Alain spannt den Bogen

Abwechslungsreiche Konzerte in der Valentiny Foundation, im Trifolion und in der Philharmonie

Die klassische Konzertwoche hielt einige Höhepunkte bereit – und das quer durchs Land verteilt. Welche Auftritte mehr, welche weniger in Erinnerung bleiben.

Deutscher Oboist spielt in der Luxemburger Philharmonie vor Orchester und Publikum

Der deutsche Oboist Albrecht Mayer war in der Luxemburger Philharmonie zu Gast Foto: Michal Stolorz

Alain Steffens präsentiert Klassik-Rubrik im Tageblatt mit Noten, Klavier und klassischer Musiklektüre

Alain Steffens Klassik-Rubrik im Tageblatt Bild: Tageblatt

Es ist schön zu sehen, dass das Publikum wieder vermehrt in die Konzerte geht. Das Piazzolla-Konzert in der Valentiny Foundation hatte eine Menge begeisterter Liebhaber angezogen, das traditionelle Konzert des Orchestre Place de l’Europe hat schnell seinen eigenen Fan-Club gefunden und die Solistes Européens Luxemburg können sich über einen regen Publikumszuwachs freuen. Das stimmt optimistisch und macht den Organisatoren wie auch den Musikern wieder Mut. Nach der Corona-Krise wurde es auch Zeit.

Piazzolla geht immer

Nach dem Riesenerfolg ihres Konzertes im Oktober letzten Jahres an gleicher Stelle widmeten sich die Pianistin Beata Szalwinska und der Bandoneonist Gilberto Pereyra am vergangenen Sonntag in der Valentiny Foundation erneut der Musik von Astor Piazzolla. Diesmal war es ein Benefizkonzert zugunsten der Wohltätigkeitsorganisation Tukwataniise, die Schulprojekte in Uganda unterstützt. In ihrem 70-minutigen Programm spielten die beiden Musiker ausschließlich Tango-Werke von Piazzolla.

Das temperamentvolle Micheangelo 70 eröffnete das Programm in einer glutvollen Interpretation der beiden Musiker. Es folgten Auszüge aus Piazzollas Jahreszeiten und Histoire du Tango; während Oblivion und Grand Tango ebenso begeisterten wie Ave Maria und Libertango oder Milonga sin Palabras. Nur Vocalise von Sergej Rachmaninoff in der Bearbeitung für Klavier von Frédéric Meinders machte die Ausnahme.

Beata Szalwinska ist bekanntlich eine klassisch ausgebildete Pianistin, die sich seit Jahren vehement mit der Musik des argentinischen Komponisten auseinandersetzt. Szalwinskas Spiel ist überragend: Kraftvolle Anschläge, höchste Virtuosität und eine stupende Spieltechnik einerseits, wunderbare Gestaltung, zarte, intimistische Momente und stilvolles Musizieren andererseits machen die Pianistin zu einer Idealinterpretin dieser kunstvollen Tango-Musik – denn das ist sie!

Piazzollas Musik ist ein eigenes Universum und eigentlich mit nichts anderem zu vergleichen. Und gerade das macht ihren Wert und ihre Schönheit aus. Aber was wäre der Tango ohne das Bandoneon? Mit dem weltweit geschätzten Gilberto Peyrera stand einer der ganz großen Bandoneonisten auf der Bühne, ein wahrer Meister seines Fachs, und das schon seit über 40 Jahren. Sein leidenschaftliches, wunderschönes Spiel, gepaart mit der außergewöhnlichen Kunst von Beata Szalwinska, ergab eine ebenso homogene wie ergreifende und explosive Mischung. Mit der Verpflichtung dieser beiden Ausnahmekünstler ist der Valentiny Foundation wieder mal ein exzellenter Griff gelungen, der zeigt, dass hochkarätige Musik nicht nur in der Philharmonie stattfindet.

Kubanischer Hüftschwung

Aus der Reihe getanzt wurde auch beim Konzert des Orchestre Place de l’Europe (OPE) im Echternacher Trifolion. Diesmal hatten Dirigent Benjamin Schäfer und seine dynamischen Amateurphilharmoniker ein amerikanisches Programm zusammengestellt. Den Auftakt machte Aaron Coplands Fanfare for the Common Man für vier Hörner, drei Trompeten, drei Posaunen, Tuba, Keddelpauke, Tamtam und Schlagzeug, ein an sich gefährlicher Konzertbeginn für die Blechbläser, müssen sie doch sofort auf den Punkt kommen. Das gelang den OPE-Bläsern dann auch recht ordentlich.

