61. Kunstbiennale
Luxemburg reist mit einer Kackwurst nach Venedig
Luxemburg beteiligt sich 2026 mit dem Projekt „La Merde“ von Aline Bouvy an der 61. Kunstbiennale in Venedig. Ein Haufen Scheiße oder Kunst? Ein feministisches Manifest, sagt die Künstlerin.
Mehr Fotos von der Kackwurst wollen Aline Bouvy und Stilbé Schroeder vor der Vernissage nicht teilen, doch hier ein kleiner Vorgeschmack Copyright: Aline Bouvy
„Es stand außer Frage, dass Aline Bouvy bei der Gestaltung des Projekts frei ist“, sagte Kulturminister Eric Thill (DP) am Dienstag bei der Pressekonferenz zum Luxemburger Pavillon bei der 61. Kunstbiennale in Venedig (9. Mai-22. November 2026). Diese Freiheit nahmen sich die auserwählte Künstlerin Aline Bouvy und die Kuratorin Stilbé Schroeder vom Casino Luxembourg: Sie präsentieren „La Merde“ – eine Idee, die Bouvy angeblich seit Jahren umtreibt.
Aline Bouvy (l.) und Stilbé Schroeder (r.) sind für den Luxemburger Pavillon bei der 61. Kunstbiennale in Venedig verantwortlich Foto: Ernest Thiesmeier
Das Casino Luxembourg, das zum 30-jährigen Jubiläum eine „Carte blanche“ des Kulturministeriums zur Gestaltung des Pavillons erhielt, entschied sich dafür – und so tritt Luxemburg mit einem Kunstprojekt zu Scheiße in Venedig an. Wer jetzt die Nase rümpft und zur Papierrolle greift: Dahinter verbirgt sich nicht nur ein Kothaufen, sondern ein filmischer Essay.
Über den Klodeckel hinaus
Im Zentrum steht eine Kackwurst. Weiblich, braun, mit Gesicht. Sie wandert unter anderem als Marionette und 2D-Animationsfigur vom Schulunterricht bis zur Bar. Am Ende steht eine Performance, inspiriert von „Identification/Projection“ (1977) von Dan Graham. Die Schauspielerin Lucie Debay übernimmt die Kot-Rolle. Die Erzählung wird durch Archivmaterial aus Kunstgeschichte, Popkultur und Wissenschaft ergänzt.
Die Themen, die Bouvy anspricht, gehen weit über den Klodeckel und Magen-Darm-Befindlichkeiten hinaus. Sie wirft Fragen zu Körperlichkeit, Scham, Ausgrenzung und Gesellschaft auf. „Ich bin mir der Verantwortung der Aufgabe bewusst, besonders im Hinblick auf die Brutalität der Gegenwart“, so die Künstlerin.
„Take Off“ in Venedig
Kulturminister Eric Thill kündigte im Zuge der Pressekonferenz an, dass Claudine Arendt, Noé Duboutay, Vera Kox, Suzan Noesen und Lynn Scheidweiler für das Mentoring-Programm von Kultur|lx – Arts Council Luxembourg ausgewählt wurden. „Take Off“ dient der Vernetzung und Sichtbarmachung aufstrebender Talente bei der Kunstbiennale in Venedig.
Zugegeben: Ein Schmunzeln blieb bei der Präsentation im Kulturministerium nicht aus. Das dürfte in Bouvys Sinne sein, denn sie versteht „La Merde“ als Farce. Gleichzeitig nennt sie es ein feministisches Manifest. Das Projekt sei ein kritischer Kommentar zu Reinheitsnormen und sozialer Wertigkeit, oder wie in der Pressemitteilung steht: „[Le projet] interroge (…) les liens entre l’abjection et le féminin (…). En effet, si la société a historiquement assigné aux femmes le statut de ‚pollution humaine‘ (contrairement aux hommes, qui savent ‚gérer leurs fluides‘), alors elles ne peuvent penser qu’à l’abjection.“
E.T. in Venedig
Die multidisziplinäre Installation in Venedig umfasst zudem einen großformatigen LED-Screen und Soundkunst in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Pierre Dozin. Hinzu kommt ein Konstrukt im Halbkreis zur akustischen Isolierung, das in Kollaboration mit Antoine Rocca und „Ateliers Arseni“ entstand. Es handelt sich um eine adaptierte Version der Stahl- und Spiegelkreation „Wall“ (2025-2026), die Bouvy 2025 in ihrer Einzelausstellung „Hot Flashes“ im Casino Luxembourg zeigte. Die verspiegelte Oberfläche soll für ein immersives Erlebnis sorgen.

„E.T. The Excremential“ ist eine Skulptur von Aline Bouvy Copyright: Aline Bouvy
Ergänzt wird das Setting durch einen alten Bekannten der Filmgeschichte: die Skulptur „E.T. The Excremential“ – angelehnt an Steven Spielbergs „E.T. The Extra-Terrestrial“. Im Pressedossier wird sie als „mutant chimérique“ bezeichnet, als Verschmelzung zwischen dem Körper der Künstlerin und E.T. „Conte moderne et populaire sur la différence et l’altérité, la sculpture entre ici en résonance avec le film dans sa relation à l’abject“, heißt es.
Und was dann?
Auf die Ausstellung folgt eine Publikation: ein rund 300-seitiges Taschenbuch, das um die 250 Bilder zur Geschichte des Kots in der Kunst, der Pop- und Internetkultur, der Folklore und der Wissenschaft umfassen soll.
Die Vernissage in Venedig ist am 7. Mai in der „Sale d’armi“ im Arsenale geplant. Danach legt sie einen Halt im Salzburger Kunstverein (12. Dezember-16. Februar 2027) ein, bevor sie 2027 in Luxemburg zu sehen sein wird. Wo und wann, steht noch offen. Die Gesamtkosten für den Luxemburger Pavillon in Venedig betragen 540.000 Euro. Was im Preis inbegriffen ist: die Bezahlung der Künstlerin, die Produktions-, Transport- und Reisekosten der Teams, die Kommunikationsarbeit sowie die Eröffnungsveranstaltung.
Zu Aline Bouvy
Aline Bouvy (1974), gebürtig aus Belgien, lebt und arbeitet in Brüssel sowie in Luxemburg. Sie studierte an der „École de recherche graphique“ in Brüssel und an der Jan van Eyck Academie in Maastricht. Sie stellte unter anderem in Frankreich, Belgien, Deutschland und Luxemburg aus.
Luxemburg beteiligt sich übrigens seit 1988 regelmäßig an den Kunst- und Architekturbiennalen in Venedig. 2003 wurde der nationale Pavillon mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Die zuständige Künstlerin war Su-Mei Tse. Ob Bouvy und Schroeder nachziehen, bleibt abzuwarten. Bouvy bedankte sich jedenfalls schon jetzt für das Vertrauen aller Beteiligten und merkte zu Recht an: „Die Kunstfreiheit, die wir in Luxemburg genießen, ist wundervoll, aber keine Selbstverständlichkeit.“