Flashback
„Blue Velvet“ – Willkommen in Lynchville!
Das Tageblatt präsentiert in der losen Film-Serie „Flashback“ Meisterwerke der Filmgeschichte, die 2026 ein Jubiläum feiern – dieses Mal „Blue Velvet“ von David Lynch, ein Film Noir und Thriller in grellen Farben, der die Grenzen des Genres sprengt.
Sandy (Laura Dern), Dorothy (Isabella Rossellini) und Jeffrey (Kyle MacLachlan) Foto: IMDb
Lumberton, eine adrette, friedliche Kleinstadt im US-Bundesstaat North Carolina mit weißen Lattenzäunen und ordentlich gestutzten Rasenflächen, roten Rosen im Vorgarten, freundlich winkenden Feuerwehrleuten. Bis Mr. Beaumont beim Rasensprengen einen Schlaganfall erleidet. Sein Sohn, der College-Student Jeffrey, gespielt von Kyle MacLachlan, besucht seinen Vater im Krankenhaus und vertritt ihn im Eisenwarengeschäft. Auf dem Heimweg überquert er eine Wiese. Im Gras findet er ein menschliches Ohr. Ameisen krabbeln darauf herum. Unter der Grasnarbe wimmelt es von Insekten. Jeffrey schwankt zwischen Abscheu und Faszination. Das Ohr wirkt wie ein Fremdkörper in der amerikanischen Kleinstadtidylle und lässt Jeffrey keine Ruhe. Jeffrey bringt es zur Polizei. Der örtliche Kriminalpolizist kann ihm nichts über die laufenden Ermittlungen sagen. In dessen Tochter Sandy (Laura Dern) findet Jeffrey eine Verbündete. Von ihr erfährt er, dass es eine Spur gibt, die zu der Nachtclubsängerin Dorothy Vallens (Isabella Rossellini) führt. Diese singt am Abend in einem Nachtclub, in einem blauen Samtkleid, den titelgebenden Song „Blue Velvet“. Der Song wurde 1963 in der Version von Bobby Vinton 1963 zu einem Erfolg.
Jeffrey gibt sich als Kammerjäger aus und wird von Dorothy in ihre Wohnung gelassen. Er findet dort einen Zweitschlüssel und verschafft sich abends erneut Zutritt zur Wohnung, wo er sich im Wandschrank versteckt, bis er von Dorothy entdeckt wird. Sie bedroht ihn mit einem Messer und treibt ihn zurück in den Schrank, als jemand an der Tür klopft. Durch die Lamellen der Schranktür beobachtet Jeffrey, wie der gewalttätige Gangster und Psychopath Frank Booth (Dennis Hopper), der ein Gasinhalationsgerät bei sich trägt, Dorothy in einem Rollenspiel erniedrigt und vergewaltigt. Und er erfährt, dass Frank Dorothys Mann, von dem das Ohr stammt, und ihr Kind entführt hat.
Jeffrey beschattet Frank und dessen Handlanger – und er geht wieder zu Dorothy und hat mit ihr Sex. Sie fordert ihn auf, sie zu schlagen. Als er das Haus verlassen will, trifft er Frank und seine Komplizen. Diese nehmen Dorothy und ihn auf einen „Joy Ride“ zu dem Drogendealer Ben mit, der Dorothys Sohn gefangen hält. Jeffrey wird von Frank zusammengeschlagen und am Straßenrand liegen gelassen. Als er am darauffolgenden Tag wieder erwacht, geht er zu Sandys Vater und erzählt diesem, was passiert ist. Einer von Franks Komplizen entpuppt sich als Polizist.
Später sieht Jeffrey Dorothy nackt und verletzt im Garten vor dem Haus stehen. Als er zu Dorothys Wohnung zurückkehrt, findet er dort deren Ehemann zu Tode gefoltert und einen weiteren Toten. Als Frank wieder auftaucht, erschießt Jeffrey ihn im Showdown. Dann kehrt wieder Ruhe in Lumberton ein. Dorothy ist mit ihrem Kind vereint, Jeffrey und Sandy sind ein Paar. Die Kleinbürgeridylle ist wiederhergestellt. Am Ende ist ein Rotkehlchen zu sehen. Es ist nicht echt, im Gegensatz zu dem Wurm, den es im Schnabel trägt.
