Parlamentswahl in Marokko

Viele junge Menschen ohne Vertrauen in die Politik

Wahlversprechen sind für Haitham Atifi nur „leere Worte“. Der 20-Jährige wird nicht zur Wahl gehen, wenn in Marokko am Mittwoch ein neues Parlament gewählt wird. Nach dem Urnengang wird sich zeigen, ob das politische System wieder einen Zugang zur Jugend finden kann.

Freiwillige der Partei Unabhängige Nationalversammlung (RNI) machen Wahlwerbung in einem Suk unweit der Stadt Salé

Freiwillige der Partei Unabhängige Nationalversammlung (RNI) machen Wahlwerbung in einem Suk unweit der Stadt Salé Foto: Abdel Majid Bziouat/AFP

Wie viele junge Menschen in dem nordafrikanischen Königreich ist Atifi desillusioniert und hat kein Vertrauen in die Politik. „Ich glaube nicht, dass es eine Partei gibt, die in der Lage ist, Arbeitsplätze für die jungen Menschen zu schaffen“, sagt der 20-Jährige. Trotz seines Diploms als Elektroingenieur sei es ihm nicht gelungen, Praktikumsplätze zu finden, die ihm dann beim Start ins Berufsleben geholfen hätten. Fast allen ehemaligen Kommilitonen gehe es genauso, erzählt der junge Mann aus Salé in der Nähe der Hauptstadt Rabat.

Von den 36 Millionen Marokkanerinnen und Marokkanern haben sich knapp 16 Millionen für die Wahl der 395 Mitglieder des Repräsentantenhauses registrieren lassen. Nur vier Prozent der registrierten Wählerinnen und Wähler sind zwischen 18 und 24 Jahre alt.

Die Partei mit den meisten Stimmen kann den neuen Regierungschef bestimmen. Dieser muss nach der Ernennung durch König Mohammed VI. eine Regierung bilden, die ein fünfjähriges Mandat erhält. Umfragen vor der Wahl sind durch das Wahlgesetz verboten. Presse und Experten gehen davon aus, dass die Unabhängige Nationalversammlung (RNI), aktuell stärkste Kraft in der Regierungskoalition, auch jetzt zu den Favoriten gehört.

Regierungschef Aziz Akhannouch führte trotz seines Rücktritts vom RNI-Vorsitz den Wahlkampf für seine Partei an: Der Geschäftsmann verteidigte die umstrittene Bilanz seiner Regierung – insbesondere die Ausweitung der sozialen Absicherung und die Einführung direkter Sozialhilfen – und versprach zugleich, es im Fall eines Wahlsiegs besser zu machen. Zu den Favoriten zählt außerdem die liberale, derzeit mit der RNI regierende Partei für Ehrlichkeit und Modernität (PAM). Beide Parteien gelten als dem Königspalast nahestehend.

Arbeit und Wohnen sind Prioritäten

Die künftige Regierung müsse Arbeit und Wohnen zu ihren Prioritäten machen, sagt die 34-jährige Zoubaida in einem öffentlichen Park im Zentrum von Tanger. Die Mutter, die ihren Nachnamen nicht nennen will, hält sich mit kleinen Jobs über Wasser. Auch sie werde nicht zur Wahl gehen, sagt sie. „Ich erwarte nichts.“

Soziale Ungleichheit und Jugendarbeitslosigkeit waren zentrale Wahlkampfthemen. Während einige junge Marokkaner sich der Gleichgültigkeit hingeben, sind andere bei Protesten ganz vorn mit dabei. Angeführt von der sogenannten Generation Z waren vor einem Jahr fast täglich zahlreiche Menschen für eine Verbesserung des Bildungs- und Gesundheitssystems sowie gegen die Korruption im Land auf die Straße gegangen. Viele Demonstranten forderten zudem einen Regierungswechsel.

Auslöser der Protestwelle waren Berichte über den Tod von acht schwangeren Frauen, die für einen Kaiserschnitt in ein staatliches Krankenhaus in Agadir eingeliefert worden waren. Die Vorfälle wurden als Beleg für Missstände im Gesundheitssystem gewertet. Zahlreiche Marokkaner äußerten sich zudem frustriert über die Höhe staatlicher Ausgaben für Prestigeprojekte im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2030, die Marokko zusammen mit Portugal und Spanien ausrichten wird.

Sozioökonomische Frustration

Die sozioökonomische Frustration im Land rückte erneut ins Blickfeld, als Ende Juli zehntausende Menschen, überwiegend junge Marokkaner, zu Fuß oder schwimmend in die benachbarte spanische Exklave Ceuta gelangten. Auf die Ereignisse in Ceuta angesprochen sagt Zoubaida, sie würde nicht zögern, wenn sich ihr eine derartige Gelegenheit bieten würde. Obwohl das Wirtschaftswachstum in Marokko 2025 fünf Prozent betrug, lag die Arbeitslosenquote nach offiziellen Angaben bei 13 Prozent. „Bei dieser Wahl gibt es zwei Herausforderungen: das Vertrauen der Wähler, vor allem der jungen, in das politische Leben wiederherzustellen, und eine ehrliche politische Elite hervorzubringen“, sagt der Politologe Mohamed Chiker.

Der 28 Jahre alte Haitam Arakchou aus Salé weiß, wen er wählen will. Er wünsche sich einen „Wandel“ und rufe seine Landsleute auf, „zur Wahl zu gehen und für die Partei zu stimmen, die ihnen am ehesten zusagt“. Er hoffe darauf, dass „die nächste Regierung die soziale Lage verbessern und den Mindestlohn erhöhen wird“.

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