50. Todestag
Agatha Christie gilt mit Milliarden verkaufter Bücher und legendären Detektiven noch heute als Kult
Fünfzig Jahre nach ihrem Tod gehört die Kriminalschriftstellerin Agatha Christie längst zum englischen Kulturerbe. Ein Blick auf ihr Schaffen, ihr Wesen und ihr Verschwinden.
Erweckte unter anderem Miss Marple zum Leben: Die britische Krimiautorin Agatha Christie verstarb vor 50 Jahren und gilt bis heute als Ikone des Krimi-Genres Foto: Joop van Bilsen for Anefo, CC0, via Wikimedia Commons/Nationaal Archief
Sie verfasste Dutzende von Romanen und Kurzgeschichten, mehrere Lyrikbände, eine Reihe von Bühnenstücken. Die Auflage ihrer Bücher liegt bei schätzungsweise zwei Milliarden, rund die Hälfte davon übersetzt in 44 Sprachen. Ihr Ehrentitel als „Königin des Verbrechens“ genießt rechtlichen Schutz als Markenzeichen, Hunderte von Charakteren erlitten einen gewaltsamen Tod von ihrer Hand. Agatha Christie hingegen, deren Tod sich dieser Tage zum 50. Mal jährt, scheint unsterblich zu sein.
Klassiker aus Christies Feder
Den Namen der Autorin und ihrer berühmten Detektive Jane Marple und Hercule Poirot kennen alle auf der Insel und weit darüber hinaus. Über Weihnachten liefen wieder sämtliche berühmten Verfilmungen von „Mord im Orient-Express“ über „Der Tod auf dem Nil“ bis zu „16 Uhr 50 ab Paddington“ auf allen Kanälen. Kaum ein Jahr vergeht, in dem sich Großbritanniens Kreative nicht aufs Neue von Christies Geschichten inspirieren lassen. 2018 spielte John Malkovich den eigentlich längst im Ruhestand befindlichen Detektiv Poirot in dem brillanten BBC-Dreiteiler „Die Morde des Herrn ABC“, 2025 kam eine Version fürs Radio hinzu.
Das Drama „Mausefalle“ stellt jeden Tag einen neuen Rekord auf, seit November 1952 wird es unentwegt auf der Bühne eines Londoner Theaters dargeboten, von der Zwangspause durch die Covid-Pandemie einmal abgesehen. Das St.-Martins-Theater im Londoner Westend zeigt Tag für Tag nichts anderes als das berühmte Bühnenstück. Millionen haben mitgerätselt, wer denn wohl für das Verbrechen verantwortlich ist; immer neue Scharen wollen das Kulturdenkmal selbst miterleben. Schon spekuliert der Kritiker des Daily Telegraph darauf, das Drama werde wohl „für immer und ewig“ aufgeführt.
Kult oder Kassenschlager?
Werden denn Romane wie „Der Wachsblumenstrauß“, „Alibi“ oder „Lauter reizende alte Damen“ heute noch gelesen? Die Nachfrage deutet darauf hin: Jedes Jahr gehen allein in der Originalsprache mehr als eine Million Exemplare über den Ladentisch. Die Buchhandelskette Waterstones hat natürlich die berühmtesten Titel vorrätig, daneben aber auch diverse Sammlungen von Kurzgeschichten: „Verbrechen auf dem Land“ (Country Christie), „Morde im Frühling“ (Sinister Spring), „Sommer“ (Midsummer Mysteries) und „Winter“ (Midwinter Murder) – alliterative Titel für attraktiv verpackte Büchlein finden sich allemal. Zum Angebot findet sich sogar ein „offizieller Agatha Christie Kalender 2026“, mittlerweile zum halben Preis.

Gilt als Kultfigur der britischen Literatur: Hier das „Agatha Christie Memorial“ in der Londoner Cranbourn Street Foto: JRennocks, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons
Die Autorin scheint längst wie William Shakespeare oder Charles Dickens zum Kulturerbe der Nation zu gehören. Als im Gefolge des globalen Finanzcrashs ein Ausschuss des britischen Parlaments die Manager großer Banken für deren Argumentation kritisieren wollte, an falschen Entscheidungen seien alle beteiligt gewesen, höhnte ihr Bericht über eine „Verteidigung wie im Orient-Express“. Erläutert wurde der Vergleich nicht: Offenbar galt die Kenntnis des Plots – zwölf Menschen begehen den Mord gemeinschaftlich durch je einen Messerstich – als Allgemeinwissen.
Bei der Wiederlektüre des 1934 erstmals erschienenen Romans stellt sich rasch die Vertrautheit mit Geschichte und Figuren ein. Und es bestätigt sich die Diagnose eines nachgeborenen Berufskollegen. „Sie schreibt hervorragende Plots“, schwärmte der Schriftsteller Jonathan Coe kürzlich im Interview mit dieser Zeitung. Hingegen beurteilt der Autor vielgelesener Werke wie „Erste Riten“ oder „Middle England“, dessen jüngster Roman „Der Beweis meiner Unschuld“ Krimi-Elemente enthält, die Prosa der Meisterin eher zurückhaltend als „gutes Handwerk“.
Immerhin vermittelt die Lektüre deutlicher als die meisten Verfilmungen einen Eindruck von Christies feiner Ironie. Da zeigt sich ein britischer Oberst „gänzlich uninteressiert daran, wie ein Haufen Ausländer den Begriff Heimaturlaub bezeichnet“. Da spricht der Schlafwagenschaffner mit so tiefer Überzeugung von der „großen Stärke“ einer zornigen Frau, dass seine Zuhörer „allesamt eine persönliche Erfahrung vermuteten“. Und Poirots Freund befindet sich nach einem umfangreichen Essen „in der Phase, in der man philosophisch wird“.
Wie Christie tickte
Der Autorin selbst war nach Philosophie nie zumute, sie wollte gute Unterhaltung liefern für das wohlhabende englische Bürgertum, in das sie 1890 geboren wurde. Längere Auslandsaufenthalte in Frankreich und im Nahen Osten gaben der jungen Frau Weltläufigkeit, eine lebenslange Liebe zum Lesen schärfte ihr Gefühl für gute Geschichten. Der Durchbruch kam 1926 mit „Roger Ackroyd und sein Mörder“. Im selben Jahr verschwand die bekannte Autorin einige Tage und wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung polizeilich gesucht. Christie habe „einen Gedächtnisverlust erlitten“, hieß es anschließend.
Dahinter steckte, so vermutet es die Christie-Biografin Lucy Worsley, eine schwere psychische Krise, ausgelöst durch die Untreue ihres ersten Mannes. Christies Kreativität konnten private Verwerfungen nichts anhaben, Jahr für Jahr erschien ein neuer Roman, Zeitgenossinnen schildern sie als „dauernd bei der Arbeit“. Ihre Heldin sei „auf aufregende Weise modern“ gewesen, resümiert Worsley. Modern – und unsterblich.