Buchkritik zu „491 Tage in den Tunneln der Hamas“
„Im Überlebensmodus“
491 Tage wurde Eli Sharabi als Geisel in Gaza festgehalten. In seinem Buch schildert er den Kampf ums Überleben. Trotz der erlebten Grauen ist es ein Plädoyer für Menschlichkeit.
Eli Sharabi wurde von der Hamas als Geisel genommen und überlebte über 400 Tage Gefangenschaft Foto: Blake Ezra
Nach 843 Tagen war am 26. Januar auch die letzte von der Hamas in den Gazastreifen verschleppte Geisel wieder zu Hause. In einer Suchaktion konnte das israelische Militär (IDF) auf einem Friedhof im nördlichen Gazastreifen die sterblichen Überreste von Ran Gvili ausfindig machen. Gvili war Polizist. Am 7. Oktober wurde er bei der Verteidigung des Kibbuz Alumim ermordet. „Er war einer der Ersten, die loszogen und der Letzte, der zurückkehrt“, sagte seine Mutter.
Der 7. Oktober 2023 ist damit vorbei. Und dennoch wird das Datum sich in das Gedächtnis einbrennen – denn mit 1.182 überwiegend jüdischen Todesopfern, aber auch arabischen Israelis, thailändischen Gastarbeitern und nepalesischen Studierenden, war dieses Pogrom der größte Massenmord an Juden seit dem Holocaust, dem die gleiche Ursache zugrunde liegt: ein Antisemitismus, der auf Vernichtung aus ist.
Sharabis Entführung
Der Autor des Buches, Eli Sharabi, 52 Jahre, Familienvater aus dem Kibbuz Be’eri, wurde am 7. Oktober 2023 von der Hamas entführt. Im letzten Jahr in Israel erschienen und dort auf der Bestsellerliste gelandet, wurde sein Buch vor Kurzem unter dem Titel „491 Tage in den Tunneln der Hamas“ auf Deutsch bei Suhrkamp publiziert: Trotz der Grausamkeiten und der Schwere des Erlebten ist es gut lesbar und packend. Und es ist der erste geschriebene Bericht einer Geisel, die den Terror in den Tunneln der Hamas überlebt hat.
Auf knapp 200 Seiten dokumentiert Sharabi Tagebuch-ähnlich seinen Kampf ums Überleben, die schonungslose Gewalt, Entwürdigung(en) und Folter. Es ist eine Form der Zeugenschaft, die einen unmittelbar an Primo Levis „Ist das ein Mensch?“ (1947) denken lässt. „Ich erinnere, dass das Handy meiner Frau wie verrückt piept und uns alle am Schabbatmorgen aufweckt. Am jüdischen Feiertag Simchat Tora. Am 7. Oktober 2023.“
Sharabi war Manager im Kibbuz Be’eri, ein erfolgreicher Wirtschaftswissenschaftler. Doch seit dem Morgen des 7. Oktober gibt es diesen Mann nicht mehr. Es gibt nur noch den Menschen, der an Hunger und Schmerzen durch die Foltermethoden der Hamas litt. Sein kleines Haus war am Morgen noch mit Luftballons geschmückt, seine Töchter Noiya und Yahel hatten beide am Tag zuvor noch ihre Geburtstage gefeiert. Als die Hamas ihn abführte, drehte er sich noch einmal um und zwinkerte ihnen zu: „Ich komme wieder.“
Gaza ist nur einen Katzensprung vom Kibbuz Be’eri entfernt. Minutiös schildert er die Verschleppung, die Stunden, die vergingen, bis die israelische Armee auftauchte: „Wo bleibt die Armee, um uns zu beschützen?!“ Sharabi behält von Anfang an eine klare Sicht auf die Geschehnisse: „Denn in diesem Moment, als ich die Kibbuz-Umzäunung hinter mir lasse, [...] mit einem Stirnband vor Augen, geschleift von Terroristen, die mich an beiden Händen packen, bin ich mir [...] völlig im Klaren darüber, dass ich gerade nach Gaza entführt werde.“
Die Gewissheit, dass er seine Frau Lianne und seine Töchter in Sicherheit wähnt, hält ihn am Leben: „Ich konzentriere mich auf die eine Mission: zu überleben und nach Hause zurückzukehren.“ Davon, dass seine Frau und seine Töchter im Schutzraum des Kibbuz während des Massakers verbrannt wurden, wird er erst am Tag seiner Freilassung erfahren.

