Polen
Vorbereitung auf russischen Angriff: Bunker aus der Zeit des Kalten Kriegs werden modernisiert
Polens Immobilien-Firmen ächzen: Am 1. Januar ist das sogenannte „Bunker-Gesetz“ in Kraft getreten. Es bindet eine Baubewilligung an die Bereitstellung von unterirdischen Zivilschutzräumen.
Der polnische Staatspräsident Karol Nawrocki (vorne) geht bei seinem Besuch im Grenzgebiet zwischen Polen und Belarus auf einem Steg: Die Polen bereiten sich in vielerlei Hinsicht auf einen Angriff aus dem Osten vor Foto: Artur Reszko/PAP/dpa
Konkret bedeutet dies, dass Kellerräume und Tiefgaragen künftig so gebaut werden müssen, dass sie im Kriegsfall hermetisch abgeschlossen werden können. Dazu müssen sie mit Filtersystemen für Luft und Wasser ausgestattet sein. Dies treibt laut Baubranche die ohnehin schon steigenden Immobilienpreise weiter in die Höhe.
Optimisten erwarten indes auch neue Bauaufträge, denn das „Bunker-Gesetz“ sieht für die Zivilschutz-Adaptation der vor Ende 2025 bewilligten Mehrfamilienhäuser und Wohnblocks Subventionen von bis zu 100 Prozent vor.
Polen will sich so für den frühestens per 2029 erwarteten Angriff Russlands wappnen. In die Armee wurden bereits Milliarden investiert, doch in Sachen Zivilschutz hinkt Polen gefährlich hinterher. Die Organisationen der Zivil-Verteidigung wurden nach der Wende von 1989 für obsolet gehalten und abgeschafft. Schon in sozialistischer Zeit wurden ab den 1970er-Jahren kaum mehr neue Schutzräume gebaut.
Doch nun sollen im laufenden Jahr vor allem Privatpersonen in die Bresche springen. Denn neben dem verordneten Bau von Zivilschutzräumen in Tiefgaragen werden die Besitzer von Einfamilienhäusern ermuntert, im Garten frei stehende Schutzräume aufzustellen. Solche Bauten in der Größe von bis zu 35 Quadratmetern brauchen ab sofort keine Baubewilligung mehr. Vorgefertigte, bombensichere Objekte können laut Auskunft von auf die Ukraine spezialisierten Branchenkennern auch in Polen innerhalb eines Tages aufgestellt werden. Die kleinsten Garage-ähnlichen Schutzbunker sind in Polen ab umgerechnet 25.000 Euro zu haben. Sie sind allerdings nur 14 Quadratmeter groß und noch nicht mit den nötigen Filtern ausgestattet.
Vorwärts machen will Polen im laufenden Jahr allerdings auch mit den öffentlichen Schutzbunkern. Laut Innenministerium wurde bis Herbst 2025 rund die Hälfte der schätzungsweise 4.000 meist total veralteten Einrichtungen aus sozialistischer Zeit auf ihr Modernisierungspotenzial hin geprüft. Etwa 1.000 Anlagen sollen 2026 renoviert werden. Das Parlament hat dafür einen Fonds von umgerechnet rund 1,2 Mrd. Euro versprochen.
Verantwortlich für die Renovierungen dieser alten Zivilschutzanlagen, die sich meist unter Schulen, Verwaltungsgebäuden und Wohnblocks befinden, sind die Gemeinden. Das nötige Geld dafür können sie 2026 aus dem neuen Schutzraum-Fonds beziehen. Allerdings sind hier die Kriterien noch unklar. Jedenfalls sollen laut Innenministerium zuerst Zivil-Schutzräume entlang der NATO-Ostflanke modernisiert und ausgebaut werden.
Schutzraum in der Glowacki-Straße
Sämtliche bunkerähnlichen Anlagen wurden mit einer Geheimhaltungsklausel belegt, was eine unabhängige Prüfung dieser neuen Maßnahmen unmöglich macht. In der ostpolnischen Stadt Przemysl an der Grenze zur Ukraine sollen laut einheimischen Informanten für 60.000 Einwohner heute gerade vier Schutzräume mit ingesamt 300 Plätzen zur Verfügung stehen.
Eine gesamtpolnische Schutzraum-App und die Stadtgemeinde weisen immerhin fünf Schutzraum-Adressen südlich des Hauptbahnhofs von Przemysl aus. Markierungen sind an den betroffenen Mehrfamilienhäusern aus den 50er-Jahren keine zu sehen. Doch im Innenhof an der Glowacki-Straße ist tatsächlich ein grauer, verriegelter Bunker-Lüftungsschacht auszumachen.
Frau Grazyna weiß Bescheid: „Der Schutzraum war voller Rattenleichen, etwa 130 Quadratmeter ist er groß“, erzählt die Rentnerin und führt die Kellertreppe hinunter zum Eingang. Die Tür ist unverrückbar, aber dicht ist sie auch nicht. Im Hochparterre steht in abblätternder Farbe „Zum Schutzbunker“. Die Aufschrift sei noch aus der Zeit des Kalten Krieges, als der Feind angeblich im Westen lauerte, erklärt Frau Grazyna. Vor zwei Jahren seien Stadtbeamte gekommen und hätten den Raum in ihr Inventar eingetragen. „Seitdem ist nichts mehr geschehen“, klagt die Anwohnerin, „nun droht uns ein russischer Angriff und der Staat macht nichts.“
Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen: Vielleicht kommt dieses Jahr der städtische Schutzraum-Renovierungstrupp an die Glowacki-Straße.