Es folgte – wie Benjamin Schäfer es ankündigte – ein kubanischer Hüftschwung, und zwar mit der Cuban Overture von George Gershwin, den die Musiker des OPE mit viel Spielfreude meisterten und sich sofort als eingespieltes Team zeigten. Überhaupt hatte man den Eindruck, dass die Musiker des Orchesters zusammengewachsen sind und sich auch komplexeren Werken widmen, wie Kay Westermanns Konzert für Marimba (mit Jan Westermann, dem Sohn des beim Konzert anwesenden Komponisten, als Solisten) und Charles Ives’ Variations on America, hier in der Bearbeitung von William Schuman.

Westermanns dreisätziges Konzert stellt große Ansprüche an den Solisten und fordert auch die Orchestermusiker heraus. Es fiel beispielsweise auf, dass alle Solopulte an diesem Abend sehr gut besetzt waren und vor allem der gesamte Streicherapparat viel an Homogenität, Sicherheit und Klangschönheit gewonnen hat. Somit wurde auch das für die damalige Zeit avantgardistische Ives-Werk zu einem akustischen Genuss.

Benjamin Schäfer machte es sichtbar Freude, mit seinem Orchester zu musizieren. Mit viel Engagement agierte er sicher und klar in der Taktgebung, das OPE dankte es ihm mit einer fulminanten Orchesterleistung, die im abschließenden An American in Paris von George Gershwin ihren grandiosen Abschluss fand. Das Publikum war zu Recht begeistert, sodass die Musiker noch mit Mambo aus Leonard Bernsteins West Side Story als krönender Zugabe das Konzert nun definitiv beendeten.

Neuer Mozart und eine klassisch ausgewogene Eroica

Das Konzert mit den Solistes Européens am Montagabend begann dann eher schleppend. Christoph König begann das Konzert mit Johann Strauß’ Walzer An der schönen blauen Donau und überraschte mit einem erstaunlich trägen Gesamttempo, das auch mit agogischen Kniffen nicht so recht in Schwung kam. Auch bei dem folgenden Oboenkonzert KV 293, das auf Mozarts Fragment (erste 50 Takte des Kopfsatzes) zurückgeht und vom Schweizer Komponisten Gotthard Odermatt vervollständigt wurde.

Das ganze Konzert wirkte dabei sehr homogen und frischte Mozarts Kompositionsstil mit einigen unerwarteten Wendungen (die schon in den ersten Takten des 1. Satzes vom Komponisten selbst angekündigt werden) auf. Erstaunlich der 2. Satz Adagio non troppo, der vielleicht die meisten „modernen“ Elemente enthält und mit besonderen Farben und einer reichen Gefühlspalette aufwartet.

Konzert der SEL unter Dirigent Christoph König mit Orchester und musikalischer Leitung auf Bühne

Das Konzert der SEL unter der Leitung des Dirigenten Christoph König Foto: Michal Stolorz

Das abschließende Rondo ist wieder typisch an Mozarts Opernmusik orientiert, sodass die Oboe hier sehr arienhaft spielen darf. Albrecht Mayer macht das vorzüglich, insbesondere der 2. Satz erreicht mit ihm eine atemberaubende Intensität, während das Rondo mit natürlichem Atem und ohne übertriebene Virtuosität gespielt wurde. Der kompakte Klang der SEL ist sehr warm, das Spiel des Orchesters hat aber leider die Tendenz, den Solisten, der viel zu weit hinten steht, zu überdecken.

Schade, dass Christoph König hier den Raum der Philharmonie nicht nutzte und der Musik somit ein offenes, atmendes und transparentes Klangbild vorenthielt. Beethovens 3. Symphonie Eroica verträgt das dann weitaus besser als das feingliederige Mozart/Odermatt-Konzert. König überraschte hier mit einer sehr individuellen Auslegung, die vor allem die Farben und eine innere Logik und Spannung in den Mittelpunkt stellte, dabei eher klassisch besonnen als innovativ oder markant wirkte.

Die Interpretation an sich war sehr ausgewogen, unaufdringlich, rund und fand ihren Höhepunkt in dem wundervoll ausmuszierten 2. Satz. Die Musiker boten bei Beethoven eine makellose Leistung und beeindruckten mit einem ebenso präzisen wie homogenen Spiel, bei dem die Hörner ein Sonderlob verdienen.

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