur als Softpower und den Einsatz für europäische Werte

Am Montag lud die Luxemburger Botschaft in Berlin im Rahmen der 76. Berlinale zum Empfang. Die Regierung war durch Premierminister Luc Frieden und Kulturminister Eric Thill vertreten. Das Tageblatt sprach mit den Ministern. Hier das Interview mit Eric Thill zu Luxemburgs Filmszene und politischen Gedankenspielen.

Kulturminister Eric Thill bei Interview zu den 76. Internationalen Filmfestspielen Berlin in der Luxemburger Botschaft

Kulturminister Eric Thill reiste zu den 76. Internationalen Filmfestpielen in Berlin und gab dem Tageblattein Interview in der Luxemburger Botschaft Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Tageblatt: Der Premierminister Luc Frieden sprach soeben vom „European Way“. Wie würden Sie diesen charakterisieren, insbesonders in Bezug auf die Kulturbranche?

Eric Thill: Der Premier hat ganz deutlich gesagt, dass der europäische Kontinent durch seine Werte attraktiv ist. Das sind auch Werte, die im luxemburgischen Film gefeiert und repräsentiert werden, und die wir auch in der Kultur in Luxemburg stärken und im Alltag leben. Man kann zusammen mehr erreichen als einzelne Länder. Und dafür ist die Filmproduktion ein gutes Beispiel: Als Luxemburger Land bestehen wir auch international und feiern zusammen Erfolge. Man ist immer stärker, wenn man mit Toleranz, Solidarität, Respekt, Integrität agiert und vor allem die Menschenrechte verteidigt – da hat der Film gerade in diesen Zeiten eine sehr große Wichtigkeit. Dass Luxemburg mit drei Co-Produktionen auf der Berlinale vertreten ist, freut mich sehr. Co-Produktionen mit anderen europäischen Ländern beruhen auf Partnerschaften, die über Jahre gewachsen sind. Ohne Co-Produktionen wäre das nicht möglich – das muss man klar sagen. Umso wichtiger ist die enge Zusammenarbeit mit unseren Partnern.

Die Co-Produktionen zahlen sich ökonomisch aus. Stellen sie für Luxemburg nur eine rein finanzielle Beteiligung dar, oder wie wirken sie sich auf das Filmschaffen im Land aus?

Die Unterstützung des Luxemburger Filmfonds ist so angelegt, dass sie sowohl dem Land als auch den Filmschaffenden zugutekommt. Über ein entsprechendes Finanzierungsgesetz hat die Regierung die finanziellen Mittel für die nächsten vier Jahre erhöht und abgesichert. Das schafft Planungssicherheit. Es ist wichtig, dass diese Mittel in der gesamten Breite des luxemburgischen Filmsektors bei den Kulturschaffenden ankommen. Darüber hatten wir hier in Berlin auch gemeinsam mit dem Premierminister Gespräche: Wir wollen die Kriterien, wie die Fördermittel verteilt werden, und ob das Geld auch dort ankommt, wo es ankommen muss, regelmäßig im Austausch hinterfragen. Wir haben die verschiedenen Vorschläge der Beteiligten in den verschiedenen Verbänden aufgenommen. Da gibt es eine Reihe von Ideen für die nächsten Wochen und Monate, die wir gemeinsam mit dem Filmfonds und dem Finanzministerium ausarbeiten.

Kultur ist eine Softpower, um neben der Diplomatie unsere Anliegen zu kommunizieren

Eric Thill

Kulturminister

Wir trafen uns zuletzt in Cannes; ein paar Tage später wurde die von Luxemburg co-finanzierte iranische Produktion „It Was Just an Accident“ dort ausgezeichnet. Kürzlich haben Sie sich zu Wort gemeldet, als einer der Drehbuchautoren im Iran verhaftet wurde. Wann muss man Ihrer Meinung nach Flagge zeigen?

Wir tragen in Europa eine Verantwortung, für unsere Werte einzustehen. Wenn ein Film, an dem wir beteiligt sind, angegriffen wird, ist es das Mindeste, dass wir Flagge zeigen und uns solidarisch hinter die Kulturschaffenden stellen. Kunstfreiheit und Meinungsfreiheit sind ein wertvolles Gut. Kultur ist eine Softpower, um neben der Diplomatie unsere Anliegen zu kommunizieren. Wenn die Meinung von Kulturschaffenden nicht mehr zählt, muss man das ganz klar ansprechen. Dazu stehe ich.

Noch eine persönliche Frage: Haben Sie eigentlich einen Lieblingsfilm – außer den Filmen, die jetzt gerade mit luxemburgischer Beteiligung in Berlin laufen?

Wahrscheinlich sollte ich jetzt einen luxemburgischen Film nennen, aber ich möchte einen anderen Film erwähnen, den ich schon zweimal im Kino gesehen habe und noch ein drittes Mal privat zu Hause: Das ist „The Zone of Interest“ von Jonathan Glazer. Ich habe ihn einmal mit meinem Großvater geschaut, dann mit meinem Vater und dann noch einmal mit meiner Freundin.

Was gefällt Ihnen daran?

Es ist ein Film, der mich auch persönlich trifft. Mein Großvater wurde im Zweiten Weltkrieg zwangsweise eingezogen und musste für die Deutschen kämpfen. Dieser Film zeigt in aller Deutlichkeit, mit einer einfachen, subtilen, aber absoluten Brutalität, was vor über 80 Jahren geschehen ist und was heute wieder in verschiedenen Teilen der Welt, leider auch in Europa, zur Realität wird. Dieser Film hat damit auch die Fähigkeit des Kinos sehr deutlich gemacht: Es ist wichtig, dass man die Vergangenheit nicht vergisst und bestenfalls aus ihr lernt. Das ist leider heute nicht immer der Fall.

Stellen Sie sich den Worst Case vor: dass in vier oder fünf Jahren ein Luxemburger Empfang stattfindet und zugleich in Deutschland die AfD, also die extreme Rechte, regiert. Was macht man dann, oder ist das für Sie nach wie vor unvorstellbar?

Es ist sehr schwierig, mir das vorzustellen, aber man muss der Realität ins Auge schauen. Es geht hier nicht nur um Tendenzen in den Nachbarländern, wenn rechte Ideen zum Alltag gehören und leider aus einer gewissen Frustration heraus sehr viele Menschen inzwischen positiv darauf reagieren und die Vergangenheit vergessen haben. Auch wir Politiker müssen uns fragen, ob wir da unserer Verantwortung immer gerecht geworden sind. Das betrifft auch Luxemburg, und daran arbeiten wir in dieser Regierung jeden Tag: Dass wir den Kontakt mit den Bürgern pflegen, dass wir im Dialog bleiben und ihre Sorgen ernst nehmen. Diese Entwicklung hin zum Extremismus halte ich für sehr besorgniserregend. Ich werde mich mit aller Kraft dafür einsetzen, dass solche Tendenzen nicht zum Alltag werden und nicht als normal hingenommen werden.

1 Kommentare
Mire 18.02.202614:13 Uhr

Die luxemburger Regierung unterstützt genau wie Deutschland eine ultra rechtsextreme Regierung im Nahen Osten desen Vorgänger Terroristen waren. Und jetzt soll in Europa die AfD ein Problem sein. Rechtsradikale ausserhalb der EU unterstützen und in Europa bekämpfen.
"Diese Entwicklung hin zum Extremismus halte ich für sehr besorgniserregend. Ich werde mich mit aller Kraft dafür einsetzen, dass solche Tendenzen nicht zum Alltag werden und nicht als normal hingenommen werden. " Sie machen es als Minister genau im gegenteil.

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