„Passivität hat noch nie zu Lösungen geführt“
Klimabündnis ruft für Mittwoch zu Protest in der Hauptstadt auf
Am frühen Mittwochabend findet in Luxemburg-Stadt zum dritten Mal die „Marche pour la Terre“ statt. Anna Topliyski und Gauthier Hansel haben die Kundgebung mitorganisiert und erklären, was diese besonders macht.
Ein breites Bündnis organisiert den Protestmarsch – Anna Topliyski und Gauthier Hansel sind Teil davon Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Tageblatt: Sie organisieren am Mittwoch die „Marche pour la Terre“ in der Hauptstadt mit. Angesichts steigender Lebenskosten, hoher Benzinpreise und Krieg werden manche sagen, dass die Leute aktuell andere Sorgen haben.
Gauthier Hansel: Wir verstehen, dass die Menschen Sorgen haben und müde sind. Schließlich reiht sich eine Krise an die nächste. Gerade deshalb wollen wir am Mittwoch mit Enthusiasmus auf die Straße gehen. Wir demonstrieren gegen die Umweltkrise, aber auch gegen Kriege und soziale Ungleichheiten. Steigende Energie- und Lebenskosten hängen mit unserer Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zusammen – sie macht uns verwundbar.
Anna Topliyski: Wie so oft im Leben sind die Dinge miteinander verbunden und man kann sie deshalb nicht getrennt betrachten. So sind die aktuellen, mit Waffen ausgetragenen Konflikte die Ursache für den Preisanstieg. Die Menschen, die zur „Marche pour la Terre“ kommen, engagieren sich für den Klimaschutz, aber auch für soziale Fragen, die damit verbunden sind. Denn wie gesagt: Alles hängt miteinander zusammen.
Als sich vor nicht allzu langer Zeit der Angriffskrieg auf die Ukraine zuspitzte, waren hohe Benzinpreise ein großes Thema – jetzt wieder. Haben wir nichts gelernt?
A.T.: Wenn ich an die USA und den Aufstieg des Faschismus denke, müssen wir noch viel lernen und vor allem uns an vieles erinnern. Ich bin in Deutschland aufgewachsen und hatte das Gefühl, dass sehr viel über den Zweiten Weltkrieg gesprochen wurde. Heute allerdings wirkt es so, als wenn viele Leute die Basis von Konflikten nicht mehr kennen. Im Nahen Osten wird um Ressourcen gekämpft. Diese brauchen wir auf – und dadurch verschärfen sich Konflikte.
G.H.: Aus der russischen Invasion in der Ukraine haben wir erste Lehren gezogen, aber längst nicht genug. Positiv ist, dass sich nach der COP30 enttäuschte Länder zusammengeschlossen haben, um vom 24. bis 29. April bei einer internationalen Konferenz in der kolumbianischen Stadt Santa Marta über einen gerechten Ausstieg aus den fossilen Energien zu diskutieren. Das ist das erste Mal in der Geschichte und eine gute Nachricht. Luxemburg beteiligt sich daran.
(Anm. d. Red.: Tatsächlich wird Luxemburg laut der Pressestelle des Umweltministeriums bei der Konferenz durch Thomas Schoos, Regierungsberater und Mitglied des Kabinetts des Ministers für Umwelt, Klima und Biodiversität, vertreten.)
Zur Organisation des Protestmarschs
Seit rund zweieinhalb Jahren koordiniert Anna Topliyski das Netzwerk der Bürgerbewegung „Citizens for Ecological Learning & Living“ (CELL). Für CELL unterstützt die 35-Jährige in diesem Jahr die Organisation der „Marche pour la Terre.“ Die dritte Ausgabe wird von „Votum Klima“ organisiert – einem Zusammenschluss von 15 gemeinnützigen Vereinigungen in Luxemburg, die sich für ein stärkeres gemeinsames und politisches Handeln gegen die Klimakrise einsetzen. Neben u.a. „Fairtrade Lëtzebuerg“, „natur&ëmwelt“ oder „ProVelo“ gehören auch CELL und Greenpeace der Plattform an. Für Greenpeace wirkt u.a. Gauthier Hansel an der Organisation mit. Der 25-Jährige arbeitet seit einem Jahr als Kampagnenbeauftragter bei Greenpeace Luxembourg. Die Veranstaltung beginnt am Mittwoch um 17.30 Uhr mit Konzerten am Bahnhof in der Hauptstadt. Um 18.30 Uhr startet der Protestmarsch und setzt sich in Richtung Chamber in Bewegung. Weitere Infos gibt es in den sozialen Medien unter „Marche pour la Terre“.
Unternimmt die Luxemburger Regierung genug für Umwelt- und Klimaschutz?
