Serie Atelier Mugi.lu

Die Pianistinnen Dina Grossvogel und Irène Theissen: Musikerinnen in Akten der NS-Zeit

Das Tageblattund die Plattform Musik an Gender Lëtzebuerg (MuGi.lu) laden Sie ein, die Reihe „Atelier MuGi.lu“ zu entdecken, die Ihnen einen Einblick in die Forschungen verschiedener Wissenschaftlerinnen zum Thema Gender und Musikleben in Luxemburg gibt. In dieser Ausgabe schreibt Danielle Roster über Musikerinnen in den Akten der NS-Zeit in Luxemburg.

Symbolbild: Das Tageblatt und die Forschungsplattform „MuGi.lu“ ermöglichen jeden Monat Einblicke in die Luxemburger Forschung zu Gender und Musik

Das Tageblatt und die Forschungsplattform „MuGi.lu“ ermöglichen jeden Monat Einblicke in die Luxemburger Forschung zu Gender und Musik Bild: MuGi.lu

Am 10. Mai 1940 wurde Luxemburg von der deutschen Wehrmacht besetzt. Kurz danach wurde alles in Angriff genommen, das Land auch kulturell und musikalisch „heim ins Reich“ zu führen. Das Musikkonservatorium wurde zur Landesmusikschule umfunktioniert und unter die Leitung des deutschen Dirigenten und Komponisten Hans Herwig gestellt.

Der vorige belgische Direktor Lucien Lambotte, der zu Beginn noch in seiner Funktion verblieb, sollte entlassen und des Landes verwiesen werden. Und dazu sammelten die NS-Behörden eifrig Material, das ihn belastete. Dabei kam ihnen ein Schreiben des jungen Pianisten und ehemaligen Schülers des Konservatoriums, Herbert Scherer, zupass (Archives de la Ville de Luxembourg, LU 11 NS_00120.39-41): Im Zuge der geplanten „Eindeutschung“ der Musikbildungsanstalt hatte Scherer am 4. Oktober 1940 unaufgefordert in der Außenstelle des Reichspropagandaamtes einen eigenen Reorganisationsvorschlag eingereicht. Scherers „Bericht über die bisherigen Zustände am Luxemburger-Städtischen Konservatorium“ war im Kern ein gegen den von ihm als „deutschfeindlich“ bezichtigten Direktor Lambotte gerichtetes Denunziationsschreiben.

„Judenfreundlichkeit“ und sexuelle Belästigung

Auf den drei Seiten nannte Scherer die Namen von zwei Musikerinnen, um Lambotte in ein schlechtes Licht zu stellen. Er beleuchtete damit, aus heutiger Sicht, zwei gegensätzliche Facetten des Direktors im Umgang mit Frauen: Er erwähnte auf der einen Seite die Förderung einer Studentin, der äußerst talentierten Pianistin [Dina] Grossvogel, um Lambotte der „Judenfreundlichkeit“ zu bezichtigen. Damit brachte Scherer nicht allein diesen, sondern vor allem Dina Grossvogel in Gefahr. Auf der anderen Seite machte Scherer die NS-Beamten aber auch auf eine Anklage Lambottes wegen sexueller Belästigung aus den 1930er Jahren aufmerksam: auf den Fall der Pianistin [Irène] Theissen. Daraufhin suchte die neue NS-Stadtverwaltung in den alten Akten nach den Dokumenten, wurde fündig, übersetzte alles, maschinenschriftlich, in die deutsche Sprache und fügte es dem Dossier gegen Lambotte hinzu. Die Originalschriftstücke in französischer Sprache konnten in den „Archives de la Ville de Luxembourg“ bisher nicht geortet werden.

