Jugend rebelliert
Wohnungsnot und teures Leben treiben die Menschen in Portugal auf die Straße
Erst kamen die Zelte, dann die Polizei. Mehrere Nächte lang hatten junge Portugiesen auf dem beliebten Rossio-Platz mitten in Lissabon ihr Lager aufgeschlagen. Dort wollten sie zeigen, dass für sie im eigenen Land kaum noch Platz ist – zumindest keiner, den sie bezahlen können.
Die einzige „Wohnung“, die sie sich noch leisten können: Demonstration auf dem Rossio-Platz in Lissabon Foto: Patricia de Melo Moreira/AFP
Schließlich rückten Polizeieinheiten an, räumten das Protestlager und nahmen Dutzende Menschen fest. Doch die Demonstranten wollen sich nicht vertreiben lassen. „Wir sind viele und werden weitermachen“, riefen sie und kündigten neue Proteste an.
Portugal erlebt gerade einen heißen Herbst. Tausende Menschen gehen gegen explodierende Wohnungspreise, unbezahlbare Mieten und niedrige Löhne auf die Straße. In Lissabon und Porto errichteten junge Leute Protestcamps. Auf ihren Transparenten stehen Sätze wie „Ich will vor meinem 50. Geburtstag bei meinen Eltern ausziehen“. Oder: „Unsere Geduld ist am Ende“.
Im benachbarten Spanien haben junge Menschen bereits vor Wochen auf zentralen Plätzen ihre Zelte aufgebaut, um gegen die nationale Wohnungskrise zu protestieren. In Frankreich kam es zu gewaltsamen Massenprotesten gegen steigende Lebenshaltungskosten und Sozialabbau. Und auch Italien wird von Protesten erfasst.
In Lissabon, Madrid, Paris oder Rom – immer mehr Menschen gehen in Europa auf die Straße, weil der Alltag zu teuer wird und die Einkommen nicht mithalten. Und vor allem: Für viele junge Europäer rückt der Traum von den eigenen vier Wänden in immer weitere Ferne.
920 Euro Mindestlohn, 800 Euro Miete
Besonders dramatisch ist die Entwicklung in Portugal, wo man lange Zeit vergleichsweise günstig leben konnte. Nach Angaben des portugiesischen Statistikamtes sind die Immobilienpreise innerhalb von sechs Jahren um rund 80 Prozent gestiegen.
Die Löhne haben mit dieser Preisexplosion nicht annähernd Schritt gehalten. Der gesetzliche Mindestlohn liegt bei 920 Euro im Monat, die Hälfte der Beschäftigten verdienen nicht viel mehr als 1.000 Euro. Das reicht nicht mal, um in Lissabon oder Porto ein einfaches Zimmer zu mieten, für das bis zu 800 Euro verlangt werden.
Kein Wunder, dass viele junge Portugiesen bis weit über das 30. Lebensjahr hinaus bei ihren Eltern wohnen. Nicht wenige verlassen ihre Heimat, weil sie sich in anderen europäischen Ländern bessere Chancen versprechen. Portugal, das nach der großen Finanz- und Schuldenkrise im Jahr 2011 ausländische Investoren, wohlhabende europäische Rentner und digitale Nomaden aus aller Welt anlockte, muss nun feststellen, dass sich viele seiner eigenen Bürger das Leben in den großen Städten nicht mehr leisten können.
Lukrative Ferienwohnungen
Dazu kommt der Tourismusboom. Immer mehr Wohnungen in den historischen Altstädten wurden zu lukrativen Ferienapartments umgewidmet. Gleichzeitig brach der Wohnungsbau ein. Das Angebot wurde knapper und entsprechend kletterten die Preise immer weiter.
Die konservative Minderheitsregierung von Ministerpräsident Luís Montenegro versucht inzwischen, gegenzusteuern. Sie unterstützt junge Menschen beim Immobilienkauf, will den Wohnungsbau ankurbeln und private Eigentümer mit Steuervergünstigungen dazu bewegen, ihre Immobilien zu vermieten.
Doch eine der jüngsten Maßnahmen hat die Empörung weiter angeheizt: Steuerlich begünstigt werden sollen Vermieter, die monatlich weniger als 2.300 Euro Miete verlangen. Eine solche Summe gilt nach den Plänen der Regierung offenbar noch als moderate Miete. Bei den Mieterinitiativen sorgt das für Kopfschütteln.
„Iberischer Streik“
Mittlerweile ruft auch Portugals großer Gewerkschaftsbund CGTP zu Demonstrationen auf. Er verlangt Lohnerhöhungen um 15 Prozent und eine Anhebung des monatlichen Mindestlohns auf 1.100 Euro.
Wie angespannt die Stimmung ist, zeigte sich bei den Räumungen der Protestlager. Es kam zu Auseinandersetzungen mit zahlreichen Verletzten. Die Polizei beruft sich darauf, dass das Demonstrationsrecht keine Besetzung öffentlicher Plätze erlaube. Die Protestierenden sprechen dagegen von Einschüchterung.
Aufgeben wollen sie nicht. „Du hältst es nicht mehr aus? Dann schlag dein Zelt auf!“, lautet einer der Protestaufrufe. Inzwischen schauen die Aktivisten auch über die Grenze nach Spanien. Dort haben die großen Gewerkschaften für den 11. November einen landesweiten Generalstreik angekündigt. Auf portugiesischen Demonstrationen ertönt bereits der Ruf nach einem gemeinsamen und grenzüberschreitenden „iberischen Streik“.