Festival de Cannes
Gegen den Holocaust-Tourismus: „Where Is Anne Frank“ von Ari Folman
In seinem von Samsa koproduzierten Animationsfilm „Where is Anne Frank“ transposiert der israelische Regisseur Ari Folman nicht nur das weltbekannte Tagebuch der Anne Frank in eine liebevoll gezeichnete Fiktionswelt – indem er Gegenwart und Vergangenheit fantasievoll verzahnt, kritisiert er den Holocaust-Tourismus, die Ikonisierung der Anne Frank und die wirtschaftliche Ausbeutung der Erinnerungskultur. Auf Gemeinplätze und die aufgesetzte Pädagogik hätte man nichtsdestotrotz verzichten können. Das Tageblatt hat den Film rezensiert und sich mit dem Regisseur unterhalten.
Bild: Big Whale Productions
Über Anne Frank und ihr Tagebuch wurde eigentlich bereits alles gesagt, geschrieben und verfilmt – weswegen Regisseur Ari Folman den Vorschlag des Anne-Frank-Fonds, einen weiteren Film über die Person zu drehen, erst mal dankend ablehnte. „Anne Frank ist eine Ikone. Ich hatte nichts hinzuzufügen, was nicht schon tausendmal gesagt oder gemacht worden wäre. Man schlug mir vor, das Tagebuch nochmal zu lesen. Die Menschen vom Anne-Frank-Fonds wussten, dass ich der Sohn Holocaust-Überlebender bin. Als ich meiner Mutter von meiner Skepsis gegenüber des Projekts erzählte, meinte sie: ‚Mach, was du willst, mein Sohn. Aber wenn du das Projekt nicht annimmst, werde ich morgen sterben. Wenn du es durchziehst, werde ich weiterleben.‘ Sie war damals 90, heute ist sie 98. Manchmal denke ich, sie hat so lange weitergelebt, weil ich so lange gebraucht habe, um den Film zu machen.“