 Abb. 1 Dina Grossvogel, Foto aus dem ‘Bulletin d‘Étranger‚, 20.10.1941

Abb. 1 Dina Grossvogel, Foto aus dem Bulletin d‘étranger, 20.10.1941 Copyright: Archives Générales du Royaume, Bruxelles, Dossier individuel de la Police des étrangers [Dina Grossvogel, 316046]

Über die Autorin

Danielle Roster ist Musikwissenschaftlerin und arbeitet als Forscherin am Geschichtsinstitut der Universität Luxemburg, wo sie zusammen mit Sonja Kmec und Anne Schiltz das Projekt MuGi.lu betreut.

Historische Dokumentationen zu sexuellen Belästigungen sind selten, da das Thema erst vor wenigen Jahren, seit der MeToo-Debatte 2017, breiteres öffentliches Interesse erweckte. Die Akte zeigt bestimmte Verhaltensmuster in der Reaktion auf eine solche Anklage, die auch heute noch gängig sind, erinnert sei z.B. an den Fall des Musikwissenschaftlers Siegfried Mauser vor ein paar Jahren: Zuerst das sehr lange Zögern der Anklägerin, hier stellvertretend ihre Mutter, mit dem Fall überhaupt an die Öffentlichkeit zu gehen, dann als Reaktion auf die Anklage eine Abwertung der Anklägerin, die Suche des Angeklagten nach Personen, die bereit sind, sich gegen die Anklägerin auszusprechen, oft indem ihr Sprechen als Rache ausgelegt und auf einen persönlichen Mangel, z.B. an Talent, zurückgeführt wird.

Hier ein kurzer Überblick über die 22-seitige Akte im NS-Fonds der städtischen Archive (LU 11 NS_00120.15-37). Erstes Schriftstück ist ein Brief von Virginie Rehlinger-Pütz, verwitwete Theissen-Pütz, an die Aufsichtskommission des städtischen Konservatoriums vom 4. Juli 1936, in dem sie auf sexuelle Belästigungen ihrer Tochter seitens Lambotte hinweist, die auf die Jahre 1929/30 zurückgingen, und diese genauer beschreibt. Es folgt ein längerer Brief vom 16. Juli 1936 von Lambotte an die Aufsichtskommission, mit im Zentrum die Diffamierung der musikalischen Fähigkeiten der Musikschülerin. Als „Beweismaterial“ fügte er Zitate aus Aussagen von vier Musiklehrer:innen aus den Jahren 1930 bis 1936 hinzu, die allesamt das Talent der Schülerin abwerten sollten. Am 1. August schickte er ein Schreiben von Alfred Bachelet, Direktor des Musikkonservatoriums in Nancy, nach, der sich ebenso bemühte, der Schülerin mangelnde Begabung zu bezeugen. Die Chorale mixte du Conservatoire richtete ihrerseits selbst am 8. August ein Schreiben an den Schöffenrat, um „Entrüstung“ über die Beschuldigung kundzutun. Im September reichte Lambotte schließlich ein letztes, Theissen abwertendes und auf den 18. September 1936 datiertes Schreiben der Klavierlehrerin Marie Kühn-Fontenelle nach. Am 1. Oktober 1936 legte die Aufsichtskommission, die den Fall unter dem Vorsitz von Max Menager „untersuchte“, ihren Abschlussbericht vor, gab an, keine „unkorrekte oder tadelnswerte Handlung des Direktors“ habe feststellen zu können und erklärte den Brief der Mutter als eine Reaktion auf die Nichtzulassung der Tochter zu einem Klavierwettbewerb in Nancy.

Am 17. April 1937 erinnerte Frau Rehlinger die Aufsichtskommission an ihren Brief von vor mehr als neun Monaten und bat um Antwort. Bürgermeister Gaston Diederich schickte daraufhin Frau Rehlinger am 4. Mai 1937 als Antwort lakonisch ein Exemplar des Analytischen Berichtes vom 9. November 1936 (Archives de la Ville de Luxembourg LU 02.4_130, S. 381), in dem der „Fall“ von dem männlichen Gremium des Schöffenrats herablassend und äußerst kurz abgehandelt und ad acta gelegt wurde: „Nachdem die Untersuchung ergeben hat, dass die Anschuldigungen falsch waren, ist die Frage als erledigt zu betrachten. (Zustimmung).“

