Luxemburger Psychotherapeutin
Der trübe Blick auf sich und die Welt: Depressionen im Alter werden unterschätzt
Getrübte Stimmung, Gedächtnisprobleme und diffuse körperliche Beschwerden: Studien zeigen eine weltweite Zunahme von Depressionen bei Menschen im Alter von 60+. Ein Gespräch mit der Psychotherapeutin Dr. Martine Hoffmann (49) vom „GERO-Kompetenzzenter fir den Alter“ in Bonneweg.
Mentale Gesundheit im Alter wird vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung immer wichtiger. Das Foto stammt aus dem Fotowettbewerb „Altersbilder im Fokus“ aus dem Jahr 2023. Foto: © Eric Engel
Tageblatt: „Depression im Alter“: Ist das Thema ein Tabu oder erlebt es vor allem in den alternden, westlichen Gesellschaften gerade einen Hype?
Dr. Martine Hoffmann: Beides. Wir wissen, dass der Anteil älterer Menschen an der Gesellschaft zunehmen wird. Deswegen ist die mentale Gesundheit im Alter etwas, was uns beschäftigen muss. Von einem Tabu zu sprechen, ist vielleicht zu stark, stigmatisiert ist es nach wie vor.
„Beschäftigen muss“?
Es ist eine menschliche und eine finanzielle Frage. Die Lebenserwartung steigt, Schätzungen gehen aktuell davon aus, dass sie in Zukunft um drei bis vier Jahre zunimmt. Andererseits weiß man, dass die letzten zehn Jahre im Leben eines Menschen oft von gesundheitlichen Einbußen gezeichnet sind. Es ist wünschenswert, die Anzahl der gesunden Lebensjahre konstant zu halten, idealerweise zu vergrößern. Besonders relevant ist dies vor dem Hintergrund der psychischen Gesundheit: Man weiß, dass 80 Prozent der Menschen, die im Alter Suizid begehen, vorher an einer Depression gelitten haben.
Warum leiden vor allem Senioren in Pflegeheimen überdurchschnittlich oft an einer Depression?
Ein kritischer Moment ist der Wechsel vom eigenen Zuhause in ein Pflegeheim. Die Betroffenen müssen noch mal ganz von vorne anfangen. Das passiert meist in einem hohen Alter, wo sie schon auf Hilfe angewiesen sind. Hinzu kommt, in der neuen Struktur wird ihnen viel abgenommen. Man wird bekocht, behandelt, bespaßt. Studien zeigen: Wenn die Selbstwirksamkeit eingeschränkt ist, leidet die Psyche.
Unterscheiden sich die Symptome einer Depression bei Senioren von denen jüngerer Menschen?
Oft stehen körperliche Beschwerden wie Kraftlosigkeit, Schlafstörungen oder Schmerzen im Vordergrund. Gleichzeitig bestehende neurodegenerative Erkrankungen erschweren zusätzlich eine Diagnose.
Zur Person
Dr. Martine Hoffmann Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Dr. Martine Hoffmann leitet bei GERO die Abteilung für angewandte Forschung. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht innovative Gesundheitsförderung im Alter mithilfe moderner Technologien. Die Psychotherapeutin hat sich in ihrer Promotion in Psychologie mit „Angstbewältigung im Kontext von Krebserkrankungen“ beschäftigt.
Depression im Alter ist also schwierig zu diagnostizieren?
Genau. Es braucht zunächst die medizinische Abklärung, aber auch eine Untersuchung durch Neuropsychologen oder Psychotherapeuten. Wichtig ist auch die Krankengeschichte. Wir wissen, dass jeder zweite Schlaganfallpatient eine Depression erleidet. Parkinson-Patienten und Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind genauso gefährdet.
Ist die heutige Medizin auf diese Zusammenhänge und Krankheitsbilder vorbereitet?
Das ist mein Weckruf. Da muss mehr passieren. Ein Vorreiter ist die erste Spezialambulanz für Altersdepression am Uniklinikum Köln (D). Die erste und einzige deutschlandweit. Integrative Diagnostik, Beratung und Behandlung ist ein ganz neues Feld, das sich auftut. Der Bedarf wird steigen – auch in Luxemburg – und Psychotherapeuten müssen entsprechend geschult werden.
Was sind die psychischen Auslöser für eine Depression im Alter?
Es ist ein Zusammenspiel von multiplen Faktoren wie frühe Kindheitstraumata, schwere Verlusterfahrungen, chronische psychische oder körperliche Vorerkrankungen, und Pessimismus oder kritische Lebensereignisse, wie der Renteneintritt. Bei Letzterem sind vor allem Männer betroffen.
