Morrissey in der Rockhal
Eine Wiederbegegnung mit dem gefallenen Gott aller traurigen Britpopper
Ex-Frontmann von The Smiths, lebende Legende, der letzte der berühmten internationalen Playboys, notorischer Unruhestifter, Brexit-Fan, rechtspopulistischer Rüpel. Morrissey kommt nach Belval – und unser Autor fragt sich, ob man dem einst messianisch Verehrten vergeben kann.
„Dear God, please help me“: Diesen Song hat Morrissey bei seinem Auftritt in der Rockhal zwar nicht gespielt, gefleht hat er trotzdem Foto: Editpress/Alain Rischard
Es dauert genau zwei Songs, bis Morrissey einem an diesem Abend das Herz einen Spalt weit öffnet. Und genau drei Songs bis er in diese schmale Herzensöffnung dann flink und gnadenlos wie ein Dolch hineinsticht. Es ist ein nasser Februarfreitagabend und der Brite – Ex-Frontmann von The Smiths, lebende Legende, der letzte der berühmten internationalen Playboys, notorischer Unruhestifter, gefallener Gott – zurück in der Rockhal. Für den Autor ist es das erste Morrissey-Konzert seit genau 20 Jahren. 2006 in der Frankfurter Jahrhunderthalle war das, in einem anderen Leben. Für den Autor, aber auch für Morrissey.
Letzterer war damals wohl auf dem Zenit seiner Karriere. Fast 20 Jahre waren seit der Smiths-Auflösung vergangen, Morrissey, schon eher im zweiten Frühling seiner Solo-Karriere, hatte 2004 ein lautes und kommerziell erfolgreiches Comeback hingelegt. Als „Mozzer“ messianisch verehrt von seinen Jüngern. Ein Popstar mit dieser speziellen Anziehungskraft auf viele traurige junge Männer und ein paar traurige junge Frauen, über mindestens zwei Generationen hinweg. Indie-Boys, Britpopper, Waver, Grufties. Kurz: So eine Morrissey-Show war 2006 fast eine sakrale Angelegenheit.
Und weil die Zeit bei den meisten Menschen das Herz verschließt und Morrissey sein Übriges getan hat mit rechtspopulistischen Thesen und Parolen, geht man 2026 mit einer deutlich distanzierteren Haltung auf dieses Konzert. Man steht nun also im abgehängten und dennoch nur zu zwei Dritteln gefüllten Saal der Rockhal, abgeklärt und gepanzert von Alter und Zynismus, und dann singt der 66-jährige Mann da vorne mit ungebrochenem flehentlich-kämpferischen Lebensüberdruss, dass er den Jungen doch einfach nur glücklich sehen will – und die Herzwand beginnt zu bröckeln. Es folgt „Shoplifters of the World Unite“, der bereits erwähnte Dolchstoßsong, erster von einer ganzen Handvoll Smiths-Songs an diesem Abend, bitter-böse wie eh und je, verzweifelt-süffisant in den Abgrund der Welt starrend. Es ist der Song, der einen alles überdenken lässt.
Die Setlist ist ein Fan-Traum
Morrissey selbst hat in einem seiner berühmtesten Songtexte einst Jesus vergeben, weil er so viel unerfüllbare Leidenschaft in ihn gesteckt habe. Kann man nun alte Leidenschaften wieder entflammen und Morrissey vergeben? Nach all dem dummen, rassistischen Quatsch, den er in den letzten Jahren verzapft hat? Der Mann ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten – freundlich ausgedrückt – mächtig in Ungnade gefallen. Gleich mehrere seiner Alben sind unveröffentlicht geblieben, Label-Probleme, inhaltliche Kontroversen. Morrissey selbst würde wohl sagen, man habe ihn „gecancelt“.
Und doch schwingt er an diesem Abend in der Rockhal von zwei Jahrzehnten nahezu unberührt über die Bühne. Hinter ihm flimmern Projektionen von Filmausschnitten. Der junge Jeff Bridges. Robert Mitchums mit „Love“ und „Hate“ tätowierte Knöchel. Morrisseys ästethische Vorliebe für Old- und Nicht-so-Old-Hollywood, für Filmkunst im Allgemeinen, ist ungebrochen. Das ist bei weitem nicht die einzige Konstante. Auch die Hose rutscht ihm noch immer regelmäßig gefährlich tief. Was auch an den Utensilien liegen könnte, die sich der Sänger als Simulacra männlicher Geschlechtsteile in den Hosenbund steckt. An diesem Abend sind es – nacheinander oder gleichzeitig – ein paar Maracas, ein Seidentuch, ein paar Blumen und etwas, das aussieht wie zwei künstliche Rosenblüten. Auch die Backing-Band (obwohl in anderer Besetzung) bolzt wie von seinen Live-Auftritten gewohnt immer ein wenig zu druckvoll über die zarteren Songs seines Sets hinweg.
Manche Dinge ändern sich nicht: Morrissey und seine Simulacra männlicher Geschlechtsteile im Hosenbund Foto: Editpress/Alain Rischard
Es ist Morrissey selbst, der die Frage, die im Kopf des Autors rumort, nach 20 Minuten anspricht. Man muss ihn an dieser Stelle kurz im britischen Original zitieren, weil der Sound ja bekanntlich die Musik macht (und der Mann ein bekannter Journalisten-Verachter ist, der der Presse gerne fälschlich vorwirft, ihn falsch zu zitieren): „As you know, I am held in the highest possible suspicion“, sagt Morrissey. Der höchstmögliche Verdacht. „I can live with it.“ Der Abpraller, zurück ans Publikum gespielt: „If you can live with it.“ Da nagelt Morrissey natürlich die zentrale Frage des Abends. Eine Frage, die man unverzüglich und plump mit der strikten Trennung von Werk und Künstler beiseite wischen könnte. Oder man gräbt tiefer.
