„Die weiße Nacht“

Anne Stern schickt eine Fotografin und einen Kommissar auf Spurensuche durchs Berlin der Nachkriegszeit

Die Fotografin Marielouise Faber irrt 1946 mit ihrer Kamera durch Berlins Ruinen, als sie auf eine Frauenleiche stößt: Was enthüllt der Fund über den Horror des Naziregimes? Eine Buchbesprechung.

Autorin Anne Stern präsentiert „Die weiße Nacht“ über Horror in NS-Kinder- und Jugendpsychiatrien

Die Autorin Anne Stern befasst sich in „Die weiße Nacht“ unter anderem mit dem Horror in Kinder- und Jugendpsychiatrien während des NS-Regimes Foto: Max Zerrahn, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

Der Dezember 1946 beginnt zunächst mit leichten Frosttagen, wie stets zu dieser Jahreszeit üblich. Noch ahnen die Menschen, die etwas mehr als eineinhalb Jahre nach dem Krieg immer noch in den Trümmern deutscher Städte ihr Leben fristen, versuchen, Arbeit und sicheres Obdach zu finden, nicht, dass ihnen der bis dahin kälteste Winter des Jahrhunderts bevorsteht. Der Hungerwinter 1946/47, in dem häufig die Wahl stand, den weißen Tod im Schnee oder den schwarzen Tod des Hungers zu finden.

Vor diesem Hintergrund irrt die Fotografin Marielouise Faber, von Freunden Lou genannt, durch die Ruinen der besiegten Reichshauptstadt. Stets begleitet von ihrer Kamera, einer kleinen Leica, mit der sie versucht, Bilder vom Leben in Berlin einzufangen, in der Hoffnung, diese an die Redaktionen der eben neu etablierten Zeitschriften zu verkaufen.

Frauenleiche wirft Fragen auf

So auch an diesem Samstag, dem 14. Dezember 1946. Nur wenige Hundert Meter von ihrem Wohnhaus am Berliner Chamissoplatz sucht Lou Motive in der Ruinenstadt: Menschen, die versuchen, Bombenlöcher in ihren Behausungen zu stopfen, Fassaden, an denen Überlebende Nachrichten hinterlassen haben, wo sie jetzt zu finden wären. Bilder des alltäglichen Lebens im Nachkriegsberlin. Nicht alltäglich hingegen ist, was das Kameraobjektiv heute einfängt. Inmitten der Ruinen liegt ein Frauenkörper, die Hände über der Brust gefaltet, wie aufgebahrt. Die von Lou herbeigerufene Polizei geht schnell von einem Tötungsdelikt aus und ruft Kriminalkommissar Alfred König an den Tatort. Als der Kommissar die Kamera entdeckt, fordert er die junge Frau zur Herausgabe des Films auf.

Cover von Anne Sterns Krimi „Die weiße Nacht – erster Fall für Lou und König“, erschienen 2026 im Piper Verlag

Anne Sterns Krimi „Die weiße Nacht - der erste Fall für Lou und König“ erschien 2026 im Piper Verlag Copyright: Piper Verlag

Lou hat in den vergangenen Jahren Furcht und Vorsicht im Umgang mit Obrigkeiten erfahren und gelernt, sich zu wehren. Schnell vertauscht sie den belichteten mit einem unbelichteten Film, die Tatortfotos bleiben bei ihr. Als schließlich weitere Mordopfer in ähnlicher Haltung auftauchen, sucht König den Kontakt zur Fotografin, um doch noch an die ersten Tatortfotos zu gelangen.

Nach und nach entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden Protagonisten des Romans. Alfred König, Jurist und Ex-Polizist, saß wegen Befehlsverweigerung bei den sogenannten Einsatzkommandos im von den Nazis besetzten Weißrussland im Zuchthaus Brandeburg-Görden und Marielouise Faber ist Mitglied und eine der wenigen Überlebenden einer Berliner Widerstandsgruppe. Beide von der Geschichte Gezeichneten agieren in einem Berlin wachsender politischer Spannungen. Denn schon wenige Monate nach dem Sieg der Alliierten treten deren politische Konflikte offen zu Tage – der Streit der drei Westmächte gegen die sowjetrussische Besatzungsmacht hinterlässt auch seine Spuren im Leben der Deutschen in den verschiedenen Sektoren Berlins.

