Kunstecke
Ronny Delrue präsentiert Einzelausstellung in der Galerie Nosbaum Reding
Der belgische Künstler Ronny Delrue ist kein Unbekannter in Luxemburg. Sein Projekt „Enigma“ dekliniert sich in Form einer Ausstellung und eines Buches. Letzteres wurde am Samstag im Rahmen einer Frage- und Signierstunde in der Galerie Nosbaum Reding vorgestellt. Delrue ist aktuell „artist in residency“ in Esch-Alzette.
Gibt es in der Galerie Nosbaum Reding zu entdecken: „Gargilesse“ (l.) und „Blood on the hands“ (r.) von Ronny Delrue Fotos: Louis Weber, Ronny Delrue
Mit „Momentum“ hat sich Ronny Delrue 2024 bei Nosbaum Reding empfohlen, die Gemeinde Düdelingen hat ein Werk von ihm in ihrer Sammlung, und die Escher Verantwortlichen für Künstler-Residenzen haben den 1957 in Heestert geborenen und in Gent wohnhaften Künstler nach Esch-Alzette eingeladen. Von Mitte Januar bis Mitte März 2026 absolviert er in der Minettmetropole eine Künstlerresidenz und bereitet mit eingravierten, sinnstiftenden Wörtern und blauem Stein neue „stones of memory“ vor. „Memory“, in diversen Formen und Lesarten, beherrscht seit den 90er-Jahren sein vielseitiges Werk. Delrue, ein eifriger Kreativer, greift täglich zum Stift, dann wieder zum Pinsel oder einem anderen Werkzeug, um seine „Erinnerungen“ zu Papier oder auf die Leinwand zu bringen, wobei er sich bewusst nicht präzise ausdrückt – vielmehr zeichnet er Gesichter, die keine sind, wohl eher Erinnerungen an verschwommene Gesichter oder bleibende Schatten menschlichen Ausdrucks, wie Prof. Van der Stighelen in einem Essay festhält.
Strich und Raum
Seine Ausstellung „Jeder Strich ein lauter Raum“ im IKOB (Museum für Zeitgenössische Kunst) in Eupen ist am 22. Februar 2026 zu Ende gegangen. Vernissage für „Enigma“ bei Nosbaum Reding war am 28.2. dieses Jahr, so eng ist die Agenda des Künstlers getaktet, so vielseitig ist sein Werk. Hat er in Eupen vorwiegend Zeichnungen ausgestellt, diese teils auf Tischen präsentiert wurden, so hat er – sieht man von einer Skulptur ab – seine 22 Zeichnungen und Gemälde im Rahmen der „Enigma“-Ausstellung in Luxemburg allesamt an die Wand gehängt. Geht der Künstler gerne auf Abstand zum eigenen Werk, um es für sich wirken zu lassen, so passt er generell seine Ausstellungen den Räumlichkeiten von Galerien oder Museen an. Er geht auf den Raum ein.
Man hat ihn als „Grenzgänger“ bezeichnet, eine Art Wanderer zwischen geschichtlichen Erinnerungen, gesellschaftlichen Entwicklungen und menschlichen Empfindungen. Er liebt es, „sichtbare Fragmente der menschlichen Existenz“ wie Köpfe, Gesichter, Schattengebilde oder flüchtige Eindrücke und Empfindungen in seinen Werken zu verarbeiten, so als wolle er „Anti-Portraits“ zum Idealbild schaffen, dunkle Kompositionen, die jedoch fundamentale Fragen des „Menschseins“ aufwerfen, wie es in den Erläuterungen zur IKOB-Expo hieß.

Das Werk „Blood on the hands“ von Ronny Delrue Foto: Ronny Delrue
Über das Oeuvre von Delrue sind kluge Analysen angestellt worden, er mag selber auch Bücher, da er Seite um Seite umblättern und so permanent Neues entdecken kann. Vor allem seine unzähligen Zeichnungen, die er mal spontan, mal nach reiflicher Überlegung anfertigt, bieten immer wieder Stoff für wissenschaftliche und/oder psychologische Betrachtungen und erlauben tiefe Einblicke in die Empfindungswelt des Künstlers, der sowohl menschliche Gefühle als auch politische Aussagen in scheinbar einfachen, oft „stillen“ Zeichnungen/Bildern verbirgt.