Eli Sharabis Buch „491 Tage: In den Tunneln der Hamas“ wurde aus dem Englischen von Ursula Kömen ins Deutsche übersetzt und erschien 2025 bei Suhrkamp Foto: Suhrkamp Verlag
Von einer Moschee geht es in ein Auto, mit dem er und ein thailändischer Gastarbeiter namens Kong zu einem weiteren Gebäude gebracht werden. Der gesamte Ablauf der Geiselnahme ist wohlüberlegt und koordiniert. „Sie wechseln die Teams, Standorte und Fahrzeuge, damit die IDF sie nicht lokalisieren kann [...]“ Sie fesseln ihn mit Seilen, die in sein Fleisch einschneiden. Während der folgenden drei Tage ist sein Körper ein einziger Schmerz.
In einem der ersten Gebäude, in denen Sharabi versteckt wird, bevor er in die Tunnel verfrachtet wird, hängt ein Stück Stoff mit der Aufschrift „UNRWA“ vor dem Fenster. Hinweise, dass die humanitäre Hilfsorganisation mit der Hamas zumindest in Teilen kollaborierte, gibt es immer wieder.
Die alltäglichen Toilettengänge sind eine Schmach: „Immer, wenn wir pinkeln müssen, packt uns der Vater oder einer der Söhne und führt uns aus dem Zimmer heraus, ins Badezimmer, wo er uns die Unterhose herunterzieht, damit wir uns erleichtern können. Es ist entwürdigend. Du stehst da, entblößt, mit verbundenen Augen, gefesselten Händen und Beinen, um diese intime Handlung zu vollziehen, nachdem ein anderer dir die Hose heruntergezogen hat. Und du weißt, dass er dich die ganze Zeit im Auge behält.“ Irgendwann müssen sie sich vollständig vor ihren Entführern rasieren.
Weil Sharabi auch Arabisch spricht, hegen seine Entführer anfänglich Misstrauen: „Sie glauben, die IDF könnte mir einen Chip oder eine Art Tracker implantiert haben, mit dem sie beobachtet werden.“ Später wird die Tatsache, dass er studiert hat, ihm zumindest bei der ersten Familie, bei der er untergebracht ist, Achtung einbringen. In den Monaten in Haft beginnt er, sie zu studieren: „Mit den geschärften Sinnen eines Mannes, der sich nur auf sein Überleben fokussiert, rieche ich, beobachte ich, fühle ich.“
Von Solidarität bis Zwist
Das Buch ist in keinem Augenblick eine Abrechnung mit der Hamas; im Gegenteil, Sharabi verliert nie den Glauben – auch an die Menschheit. Es ist (s)ein unbedingter Überlebenswille, der dem Begriff „Resilienz“ seine Bedeutung gibt. Mit der Zeit baut er sogar eine Art Vertrauensverhältnis zu seinen Peinigern auf: „Und da sind wir nun: menschliche Wesen, die anderen menschlichen Wesen gegenüberstehen. Die sich in ihrer Angst, ihrer Wut, ihrem Entsetzen und gegenseitigem Misstrauen begegnen. Aber auch in ihrem Lachen, ihrem Schmerz, in einer Tiefe und Vertrautheit und in all ihren Gemeinsamkeiten.“
491 Tage: In den Tunneln der Hamas“ ist ein nur schwer auszuhaltender Zeugenbericht, der die unmenschlichen Bedingungen der Geiselhaft in Gaza dokumentiert, aber in keinem Moment abdriftet ins Moralisierende
An seinem 48. Morgen in Gaza wird Sharabi in einen anderen, 40-50 Meter tief liegenden Tunnel gebracht. Dass er dort auf andere Geiseln trifft, erweist sich als Glück. Sie spenden sich gegenseitig Kraft: „Unsere Unterhaltung entwickelt sich zu einer Art emotionalem Ventil.“ Sein Mitgefangener Hersh Goldberg-Polin wird einmal den Sinnspruch zitieren: „Wer ein Warum hat, erträgt fast jedes Wie.“ Ein Satz, der Sharabis Überlebenswillen stärkt. Einige der Geiseln, die mit ihm gefangen gehalten werden, wird er nie wiedersehen: Hersh Goldberg-Polin. Almog Sarusi. Ori Danino.