Was war eigentlich noch mal genau vorgefallen? In der verkürzten Schnellzusammenfassung etwa das hier: Morrissey nannte den Brexit den „größten demokratischen Sieg in der Geschichte der britischen Politik“, bezeichnete Chinesen als „Untermenschen“, relativierte Harvey Weinsteins sexuellen Missbrauch und machte Fernsehkoch Jamie Oliver in einem Anflug von Vulgär-Veganismus den Vorschlag, er solle doch seine eigenen Kinder essen, wenn ihm Fleisch so gut schmecke. Ach ja, und in einem Interview mit dem deutschen Spiegel nannte er Berlin vor knapp zehn Jahren eine „Vergewaltigungshauptstadt“ – wegen der „offenen Grenzen“ von 2015. Das waren auch damals schon stramm-rechte AfD-Parolen.
Ein Vorbote des rechten Vibe-Shifts
All das ist wahr. Wahr ist aber auch, dass Morrissey an diesem Abend in der Rockhal umhaut. Die Setlist ist gelinde gesagt der Wahnsinn. Eine Karriereschau im bestmöglichen Sinn. Und auch die drei eingesprenkelten neuen Songs überzeugen so sehr, dass sich im erkalteten (enttäuschten?) Fanherzen zum ersten Mal seit anderthalb Jahrzehnten so etwas wie Vorfreude auf ein neues Morrissey-Album regt. „Make-up is a Lie“ flaniert mit einer nicht mehr für möglich gehaltenen „Mozzer“-Grandezza, während Brigitte Bardot hinten auf der Leinwand unbeeindruckt im Kaffee rührt. Ab da gibt es keine Gnade mehr. Der Aufruf zum Ungehorsam von „A Rush and a Push and the Land Is Ours“ vom Smiths-Schwanengesang „Strangeways, Here We Come“. Zuerst noch gnadenloser verhallt als in der Studioversion, dann von der Band in einen herrlich verzuckelten Offbeat gesteuert. Der elegische Abgesang „Now My Heart Is Full“ vom 1994er Soloalbum „Vauxhall and I“. Puh.
Berührt und beseelt, verwirrt und verloren formt sich beim Autor eine These, um alledem Sinn zu geben: Nicht Morrissey hat sich verändert, sondern die Welt. Denn wenn man genau hinhört in seiner Diskografie, dann war er neben dem verletztlich-großspurigen Poeten, dem Tierrechts-Aktivisten und dem Monarchie-Verachter eben auch schon immer ein scharfer britischer Nationalist mit rassistischen Ressentiments. Man hat ihn nur jahrelang als „agent provocateur“ gelesen (was er auch sicherlich ist) und dabei über ein paar ziemlich eindeutige Belege hinwegsehen. Schon sein Debütalbum „Viva Hate“ wetterte 1988 ganz unironisch gegen Einwanderer aus Bangladesch. Ein paar Jahre später performte er von Skinheads flankiert und in den Union Jack gewickelt „National Front Disco“. Und 2004 wünschte Morrissey sich auf „Irish Blood, English Heart“, endlich neben der Flagge stehen zu können, ohne sich wie ein Rassist zu fühlen.
Morrissey hat nie einen Hehl um seine Positionen gemacht. Im Zeitalter der sozialen Medien wurden seine Positionen jedoch viel häufiger verbreitet – und skandalisiert. Hinzu kommt: Morrissey war immer gegen das politische Establishment. Nur wird diese Pose heute nicht mehr von linken Revoluzzern, sondern von selbst ernannten rechten Rebellen besetzt. Morrissey hat in seiner Karriere, wenn man so will, den rechten Vibe-Shift vorweggenommen.
In der Rockhal ruft er nun: „Der nächste Song wurde geschrieben, bevor Cancel Culture die Kunst zerstört hat!“ 2014 soll das gewesen sein, „World Peace is None of Your Business“. Ein für Morrisseys Verhältnisse relativ unverschlüsselt politischer Song. Und ein perfektes Beispiel für seine Ambiguität. Ein Song auf Messers Schneide. Über Apathie und Unterdrückung, Feigheit und Opportunismus. Nur könnte das in jede Richtung gehen: hellwacher politischer Geist oder eben Schwurblerhymne. „Each time you vote, you support the process.“ Ist das schon demokratiefeindlich oder noch machtkritisch?
Doch bevor man zu lange nachdenken kann, wie man das genau zu verstehen hat, schmeißt sich Morrissey ins Klassiker-Finale. „I Know it’s Over“. „Suedehead“. „Everyday is like Sunday“. Es tut so schön weh. Fast zerreißt einen die Melancholie. Größtmöglicher Außenseiter-Pop. „I am no one, I am nothing“, sagt Morrissey, nachdem er ganz am Ende seine Band vorgestellt hat. Es ist die nackte, blanke Wahrheit. Da vorne steht kein Messias, noch nicht mal ein Pop-Star. Sondern nur ein gealterter Mann, der auch keine Antworten hat. Nicht für sich und nicht für andere. Keine Hilfe, nirgends. Es ist ein schöner, befreiender Moment.
Dann, ganz zum Schluss: „There is a Light that Never Goes Out“, die größte aller Smiths-Großtaten. Todessehnsüchtig. Zuversichtlich. Vereint in Vergänglichkeit. Morrissey zieht sein T-Shirt aus, der nackte 66-jährige Oberkörper glänzt im Licht, dann verschwindet er. Aus, vorbei. Der Saal bleibt trotzdem dunkel. Ein Stummfilm-Ausschnitt läuft in Endlosschleife. Ein Mann schießt sich in den Kopf, immer und immer wieder. Dann geht das Licht an.