Im Berlin der Nachkriegszeit

Anne Stern, die mit ihrer Romanserie um die Hebamme Hulda Gold bereits ein treffendes Geschichtsbild der Hauptstadt in der Weimarer Republik gezeichnet hatte, blickt nun auf das Leben nach der Katastrophe. Politik interessiert die Menschen im Nachkriegsberlin nur insofern, als sie satt werden wollen, ein Dach über dem Kopf und vielleicht auch etwas zum Heizen bekommen.

Auf Befehl des sowjetischen Stadtkommandanten Nikolai Bersarin wird nicht nur eine Schutz-, sondern auch eine Kriminalpolizei ins Leben gerufen. Eingestellt werden frühere, mit den Verbrechen der NS-Zeit nicht belastete Beamte sowie neue Kader, die aus der Antifa oder Arbeiterschaft kommen. Vielfach darunter auch solche, die sich mit einem „Persilschein“ reingewaschen haben. Sie sollen die Ordnung in der Stadt aufrecht erhalten, Verbrechen verfolgen.

„Persilschein“

Im Zuge der Entnazifizierung in Deutschland und in Österreich wurden Menschen belastet, wenn ihnen eine Mitgliedschaft in der NSDAP oder einer anderen NS-Organisation nachgewiesen werden konnte. Um die Bestrafung zu minimieren oder zu umgehen, reichten Betroffene sogenannte „Persilscheine“ bei den Spruchkammern ein. Der Begriff steht umgangssprachlich für Entlastungszeugnisse, in dem Dritte ein gutes Wort für die Betroffenen einlegten. Das Wort spielt auf die Waschmittelmarke „Persil“ und die Idee des Reinwaschen an.

Kommissar König hat es dabei nicht nur mit inneren Grabenkämpfen zu tun, sondern auch mit dem Kompetenzgerangel, das die Besatzungsmächte unter sich austragen. Um so wichtiger für ihn, in der Fotografin nicht nur eine Informantin, sondern schließlich auch eine Mitstreiterin zu finden. Stern zeichnet ein komplexes Bild dieser Tage, das umso düsterer wird, als der Fall in die jüngste Vergangenheit zurückreicht.

Über die Täter in der Kinderpsychiatrie

Die Spur der Verbrechen führt in die Städtische Nervenklinik für Kinder und Jugendliche Wiesengrund, eine Einrichtung, in der Nazi-Ärzte und -Pfleger nicht nur Experimente an Kindern mit Behinderung durchführten, sondern sie auch im Rahmen des Euthanasieprogramms ermorden ließen. Bald zeigt sich, die Opfer der Mordserie vom Dezember 1946 gehörten zu den Tätern in der Kinderpsychiatrie. Ein Fall von Selbstjustiz?

Ein Blick in die spätere Geschichte mag dies rechtfertigen. Stern verwendet im Roman Originalpersonen wie den von der sowjetischen Militäradministration verhafteten und 1947 in Haft verstorbenen Ernst Hefter. Oder Oberarzt Gerhard Kujath, der nach 1952 die Kinderpsychiatrische Abteilung der Freien Universität Berlin übernahm und bis 1970 in Lehramt und Praxis tätig war.

Weitere ärztliche Täter in Wittenau waren der Pathologe Bertolt Ostertag – später in der Bundesrepublik mit den Bundesverdienstkreuz geehrt – oder Kujaths Assistenzärztin Gertrude Reuter, die als niedergelassene Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie unbehelligt bis 1975 in Essen praktizierte. Im Roman nennt Anne Stern die Ärztin Dr. Hiltrud Stein.

Die Autorin bietet eine düstere Lösung des Falls. Und Aussichten auf eine Fortsetzung der Geschichte. Denn da ist noch die ungeklärte Frage um Emil Faber, dem verschwundenen Ehemann der Fotografin. Und die jenes Gregor, der aus russischer Kriegsgefangenschaft geflohen ist und nun im Winter auf dem Heimweg nach Berlin ist. Wird uns der zweite Band, der zweite Fall für Lou und König, wie es der Umschlagtitel verspricht, Enthüllung geben?

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

In Luxemburgs Kinos

Warum „Avatar: Fire and Ash“ mit Kolonialismus und Aufrüstung zu tun hat