Selbst nach Monaten der Demütigungen redet Eli Sharabi auf die mit ihm Entführten ein: „Vergesst nicht, es gibt immer etwas, wenn es auch noch so klein ist, das ihr immer noch kontrollieren könnt.“ Bis zuletzt haben die Geiseln Angst, dass IDF-Einheiten versuchen könnten, in den Tunnel einzudringen, um sie unter Einsatz von Gewalt zu retten. „Wir wissen, dass es niemals funktionieren würde, dass es das Ende wäre. Unser Ende. Ihr Ende.“
Es sind kleine Freuden, an die sich Eli und die anderen Geiseln klammern, wie eine Flasche Fanta, die die Hamas-Terroristen im Tunnel liegen lassen. „Or, Alon und Elia leiden unter ständigem Durchfall. Häufigem Erbrechen. Pilzinfektionen. Ihre Nägel lösen sich. Mein größtes Problem ist der Schwindel, ich vermute, vor Schwäche. (...) Eine weitere Woche vergeht. Dann noch eine. Die Tage vergehen elend langsam, einer stapelt sich auf den anderen.“
Die Peiniger
Dennoch entsteht irgendwann Zwist angesichts des Hungers und der unmenschlichen Lebensbedingungen: „Wir geraten so heftig in Streit, bis wir Wutausbrüche bekommen, bis wir Dinge sagen, die wir nicht sagen sollten, bis sogar unsere Entführer dazwischengehen und ‚uskut‚ rufen, haltet die Klappe! Wir streiten, bis eine bleierne, beklemmende Stille über uns liegt.“
Im Juli 2024 wird ihnen von Hamas-Leuten mitgeteilt, dass sie wegen der Aussagen des rechtsextremen israelischen Ministers Ben-Gvir nur noch einmal am Tag etwas zu essen bekommen: „Jetzt beginnt der Hunger, der wirkliche.“
Im September 2024 werden sie in einen anderen Tunnel verlegt. Sharabi beschreibt seine Peiniger als uninformiert und von der Hamas-Propaganda indoktriniert. Mitunter verhöhnen sie die Geiseln als „jüdische Schweine“.
Immer wieder werden sie gefilmt; am Ende steht eine große Propaganda-Show, die mit den Geiseln einstudiert wird: „Die Hamas-Agenten geben uns detaillierte Bühnenanweisungen für die Zeremonie: wie wir aus dem Auto aussteigen, zur Bühne gehen und die Treppe hinaufsteigen sollen, was wir sagen, was sie sagen werden, wie genau wir winken, wann wir lächeln sollen. Alles. Es ist ein bis ins Detail durchinszeniertes Schauspiel.“
Durch Sharabis Bericht werden Verhältnisse in Gaza plastisch, die viele Journalist:innen in ihrer Berichterstattung nicht erwähnt haben. Auch deswegen ist dieses Buch wichtig. „491 Tage: In den Tunneln der Hamas“ ist ein nur schwer auszuhaltender Zeugenbericht, der die unmenschlichen Bedingungen der Geiselhaft in Gaza dokumentiert, aber in keinem Moment abdriftet ins Moralisierende. Sharabi will aber auch nicht versöhnen. Es ist eine wertvolle Zeugenschaft, ein Plädoyer für Menschlichkeit und ein Ja zum Leben.