Rückblick

Ein Musikfest des Zwiespalts: Was vom Eurovision Song Contest 2024 bleiben wird 

Luxemburg ist zurück beim ESC – und hätte sich kein turbulenteres Jahr für das Comeback aussuchen können. Unsere Journalistin Jessica Oé war eine Woche vor Ort und berichtete aus der schwedischen Hauptstadt. Doch was wird nach dem ganzen Trubel hängen bleiben?

Der Niederländer Joost Klein wurde vom Finale des Eurovision Song Contest ausgeschlossen

Der Niederländer Joost Klein wurde vom Finale des Eurovision Song Contest ausgeschlossen Foto: Jessica Oé

Der Nahost-Konflikt

Der Krieg zwischen Israel und Palästina überlagerte den ganzen ESC. Glücklicherweise endete es nicht in den befürchteten Krawallen. Dies war höchstwahrscheinlich auch der fast schon erdrückenden Polizeipräsenz in der Stadt geschuldet. „Es kommt mir vor, als würde meine Stadt unter Belagerung stehen“, sagte Mimi, eine junge Schwedin aus Malmö, gegenüber dem Tageblatt am Rand der Proteste am Donnerstag. Viele Bewohner hätten die Stadt vor der ESC-Woche verlassen. „Es ist geisterhaft still.“ Alle Großkundgebungen und Protestzüge in dieser Woche blieben betont friedlich. So kam es, dass obwohl Zehntausende in Malmö gegen Israels Beteiligung am ESC protestierten, am Ende das Chaos hinter den Kulissen des Songcontests im Mittelpunkt stand. 

Bei der Pressekonferenz sowohl nach dem ersten als auch dem zweiten Halbfinale war Israel ein Thema. Am Dienstagabend nutzte nur Bambie Thug aus Irland die Gelegenheit, um eine klare propalästinensische Botschaft loszuwerden. Die zweite Pressekonferenz bezeichnete ein Journalist von ESC kompakt gegenüber dem Tageblatt als „Kindergarten“. Vor allem Fan-Medien hätten politisch geladene Fragen gestellt, mehrere andere Künstler hätten mit Zwischenrufen gestört. Darunter auch Joost Klein. Der mischte sich in einen Wortwechsel zwischen einem Journalisten, der israelischen Kandidatin Eden Golan und Moderator Jovan Radmir ein. Der Journalist aus Polen hatte Golan gefragt: „Haben Sie jemals darüber nachgedacht, dass Sie mit Ihrer Anwesenheit ein Risiko und eine Gefahr für andere Teilnehmer und die Öffentlichkeit darstellen?“ Moderator Radmir stellte klar, dass Golan nicht auf die Frage antworten müsste. Da rief Klein: „Why not?“ Die Griechin Marina Satti gab sich während der drei Fragen an die israelische Kandidatin betont gelangweilt und respektlos, gähnte und tat so, als würde sie schlafen. 

Die israelische Sängerin Eden Golan war auf der Bühne lauten Buh-Rufen und Pfiffen ausgesetzt, die zwar immer wieder durch Jubelrufe ausgeglichen wurden. Doch der Ärger der Zuschauer und teilweise der Journalisten an der Teilnahme war deutlich spürbar. Zwischen einzelnen Journalistendelegationen kam es zu Streitigkeiten, ein spanischer Reporter fühlte sich durch israelische Kollegen „eingeschüchtert“. Im Delegationsraum soll die israelische Delegation für Zwischenfälle gesorgt haben. Das gipfelte schließlich darin, dass die Künstler aus Griechenland, Irland und der spätere Gewinneract aus der Schweiz nicht an der Flaggenparade der Probe teilnahmen. 

Das Ergebnis all des Chaos: Dieser ESC war, trotz aller Bemühungen der EBU, so politisch wie noch nie. Man steht nach der Ausgabe 2024 vor einem Scherbenhaufen, der nun erst aufgeräumt werden muss.  

Die Niederlanden-Entscheidung

Es war ein historischer Moment: Die Europäische Rundfunkunion EBU schloss am Samstagmorgen den Niederländer Joost Klein vom Finale des Eurovision Song Contest (ESC) aus. Grund seien Vorwürfe einer Frau aus dem ESC-Produktionsteam gegen Klein wegen eines nicht näher benannten Vorfalls nach dem zweiten ESC-Halbfinale am Donnerstagabend gewesen, teilte die EBU am Samstag mit. Der Ausschluss habe aber nichts mit Kleins Verhalten gegenüber der israelischen Starterin Eden Golan zu tun.

Klein war am Freitag bereits von den Proben für das ESC-Finale ausgeschlossen worden, ohne nähere Begründung (das Tageblatt berichtete). Die schwedische Polizei und die EBU bestätigten am Samstag, dass eine Frau aus dem Produktionsteam eine Beschwerde gegen den Niederländer bei den Behörden eingelegt habe. Die EBU erklärte, solange die polizeiliche Aufarbeitung des Falls laufe, wäre es nicht angemessen, dass der mit dem Lied „Europapapa“ zum erweiterten Favoritenkreis zählende Niederländer am Wettbewerb teilnehmen dürfe.

Der niederländische Sender Avrotros veröffentlichte am Samstagnachmittag folgende Stellungnahme: „Nach dem Auftritt vom letzten Donnerstag kam es zu einem Zwischenfall. Entgegen klarer Absprachen wurde Joost gefilmt, als er gerade von der Bühne gekommen war und in den Greenroom eilen musste. In diesem Moment gab Joost wiederholt zu verstehen, dass er nicht gefilmt werden wolle. Dies wurde nicht respektiert. Dies führte zu einer bedrohlichen Bewegung von Joost in Richtung der Kamera. Joost hat die Kamerafrau nicht berührt. Dieser Vorfall wurde zur Anzeige gebracht, woraufhin die EBU und die Polizei eine Untersuchung einleiteten. Gestern und heute haben wir uns eingehend mit der EBU beraten und mehrere Lösungen vorgeschlagen. Dennoch hat die EBU beschlossen, Joost Klein zu disqualifizieren. Avrotos hält die Strafe für sehr hart und unverhältnismäßig. Wir stehen für gutes Benehmen – damit keine Missverständnisse aufkommen –, aber unserer Meinung nach ist ein Ausschluss nicht verhältnismäßig zu diesem Vorfall.“

Der Ärger der niederländischen Fans entlud sich auch am Samstagabend gegen die Producer: Am Final-Abend fielen Klein-Fans mit Buhrufen und Grölen gegen ESC-Chef Martin Österdahl auf. Seine Stimme war kaum zu hören, so laut schallte es aus dem Saal. Zu Beginn der Show, als ein langjähriger Showrunner den Ablauf des Abends erklärte, wurde er ebenfalls ausgebuht und Fans stimmten „Europapa“ an. „Ich mag das Lied auch. Das lag nicht an uns“, entgegnete der Mann auf der Bühne. 

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