A. T.: Nein, sonst müssten wir nicht auf die Straße gehen. Wir von CELL arbeiten zwar mit dem Umweltministerium zusammen, aber unsere Sicht wird nicht immer berücksichtigt. Allgemein muss die Politik mehr tun, um ihre Verpflichtungen umzusetzen. Wer sich per Abkommen dazu verpflichtet, von den fossilen Energien wegzukommen, muss sich auch die finanziellen Mittel dafür geben und entsprechende Aktionen umsetzen – zum Beispiel Weiterbildungen zu dem Thema organisieren. Wir brauchen konkrete Pläne mit Fristen.
G. H.: Ich teile Annas Meinung. Luxemburg macht Fortschritte, aber diese gehen nicht weit genug. Während der COP30 wurden sich ambitiöse Ziele in puncto fossile Energien gesetzt, gleichzeitig investiert Luxemburg über den „Fonds de compensation“ (FDC) eben in gerade diese Energien. Eine im vergangenem Jahr veröffentlichte Analyse zeigt, dass der Fonds Rentenbeiträge in Unternehmen der Kohle-, Öl- und Gasindustrie investiert. Das ist nicht kohärent.
Warum lohnt es sich, für den Planeten auf die Straße zu gehen?
A. T.: Die Frage stellt sich nicht – schließlich leben wir auf der Erde. Es geht um unser Überleben. Mit der „Marche pour la Terre“ kämpfen wir für das Leben, das verschwindet, und für diejenigen, die keine Stimme haben. In Luxemburg haben wir das Recht, zu demonstrieren. Aber im Iran zum Beispiel werden Leute ermordet, weil sie auf die Straße gehen. Daraus ergibt sich eine Verantwortung. Wir setzen uns für die Menschen, Tiere und Pflanzen ein, die nicht für sich sprechen können. Veränderung braucht Druck aus der Bevölkerung. Wir sollten das Gewicht unserer Stimmen nicht vergessen und zeigen, dass wir da sind. Passivität hat noch nie zu Lösungen geführt.
G. H.: Auf die Straße zu gehen, ist in unruhigen Zeiten wichtiger denn je. Wir setzen uns nicht nur für die Erde, sondern auch für Frieden ein. Kriege zerstören Leben und Ökosysteme, denn dabei werden Millionen Tonnen CO₂ ausgestoßen. Unsere Forderungen basieren auf folgenden drei Pfeilern: Frieden, Wohlergehen der Bevölkerung und der Erde. Oder auf Englisch: „Peace, people, planet“.
Gemeinsam mit Hunderten anderen wollen sich Gauthier Hansel und Anna Topliyski für Erde, Frieden und Menschen einsetzen Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Als „weit entfernt von den traditionellen Veranstaltungen“ beschreibt die organisierende Plattform „Votum Klima“ den Marsch. Warum?
A.T.: Es gibt eine gewisse Müdigkeit gegenüber dem Thema und das ist verständlich. Deshalb setzen wir auf ein festliches Konzept. Wir verbinden Freude und das Feiern mit Protest. Wir wollen zelebrieren, was wir haben: die Artenvielfalt an Pflanzen und Tieren. Rund 60 Sänger von mehreren Chören treten deshalb ab 17.30 Uhr am Bahnhof auf. Man kann einfach dort vorbeikommen, sich das anhören und dann entscheiden, ob man mitgehen will. Auch für Kinder ist es schön. Während des Protests gehen wir singend zusammen vom Hauptbahnhof zur Chamber. Wir erheben gemeinsam unsere Stimmen und zeigen kollektive Stärke. Das heißt aber nicht, dass es keine Protestschreie, Megafone und Schilder geben wird.
Bislang gehört die Veranstaltung zu den kleineren dieser Art
G.H.: Wir wollen mit dem 22. April – am Tag der Erde – einen Termin etablieren, an dem sich die Zivilgesellschaft trifft. Da das Datum meist auf einen Werktag fällt, beginnt die „Marche pour la Terre“ etwas später. Für Leute, denen Klimathemen am Herzen liegen, soll es ein Termin werden, den man nicht verpassen will. Die Veranstaltung wird sich im Laufe der Zeit entwickeln. Je mehr wir sind, desto besser werden wir gehört.
A.T. Der Marsch findet 2026 zum dritten Mal in Folge statt. Zwischen 200 und 500 Leute sind gewöhnlich dabei. Bislang ist es tatsächlich eine eher kleinere Demonstration. Für uns ist die Teilnehmerzahl aber gar nicht so wichtig. Wir achten eher auf Kontinuität – die „Marche féministe“ in Luxemburg zum Beispiel ist auch über die Jahre gewachsen. Wir machen weiter und nehmen die Straße ein. Wer dazukommen will, ist willkommen. Gemeinsam teilen wir der Regierung dann mit, dass es so nicht weitergeht.