Der Zuschauer als Voyeur
„Blue Velvet“ ist nicht zuletzt ein Film über verborgene sexuelle Obsessionen. In Dorothys Wohnung ist Jeffrey ein Voyeur. Indem Dorothy ihn bedroht, ist das Objekt zum Subjekt geworden und umgekehrt. Genauso macht Lynch den Zuschauer zum Komplizen, bevor er den Spieß umdreht. Der Voyeur wird hilfloser Zeuge eines brutalen Aktes. Als Dorothy von Frank vergewaltigt wird, verkörpert dieser die dunklen Seiten von Jeffrey. Gegen Ende von „Blue Velvet“ zeigt die Kamera erneut ein Ohr in Großaufnahme, nur ist es dieses Mal Jeffreys eigenes. Das Gute hat triumphiert, das Böse ist besiegt. So scheint es zumindest. Die Risse in der heilen Welt sind scheinbar gekittet. Doch Gut und Böse sind nicht klar voneinander getrennt, wie sich an der Person von Dorothy zeigt: Sie ist Opfer und zugleich Femme fatale.
Der in den USA anfangs kontrovers aufgenommene Thriller habe David Lynch, der sowohl Regie führte als auch das Drehbuch verfasste, als einen der Visionäre des modernen Kinos etabliert, schreibt der Filmpublizist Robert Fischer. Noch mehr kann sein Werk als Beispiel par excellence der Postmoderne bezeichnet werden. Während er mit linearen Erzählstrukturen bricht, schafft er eine albtraumhafte, surreale Welt, verschmilzt verschiedene Genres miteinander und dekonstruiert die Fassade des American Dream.
Seit „Blue Velvet“ sind die sphärischen Klänge der Musik von Angelo Badalamenti aus Lynchs Universum nicht mehr wegzudenken. Sie ist ein wichtiges Element seiner Filme. Der Ursprung von Lynchs Filmschaffen liegt jedoch in der Malerei, auf die seine assoziative Weise sowohl in der visuellen Darstellung als auch beim Drehbuchschreiben zurückgeht. Der Plot ist noch relativ klar strukturiert, die Figuren sind umso bizarrer. Hier wird der große Einfluss von Francis Bacon auf Lynch deutlich.
Der Eintritt in eine surreale Welt
„Blue Velvet“ erinnert in gewisser Weise an Alfred Hitchcocks „Psycho“ (1960) und wird außerdem häufig mit Luis Buñuels „Un chien andalou“ (1929) und Victor Flemings „The Wizard of Oz“ (1939) verglichen. Das Ohr, in das die Kamera eindringt, ist der Eingang in jene andere Welt, Jeffreys dunkle Seite. Zudem steht der Film in der Tradition des Film noir, der in den 80er Jahren u.a. durch Brian De Palma als Psycho Noir ein Comeback fand. Bei Lynch sind es grelle, leuchtende Farben: Er spielt vor allem mit Blau, Rot und Weiß, die auch die Farben der US-Flagge sind. Gelb hingegen dient als Warnsignal.
Im gesamten Schaffen von David Lynch hat „Blue Velvet“ eine entscheidende Bedeutung. Nach dem bahnbrechenden „Eraserhead“ (1977), dem Filmdrama „The Elephant Man“ (1980) und dem Science-Fiction-Film „Dune“ (1984) war es endgültig der Anfang von „Lynchland“ oder „Lynchville“, einer spezifischen Filmwelt, „die auf den kreativen Geist ihres Schöpfers“ hinweist, wie Mark Trappendreher im Tageblatt im Januar 2025 zum Tod von David Lynch schrieb. „Blue Velvet“ sei „ein grotesker Abgesang auf den amerikanischen Traum“ und wurde mit Preisen überhäuft.
Ein grotesker Abgesang auf den amerikanischen Traum
Mark Trappendreher
Filmkritiker
Der 1946 in Missoula im US-Bundesstaat Montana geborene Regisseur, Produzent und Drehbuchautor war ein Multitalent: Schauspieler, Maler, Fotograf, Lithograf, Bildhauer, Möbeldesigner und Komponist. Nach der Highschool ging er nach einem Jahr an einer privaten Kunsthochschule nach Europa, um in Salzburg in der Sommerakademie von Oskar Kokoschka zu studieren, dann nach Paris und Athen, und kehrte in die USA zurück. Denn „Lynchville“ ist vor allem ein amerikanischer Ort.

Filmemacher David Lynch im Oktober 2019 in Hollywood Foto: Chris Delmas/AFP
Für den auf „Blue Velvet“ folgenden Film, die Roadmovie-Gewaltorgie „Wild at Heart“ (1990), erhielt Lynch die Goldene Palme, mit der Fernsehserie „Twin Peaks“ (1990/91) begründete er ein 30 Folgen langes Mysterium, „mit Lost Highway“ (1997) schuf er ein Identitätsdrama mit mehreren Varianten der Persönlichkeitsspaltung. Während „The Straight Story“ (1999) verhältnismäßig konventionell war, bedeuteten „Mulholland Drive“ (2001) und „Inland Empire“ (2006) einmal mehr die Rückkehr in sein Universum.