Stolpersteine in Esch (11)
Familie Lukmanski-Lebenstein: vom Ghetto Litzmannstadt nach Chelmno
In der Escher rue du Brill 88 liegen drei Stolpersteine vor dem ehemaligen Wohn- und Geschäftshaus einer jüdischen Familie. Sie erinnern an Aron, Frieda und Jeanne Lukmanski.
Die Stolpersteine von Aron, Frieda und Jeanne Lukmanski Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Aron Lukmanski, der Familienvater, geboren am 28. Oktober 1889 in Vitebsch (Weißrussland, damals Russland), heiratete 1910 in Nancy die am 28. Februar 1888 ebenfalls in Vitebsch geborene Frieda Lebenstein. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Claire, geboren am 26. Juni 1912 in Nancy, Henri, geboren am 27. Juli 1915, ebenfalls in Nancy, und Jeanne, geboren am 17. Juli 1920 in Spanien.
Nach Aufenthalten in verschiedenen europäischen Ländern ließ sich die Familie 1921 in Esch nieder. Dort eröffneten sie einen Malerbedarfs-Laden, bei dem Vater und Sohn auch als Anstreicher arbeiteten. Henri, der Sohn, war außerdem Musiker und versuchte auch in diesem Beruf in Frankreich zu arbeiten. Zusätzlich musste er, als französischer Staatsbürger, von 1936 bis 1938 zum französischen Militärdienst nach Metz. Claire wiederum heiratete 1936 den Franzosen Paul Guerber und lebte fortan in Audun-le-Tiche. Tochter Jeanne war als Friseurgehilfin bei Pozzi-Fey in Esch tätig.
Nach der deutschen Invasion im Mai 1940 und der Evakuierung der Escher Bevölkerung nach Frankreich kehrten Aron, Frieda und Jeanne Lukmanski nach kurzer Zeit nach Esch zurück.
Nur elf von 323 überlebten
Da Luxemburg am 10. Mai 1940 von den Nazis besetzt wurde, galten auch die Juden als deutsche „Reichsjuden“. Somit musste Aron Lukmanski nach der Beschlagnahmung des Geschäftes aufgrund der NS-Rassengesetze Zwangsarbeit bei Paul Wurth leisten. Henri Lukmanski war der französischen Armee beigetreten und fiel am 9. Juni 1940 während der „Bataille de France“ in Niederhoff (Elsass). Er gehörte zum 166. „Regiment d’infanterie de forteresse“. Der Westfeldzug war die entscheidende Phase des Krieges, bei der die deutsche Wehrmacht ihre Verbände auf die Eroberung von Frankreich konzentrierte.
In etwa ein Jahr später, am 21. Juni 1941, wurden die Eltern verhaftet und eingesperrt. Da sie als Russen galten, konnten sie nur wegen der Fürsprache des israelitischen Konsistoriums bei der Gestapo wieder freikommen. Am 16. Oktober 1941 mussten sich Aron (52 Jahre), Frieda (53 Jahre) und Jeanne (21 Jahre) Lukmanski im luxemburgischen Hauptbahnhof einfinden. Sie wurden, zusammen mit 323 weiteren jüdischen Personen aus Luxemburg, ins Ghetto Litzmannstadt (Lodz) nach Polen deportiert. Im Mai 1942 wurden alle drei Familienmitglieder, gemeinsam mit weiteren Deportierten, in das 70 km von Litzmannstadt entfernte Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof, Polen) transportiert. Hier wurden sie durch Autoabgase in zu mobilen Gaskammern umfunktionierten Lkws umgebracht. Von den 323 Deportierten aus dem oben genannten Transportzug überlebten lediglich elf Menschen.
Tochter Claire, die mit ihrem Ehemann nach Epinal gezogen war, überlebte als Einzige der Familie den Krieg.
Da 1938, d.h. vor der NS-Besatzungszeit, alle Wertsachen der Familie notariell festgehalten worden waren, umfasste der amtlich bekannte Familienbesitz in Esch drei Wohnhäuser. Darauf basierend stellte Claire, nach der Befreiung, einen Antrag auf Kriegsentschädigung. Dieser wurde allerdings in erster Instanz abgelehnt, da – so die gerichtliche Begründung – das Entschädigungsgesetz nur für luxemburgische Bürger gelte. 1951 erhielt Claire jedoch die Häuser zurück.
Lesen Sie auch die weiteren Beiträge unserer Serie:
– Erinnerungen an die Familie Adler: von der Brillstraße 38 nach Auschwitz
– Die Familie Freymann, Kaufleute aus Polen
– Die Pferdehändler-Familie Nathan aus der rue de la Libération
– Der Geschäftsinhaber und Resistenzler Julien Cerf
– Der Geschäftsinhaber Ferdinand Cahen
– Die Familie Wachenheimer und ihre Deportation nach Theresienstadt und Auschwitz
– Familie Schlang und ihre Deportation nach Litzmannstadt und Majdanek
– Familie Feiner-Bobrowsky und ihre Deportation nach Chelmno und Auschwitz
– Die Metzgerfamilie Nussbaum-Schmitz und ihre Deportation nach Drancy und Auschwitz
Die Stolperstein-Serie
Stolpersteine sind kleine Gedenksteine, die im Straßenpflaster eingelassen sind und an die Opfer des Holocaust erinnern. Die Idee stammt von dem deutschen Künstler Gunter Demnig, der 1992 die ersten Steine in Köln verlegte. Seitdem hat sich das Projekt stetig weiterentwickelt und verbreitet. Bis heute wurden in 31 Ländern Europas 100.000 Steine (Stand 26.5.2023) verlegt, hiervon 30 Steine in Esch/Alzette. Die bewusste Platzierung im Alltagsleben erzeugt eine symbolische „Stolperfalle“, die die Passanten zum Innehalten und Nachdenken über das Schicksal dieser Opfer anregt.
Auswahlbibliografie
– Bauer, Fritz: „Der Staatsanwalt – NS-Verbrechen vor Gericht“, Deutschland 2014
– Cerf, Paul und Isi Finkelstein: „Les Juifs d’Esch – chroniques de la communauté juive de 1837 à 1999“, Luxemburg 1999
– Frënn vum Resistenzmusée: Stolpersteine Esch/Alzette, Esch/Alzette 2021
– Levi, Primo: „Ist das ein Mensch?“, Deutschland 1988
– Lorang, Mil: „Luxemburg im Schatten der Shoah“, Luxemburg 2019
– Rajsfus, Maurice: „Drancy – un camp de concentration très ordinaire 1941-1944“, Paris 1996
Danke an das Escher „Musée national de la Résistance et des droits humains“ für das Zurverfügungstellen verschiedener Fotos und Dokumente.