Wieso?
Das hat mit Identifikation, sozialem Status mit dem sozialen Umfeld zu tun. Wenn sich das zu sehr auf den Arbeitskontext reduziert und nie Zeit war, Freundschaften zu pflegen, wird es schwierig. Chronische Einsamkeit ist ein Auslöser für Depression.
Die Weltlage? Für viele in den 50er und 60er Jahren Geborene löst sich gerade vieles auf ...
Die geopolitische Lage ist wie ein grauer Nebelschleier, der über der Seelenlandschaft jedes Einzelnen hängt. Das merke ich an den Senioren, die ich hier sehe. Das trübt die Sicht auf die Welt, die Sicht auf die Zukunft der Enkel. Man muss Wege finden, das zu ertragen und in psychischer Balance zu bleiben. Lichtblicke sind wichtig.
Lässt sich einer Depression im Alter vorbeugen?
Auf jeden Fall. Man kann sie nicht immer komplett verhindern. Depression ist eine Krankheit, die jeden von uns ereilen kann. Aber man kann das Risiko minimieren. Regelmäßige Bewegung, mindestens eine halbe Stunde am Tag, ist wichtig. Eine Umgebung mit Menschen, die einen verstehen, ist ein weiteres Mittel. Gesund essen und ausreichend Schlaf sind wichtig. Eine sinnvolle Beschäftigung und Pläne oder Ziele sind ein weiteres Mittel.
Was sind die Behandlungsmöglichkeiten bei einer Depression im Alter?
Bei einer schweren Depression können Antidepressiva eine wichtige Rolle spielen. Unabhängig vom Schweregrad ist aber eine Psychotherapie immer auch empfehlenswert.
Das Klischee sagt, im Alter ändern sich viele nicht mehr ...
Da findet gerade ein Umdenken statt – vor allem seit die Psychotherapie hier von der CNS erstattet wird. Da kommen mehr Anfragen, als die Psychotherapeuten bewältigen können. Auch hier bei uns laufen die Telefone teilweise heiß, aber die Wartelisten sind lang. Der Wunsch ist da, weg von der Medikation hin zu Psychotherapie. Das Stigma „ich bin verrückt“ bröckelt.
Kann eine 35-jährige Psychotherapeutin einem 70-jährigen Menschen denn überhaupt helfen? Die Lebenswelten sind doch sehr verschieden ...
Es ist schon so, dass ältere Menschen von einem älteren Therapeuten besser annehmen können und sich verstanden fühlen. Das heißt aber nicht, dass jüngere Kollegen diese Fähigkeit nicht haben. Wenn das psychotherapeutische Vorgehen angepasst und die Chemie stimmig ist, ist das Alter des Therapeuten sekundär. Ich würde den Spieß gerne umdrehen. Es wäre wünschenswert, wenn sich jüngere Therapeuten mehr für Senioren interessieren, weil es das in Zukunft braucht.
Der Lebensrückblick wird in der Forschung bei einer Therapie immer als wichtig erwähnt, wenn es um Depression im Alter geht. Warum?
Der „Lebensrucksack“ an Erfahrungen und Ereignissen, die im Laufe eines langen Lebens bewältigt werden mussten, ist groß. Die Idee hinter dem Lebensrückblick ist es, den Blick für persönliche Ressourcen zu schärfen. Wir haben das während der Pandemie gesehen. Senioren sind mit den Krisen, die schon hinter ihnen liegen, hochresilient. Die meisten konnten gut damit umgehen, weil sie sturmerprobt sind.
Unsere Gesellschaft ist vom Jugendwahn geprägt
Dr. Martine Hoffmann
Der generelle Blick auf das Alter ist von Defiziten geprägt. Müssen wir das ändern?
Ja. Unsere Gesellschaft ist vom Jugendwahn geprägt. Es gibt einen Hype um Botox, Schönheits-OPs, „Age Reverse“ oder „Bio-Hacking“, um das Altern zurückzudrehen oder zu stoppen. Da werden Träume verkauft.
Man wird älter und bleibt jung?
Die Schattenseite ist, dass negative Altersstereotype schon sehr jung verinnerlicht werden. Das Alter wird zum Feind erklärt und das rächt sich. Studien zeigen: Menschen, die negative Vorstellungen vom Älterwerden haben, altern schlechter. Menschen mit einem positiven Altersbild hingegen verhalten sich anders, leben anders, denken anders und haben im Schnitt eine sechs bis sieben Jahre höhere Lebenserwartung.