Alain spannt den Bogen

Gustavo Gimeno begeistert bei seiner Stippvisite in der Philharmonie

Ein Comeback, das begeisterte, und Comics, die irritierten: So lief die klassische Konzertwoche. Beobachtungen aus den Zuschauerrängen der Philharmonie.

Gustavo Gimeno dirigiert das Toronto Symphony Orchestra live in der Philharmonie bei klassischem Konzert

Gustavo Gimeno war mit dem Toronto Symphony Orchestra zurück in der Philharmonie Foto: Sébastien Grebille

Man sollte vorsichtig sein, wenn man zwei sehr verschiedene Kunstgattungen miteinander vermischt. Leider ging das Konzept bei dem irreführenden Titel „L’Ambiance va être chouette“ bei dem Midi-baroque-Konzert vom vergangenen Dienstag nicht ganz auf. Witzige Cartoons mit an sich doch sehr ernsten und intimistischen Musikstücken zu verbinden, war wohl eher der Versuch des Schweizer Erzlautisten Vincent Flückiger, sich als Musiker und Zeichner darzustellen. Seine Cartoons, die während des Konzerts projektiert wurden, sind nicht schlecht, riefen aber keinen einzigen Lacher im Publikum hervor.

Weniger ist mehr

Vielleicht ein Schmunzeln, aber sowieso waren die meisten ja gekommen, um ein gutes Barockkonzert zu hören. Das wurde dann auch geboten. Denn Flückiger ist ein wunderbarer Lautist mit einem herrlichen Ton und einer enormen Spannbreite an Ausdrucksfähigkeit. Auf dem Programm standen Werke von Alessandro Piccini, Giovanni Girolamo Kapsberger, Girolamo Frescobaldi, Giovanni Zamboni, Bernardo Storace, Johann Sebastian Bach und Antonio Vivaldi, das er teils zusammen, teils abwechselnd mit der Cembalistin Anne-Catherine Bucher auf höchstem Niveau zu gestalten wusste. Sehr schön auch, dass man sich diesmal nicht für Virtuosenstücke, sondern hauptsächlich für sehr feine, zarte und intimistische Werke entschieden hatte.

Bild- und Klangkunst vereint bei der vergangenen Ausgabe des Midi Baroque Festivals in barockem Ambiente

Beim „Midi baroque“ fanden Bild- und Klangkunst zusammen Foto: Alfonso Salgueiro

Wie immer waren die Erklärungen ein willkommenes Plus und man erfuhr von Flückiger so einiges über Bau, Klang und Geschichte der Erzlaute. Am Schluss des Konzerts konnte man einige ausgestellte Drucke bewundern und Flückiger signierte sein letztes Cartoon-Buch, das 2024 mit der Unterstützung der luxemburgischen Fondation Loutsch-Weydert veröffentlicht wurde. Eine CD dieses hochkarätigen Musikers wäre mir allerdings lieber gewesen.

Einige Worte

Auch beim Konzert des Toronto Symphony Orchestra, mit dem Gustavo Gimeno erstmals nach seinem Abgang beim Luxembourg Philharmonic wieder in die Philharmonie zurückkehrte, wäre weniger mehr gewesen. Dies betrifft aber nicht Gimeno und sein Orchester, sondern die Solistin des Abends, Patricia Kopatchinskaja, an die ich an dieser Stelle einige persönliche Worte richten möchte: „Sehr geehrte Frau Kopatchinskaja, Sie sind doch eine viel zu große Künstlerin und Interpretin, als dass Sie dieses Gehopse und Grimassieren auf der Bühne nötig hätten. Bartoks Musik ist doch wirklich stark genug und muss nicht noch durch eine übertriebene Mimik und störendes Hin-und-Her-Springen (ja, ich weiß, Lenny Bernstein hat das auch gemacht ...) doppelt und dreifach unterstrichen werden. Lassen Sie doch Lang Lang seine Noten verzückt in den 7. Himmel werfen und Jakub Josef Orlinski seine spektakulären Purzelbäume auf der Bühne machen, Sie vermitteln eine so tolle Musikalität und Dynamik und Sie besitzen ein so großes spielerisches Können, dass Ihre Interpretationen diese szenischen Choreografien wirklich nicht brauchen. Sie begeistern das Publikum auch so.“