Mehr Infos

MuGi.lu (Musik und Gender in Luxemburg) ist ein Forschungsprojekt der Universität Luxemburg. Auf der Online-Plattform https://mugi.lu können Sie in Musikwerke reinhören und finden biografische Dokumente sowie Interviews mit Musiker:innen. Diese erlauben es, das Musikleben in Luxemburg im 19., 20. und 21. Jahrhundert – Akteur:innen, Institutionen und Orte – genauer zu beleuchten. In Zusammenarbeit mit den Kulturinstitutionen der Stadt Luxemburg liegt ein Fokus auf den „Klangbildern der Stadt Luxemburg“. Hier werden Archivmaterialien aufgearbeitet und in Konzert-Vorträgen vorgestellt.

Zum Thema „Musikerinnen während der NS-Besatzung“ findet am 11. März um 19 Uhr ein entsprechendes Event im Lëtzebuerg City Museum statt, mit Danielle Roster sowie Schüler:innen und den Musiklehrer:innen Sandrine Cantoreggi, Tom Feltgen, Tatsiana Molakava und Béatrice Rauchs des Conservatoire de la Ville de Luxembourg. Am gleichen Abend geht das von Danielle Roster kuratierte Portal „NS-Musikschulwerk“ online.

(Fast) vergessene Musikerinnen

Irène Theissen war bisher als Musikerin komplett in Vergessenheit geraten. Meine Recherche in der Presse (eluxemburgensia.lu) fügte Erstaunliches zu Tage: Die angeblich Talentlose bestand im Oktober 1936 an der Staatlich-Akademischen Hochschule für Musik in Berlin-Charlottenburg das Aufnahmeexamen in die Klavier- und in die Kompositionsklasse „glänzend“: „Von dreißig sich bewerbenden Schülern wurden achtzehn angenommen, von denen Fräulein Theissen an zweiter Stelle rangierte“ (Escher Tageblatt 29.10.1936, S. 3). Nach ihrem Studium wirkte sie in Luxemburg als private Klavierlehrerin, dies bis zumindest 1970. Danach verlieren sich ihre Spuren. Ihre Schüler:innen ließ sie in den 1950er und 1960er Jahren regelmäßig mit Erfolg vor ausländischen Jurys Examina ablegen, von denen die Presse berichtete.

Über Dina Grossvogel (1922-2014) wurde mittlerweile schon geforscht, wenn auch ihre musikalische Karriere bisher noch gar nicht aufgearbeitet ist. Dem will sich MuGi.lu in einem zukünftigen Projekt annehmen. Der erste Historiker, der auf sie aufmerksam machte, war Denis Scuto in einem Artikel vom 30./31.1.2016 im Tageblatt. Scuto und Wolfgang Schmidt-Kölzer veröffentlichten danach zusammen einen Beitrag über die Familie Grossvogel auf dem Portal Memorialshoa.lu. Nach ausgezeichneten Studien am Konservatorium in Luxemburg war Dina Grossvogel noch vor dem Krieg nach Brüssel gegangen, um am dortigen Konservatorium ihre Klavierstudien zu perfektionieren. Im Krieg gelang ihr mit ihrer Familie, dank Lambotte, die Flucht in ein Versteck in Belgien. Dina Grossvogel überlebte den Holocaust, wurde nach dem Krieg noch mehrmals für Auftritte bei Radio Luxemburg eingeladen (siehe eluxemburgensia.lu) und wanderte dann nach Israel aus, wo sie ihre Karriere als Pianistin und Musikpädagogin fortsetzte.

Wer hat Informationen zu den Pianistinnen Irène Theissen und Dina Grossvogel?

MuGi.lu wäre interessiert, ihre Laufbahnen als Musikerinnen zu dokumentieren und sucht nach Informationen und Material, u.a. auch nach Kompositionen von Irène Theissen. Email: mugilu@uni.lu

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