Verrückte Idee

Ein Konzert für die Kuh

Eine Herde dänischer Kühe entdeckt den Hochgenuss der klassischen Musik: Als der britische Cellist Jacob Shaw während der Corona-Pandemie nicht mehr vor Publikum spielen kann, sucht er sich neue Zuhörer. „Für Kühe zu spielen ist eine Fortsetzung von dem, was ich in meiner Solokarriere immer getan habe: Ich möchte klassische Musik aus den Konzerthallen herausholen“, sagt Shaw der Nachrichtenagentur AFP.

Die Herde Kühe genießt die Talente von Cellist Jacob Shaw (r.) und Violinistin Roberta Verna

Die Herde Kühe genießt die Talente von Cellist Jacob Shaw (r.) und Violinistin Roberta Verna Foto: AFP

Das Erlebnis sei so besonders, dass er trotz der Wiedereröffnung von Konzerthallen weiter für die Kühe musizieren möchte. Der britische Musiker, der auch an der Marshall-Akademie in Barcelona lehrt, hat eine Celloschule in Stevns eröffnet, einer ländlichen Gegend eine Stunde südlich von Kopenhagen.

Vor der Pandemie trat Shaw bei Konzerten in der gesamten Region auf. „Während Corona war das natürlich nicht mehr möglich und wir entschieden, das Nächstbeste zu tun: Für Tiere zu spielen“, sagt der 30-Jährige. Im Herbst überzeugte er einen Landwirt mit Vorliebe für Musik, seinen Kühen klassische Musik vorspielen zu dürfen, um ihr Wohlbefinden zu steigern.

„Als er mir davon erzählte, habe ich es nicht für verrückt gehalten, sondern eher für aufregend“, sagt Landwirt Mogens Haugaard. „Ich selber spüre den beruhigenden Effekt von Musik auf meinen Körper, also dachte ich, dass die Kühe ein ähnliches Gefühl haben würden – und ich hatte recht.“

Mit einem klassischen Repertoire kamen die Kühe zuerst über Lautsprecher in Berührung, die im Winter in ihren Ställen installiert worden waren. Das tierische Publikum war begeistert.

„Jeder konnte auf den ersten Blick sehen, dass es ihnen gefiel, also haben wir weitergemacht“, sagt Shaw. „Jetzt haben sie sich daran gewöhnt und das Ergebnis ist, dass sie sehr umgängliche und gesunde Tiere sind.“ Die Kühe seien ruhiger, entspannter und leichter zugänglich.

Die Tiere haben sogar musikalische Vorlieben, auch wenn eine solche Feinheit dem Laien leicht entgehen kann. „Sie reagieren unterschiedlich auf verschiedene Stücke“, sagt Shaw. „Wir haben ein Stück gespielt, das etwas peppiger und moderner war.“ Bei den Kühen kam das nicht gut an, das Publikum verließ das Konzert.

„Ich glaube, dass ihre eigene Stimme, ihr Gemuhe, dem Cello ähnlich klingt, und sie den Klang deshalb so sehr mögen“, sagt Shaw weiter. Zwar kommt er manchmal alleine auf die Weide, um für die Kühe zu spielen. Doch häufig begleiten ihn weitere Musiker, die Zeit an seiner 2016 eröffneten Skandinavischen Celloschule verbringen.

An der frischen Luft vor einem etwas weniger kritischen Publikum zu spielen als sonst, helfe Musikern, den Stress von Auftritten besser zu verarbeiten. „Wenn Musiker eine Chance bekommen, vor den Kühen zu spielen, hilft es ihnen zu entspannen und das, was sie tun, mehr zu genießen“, sagt Shaw.

Die 22-jährige Violinistin Roberta Verna kam nach Stevns, um „eine neue Perspektive auf die Dinge“ zu bekommen. Auf einer Stradivari spielte sie, zusammen mit Shaw, Stücke von Reinhold Glière et Béla Bartók für die Kühe. Die waren sichtlich bewegt – sowohl von der Schönheit der Melodie als auch der anstehenden Fütterung.

„Es war eine Situation, die anders war als sonst, aber nicht schlechter“, sagt Verna. „Es war interessant, weil sie uns wirklich zuhören und uns respektieren.“ Am Ende des viertelstündigen Konzerts, für die Tiere war es das zweite an diesem Tag, standen Kühe und Kälbchen grasend auf der Wiese, in gespannter Erwartung der nächsten Vorstellung.

„Ich glaube, das wird sehr interessant in den nächsten Jahren: Ihre Kinder und ihre Enkelkinder werden mit klassischer Musik aufwachsen“, sagt Shaw. „Auf diesem Feld ist es normal für eine Kuh, sich klassische Musik anzuhören.“ Mit seinen Konzerten für die Stevnser Kühe, sagt Shaw, wird er auch nach der Pandemie nicht wieder aufhören. (AFP)

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