Patrici Kopatchinskaja spielt leidenschaftlich Geige in Béla Bartóks Musikinterpretation

Patricia Kopatchinskaja lieferte eine tolle Interpretation von Béla Bartók Foto: Sebastien Grebille

Und zu Recht, denn Patricia Kopatchinskajas Interpretation von Bela Bartoks zweisätzigem 1. Violinkonzert war überragend. Besonders im intimistischen und stimmungsvollen ersten Satz begeisterte die Violinistin durch ein ebenso subtiles wie tief empfundenes Spiel. Der zweite Satz lag ihr natürlich ebenfalls, denn hier konnte Kopatchinskaja zeigen, welch große Virtuosin sie ist und mit welcher Leichtigkeit sie die doch diffizilen Läufe und sprunghaften Eskapaden beherrscht. Als Zugabe durfte dann das Publikum mitsingen, und zwar das im zweiten Satz zitierte Kinderlied „Der Esel ist ein dummes Tier“, dies sogar vierstimmig, zu großen Spaß der meisten.

Kontrolliert, aber mit Tiefe und Atem

Das Konzert des Toronto Symphony Orchestra begann mit Curiosity, Genius and the Search For Petula Clark der (im Saal anwesenden) kanadischen Komponistin Kelly-Marie Murphy. Es ist ein tolles Stück voller virtuoser musikalischer Einfälle, bei dem man die Freude am Komponieren herausspürt. Das bereits 2017 komponierte Auftragswerk des Toronto Symphony Orchestra mit Unterstützung der kanadischen Regierung und der Glenn Gould Foundation entstand zu Ehren des 80. Geburtstags von Gould und des 70. Jahrestags seines Debüts mit dem TSO. Der exzentrische Gould hatte Gefallen an Petula Clarks Hit Who am I gefunden und beschäftigte sich intensiv damit. „Die Musik Murphys begreift – laut Programmheft – das Spannungsfeld von Glenn Gould und seiner Begeisterung für Petula Clark im Kontext des kanadischen Nordens – als Komposition aus, aber eben auch über Kanada und seine Landschaft.“ (Birger Petersen) Dies alles muss man aber nicht wissen, um sich an der mitreißenden Musik von Kelly-Marie Murphy zu erfreuen. Manchmal wünsche ich mir, dass unsere europäischen zeitgenössischen Komponisten mit ihrem intellektuell-verknöcherten Stil sich ein Beispiel an der Musik der amerikanischen resp. kanadischen Kollegen nehmen würden. Dann könnte die zeitgenössische Musik tatsächlich auf einmal Spaß machen und das Publikum mitnehmen.

Nach der Pause stand dann Prokofjews 5. Symphonie auf dem Programm und bekräftigte den guten Eindruck des TSO der ersten Konzerthälfte. Von Gustavo Gimeno war man nicht überrascht, denn es war ein typisches Gimeno-Konzert, so, wie wir den Dirigenten aus den letzten Jahren beim Luxembourg Philharmonic kannten. Das Dirigat war kalkuliert und kontrolliert, wie immer schuf Gimeno seine berühmten Klangräume, die dem Orchester und der Musik Tiefe und Atem verliehen. Das kam insbesondere Murphys Werk und natürlich der 5. Symphonie von Prokofjew zugute, die beide sehr ausbalanciert und homogen im Klang wirkten.

Die gewaltigen Steigerungen des ersten Satzes der Prokofjew-Symphonie hätten etwas mehr Expressivität und Innenspannung vertragen können, aber Gimeno war noch nie ein Dirigent der großen Effekte. So blieben die Ecksätze gezügelt und z.T. sogar etwas brav, ansonsten muss man die Orchesterarbeit des Dirigenten sehr loben. Besonders der 2. Satz Allegro marcato mit seinen vielen Wendungen geriet Gimeno und seinen Musikern hervorragend. Und schön auch, dass sich die Musiker und Organisatoren für dieses Programm mit drei ungewöhnlichen respektive eher selten gespielten Werken entschieden hatten. Das Publikum reagierte begeistert und feierte am Schluss Gimeno und das sehr gute TSO, die sich mit zwei kurzen Prokofjew-Zugaben bedankten.

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

Julia Malye au Luxembourg

Redonner vie aux destins féminins oubliés