Das nun in Luxemburg vorgestellte Büchlein „Enigma“ zur Ausstellung „Jeder Strich ein lauter Raum“ beinhaltet Essays von Prof. Dr. Kardijne Van der Stighelen“ (KU Leuven) und Frank-Thorsten Moll, IKOB-Direktor. Stighelen geht von einem Foto aus dem Jahre 2000 aus, um Delrues Netzwerke und sein Oeuvre der letzten Jahrzehnte aufzurollen, im Detail zahlreiche Werke zu erläutern, Symbole aufzudecken und u.a. zu schlußfolgern: „The landscape is a portrait and the portrait is a landscape. He is a unique artist who combines past with present and bewitchingly depicts existential questions.“
Frank-Thorsten Moll spricht die „verborgenen Gesichter“ und schattenhaften „Gestalten“ an, umschreibt den Künstler als „Humanisten“, als „Meister des Ungegenwärtigen und Unoffensichtlichen“, von „Masken“ und „semitransparenten Farbschichten“ sowie einer recht reduzierten Farbpalette. Er sieht die eigentliche politische Dimension dieses Werkes in der „Verabsolutierung der Unverfügbarkeit“, wobei er Delrue unterstellt, die „Essenz des Menschseins“ darzustellen. „Enigma“, ein handlich aufgemachtes Büchlein, ist für 25 Euro im Galerieshop zu kaufen.
Gesichter und Schatten
Der Titel „Enigma“ spielt sowohl auf die Verschlüsselung als auch die Entschlüsselung der Delrue-Arbeiten an, also erst einmal zwei großformatige Landschaftsbilder, „Black snow“, in denen sich blaue, schwarze und grünliche Farbtöne in weißem Ambiente zu unscharfen Landschaften auflösen, sowie „Blood on the hands“, bei dem die rote Farbe eine feine Menschenzeichung umringt, und „Memory revisited“ aus dem Jahre 2020, das typische Merkmale des Künstlers vereint.

„Gargilesse“ (2025) von Ronny Delrue Foto: Louis Weber
Seiner Sicht, einen Gegenpart auszudrücken, kommen weitere Ölbilder, die ohne Titel oder mit dem Hinweis „schwarzer Schnee“ bzw., wie vom Kugelhagel durchsiebt, dunkle „Erinnerungen“ wachrufen, entgegen. Bleiben acht mit Graphit oder in Mix-Media-Technik gezeichnete und gemalte, äußert delikat angelegte Zeichnungen, die jeweils Szenen andeuten und denen bei genauem Hinsehen klare Botschaften zu entlocken sind. Gekrönt wird diese Ausstellung mit der in Bronze gegossenen Skulptur „Fading memory aan hunnen voorzitter (à leur président)“ aus dem Jahre 2026. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!
Vor dem Besuch einer Delrue-Ausstellung im S.M.A.K. in Belgien wird das Publikum ermuntert, sich auf komplexe Exponate einzustellen, werden doch diese Zeichnungen gerne als „Ideenlabor“ beschrieben. Ronny Delrue, der in Gent und Moen lebt, jedoch gerne – wie jetzt in Luxemburg – Residenz-Angebote annimmt, um außerhalb seiner heimischen Umgebung ungewohntes Ambiente auf sein kreatives Schaffen einwirken zu lassen, nimmt sicherlich eine Sonderstellung in der aktuellen Kunstszene unseres Nachbarn ein.
Infos
„Enigma“ von Ronny Delrue, noch bis 25. April in der Galerie Nosbaum Reding in Luxemburg-Stadt – www.nosbaumreding.com
„Enigma“ mit zwei Essays über Delrue, bei MER-Books 2025 erschienen. In der Galerie aufgelegt.