Fall Kiesch
Freilassung in Spanien – Luxemburger Behörden bleiben wortkarg
Die luxemburgische Staatsanwaltschaft hat die Wiederfreilassung von Luxemburgs meistgesuchtem Verbrecher „zur Kenntnis genommen“. Justizministerin Sam Tanson will sich indessen nicht zum Fall äußern – sehr zum Unmut der Familie des Opfers.
Jean-Marc Kiesch (39) wurde vor einem Monat in Punta Umbria aufgegriffen. Inzwischen ist er wieder auf freiem Fuss, muss sich aber alle 15 Tage bei den Behörden melden. Screenshot: Video Policía Nacional
„Die Luxemburger Justiz hat zur Kenntnis genommen, dass Herr Kiesch unter Auflagen wieder auf freien Fuß gesetzt wurde“: Mit diesen Worten hat die hiesige Staatsanwaltschaft gestern auf die Meldungen des Wochenendes reagiert, wonach Luxemburgs meistgesuchter Verbrecher nach seiner Festnahme in Spanien am Freitag wieder freigelassen wurde.
16 Jahre lang war weltweit nach Jean-Marc Sirichai Kiesch gefahndet worden, nachdem der in Luxemburg verurteilte Schwerverbrecher 2004 einen Hafturlaub genutzt hatte, um sich ins Ausland abzusetzen. Der Luxemburger mit thailändischen Wurzeln wurde vor einem Monat in einem spanischen Badeort, nur wenige Kilometer östlich der portugiesischen Grenze, von den Behörden aufgegriffen.
Am Wochenende wurde der 39-Jährige wieder aus der Haft entlassen. Ein Gericht in Madrid begründete die Freilassung mit dem Umstand, dass 21 Jahre seit seiner Tat vergangen seien und Kiesch inzwischen in Spanien verwurzelt sei. Der Luxemburger war wegen Totschlags verurteilt worden, nachdem er im Januar 1999 eine 69-Jährige bei einem Einbruch auf brutale Weise ermordet hatte.
Familie des Opfers reagiert mit Trauer und Unverständnis
Bei der Freilassung handele es sich um eine provisorische Entscheidung, betont die Luxemburger Staatsanwaltschaft gegenüber dem Tageblatt. Der Antrag zur Auslieferung werde noch bearbeitet. „Luxemburg hält an diesem Antrag fest“, so ein Sprecher. Ansonsten aber müsse man abwarten, bis die spanische Justiz die Prozedur abgeschlossen habe. Dabei sei es nicht ausgeschlossen, dass dort verschiedene Fristen aufgrund der Pandemie verlängert wurden.
Justizministerin Sam Tanson lehnte indessen jegliche Stellungnahme ab. Fragen, wie man die Entscheidung aus Spanien bewerte und ob Luxemburg seine Auslieferungsbemühungen nun verstärke, blieben unbeantwortet. Nur so viel war in Erfahrung zu bringen: „Zwischen EU-Mitgliedstaaten greift das Justizministerium in keinster Form ein. Deshalb besitzen wir auch keine Informationen dazu.“
Die Familie des Opfers reagiert indessen mit Wut, Trauer und Unverständnis auf die Entscheidung der spanischen Behörden. Auf brutalste Weise sei ihre Mutter vor 20 Jahren ermordet worden, schreibt eine der Töchter in den sozialen Netzwerken. Der Täter aber sei nach seiner Festnahme nur wenige Wochen später wieder auf freiem Fuß. „Hier läuft etwas schief. Jemand muss Verantwortung übernehmen“, so die Forderung der Betroffenen.
Im Gespräch mit dem Tageblatt zeigt sich eine weitere Tochter schockiert angesichts der spanischen Entscheidung. Enttäuscht aber sei sie angesichts des Schweigens der Luxemburger Verantwortlichen. Von diesen fühle sie sich seit Jahren im Stich gelassen. Sowohl vom Hafturlaub und der Flucht als auch von der Festnahme und Wiederfreilassung habe die Familie nur aus den Medien erfahren. „Ich bin sprachlos“, so die Tochter.