Analyse
Rekordzahl an russischen Angriffen auf die Region Kiew
Die Region Kiew ist seit Anfang September so oft von russischen Angriffen getroffen worden wie seit mehr als vier Jahren nicht.
Einwohner von Kiew haben sich in einem Kellergeschoss vor russischen Luftangriffen in Sicherheit gebracht Foto: Genya Savilov/AFP
Vom 1. bis 18. September wurden 118 Angriffe oder Angriffsserien verzeichnet, wie aus einer Analyse der Nachrichtenagentur AFP auf Grundlage von Daten der Nichtregierungsorganisation Acled hervorgeht. Ähnlich viele Angriffe auf die Region um die ukrainische Hauptstadt hatte Russland zuletzt im März 2022 ausgeführt. Damals wurden im gesamten Monat 174 Vorfälle registriert. Laut der noch unvollständigen Auswertung für diesen September sind die Angriffe in diesem Monat sogar noch massiver als im März 2022. Zudem ist 2026 bereits jetzt das Jahr mit den meisten Angriffen oder Angriffsserien auf die Region seit Beginn des russischen Angriffskrieges im Februar 2022.
Auch am Mittwoch meldeten die ukrainischen Behörden mehrere Angriffe auf Kiew, bei denen zwei Menschen getötet worden seien. Die russische Armee habe den ganzen Vormittag mit Drohnen „Büros, Lebensmittelgeschäfte und Tankstellen“ ins Visier genommen, erklärte der ukrainische Regierungschef Serhij Korezky.
Russland hat seine Angriffe auf die Region Kiew seit Juli deutlich verstärkt und dabei insbesondere Lagerhäuser rund um die Hauptstadt sowie Geschäfte und Tankstellen bombardiert. Die russische Armee setzt dabei vermehrt Raketen sowie in den vergangenen Wochen auch Jet-Drohnen ein, die für die ukrainische Luftabwehr schwerer abzufangen sind.
Russland hat auch seine Angriffe auf andere Regionen in der Ukraine intensiviert. Seit Mai wurden jeden Monat neue Höchstzahlen verzeichnet, im August waren es laut Acled landesweit 5.500 Vorfälle. Als Reaktion auf die anhaltenden Attacken hat auch die Ukraine in den vergangenen Monaten ihre Angriffe auf Ziele in Russland verstärkt.
51 Länder „zutiefst besorgt“
Vor einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats zur Lage in der Ukraine haben sich unterdessen 51 Länder solidarisch mit Kiew gezeigt und ihre Sorge wegen der jüngsten russischen Angriffe zum Ausdruck gebracht. „Wir sind zutiefst besorgt über die Eskalation Russlands gegen Zivilisten und zivile Infrastruktur in der gesamten Ukraine, die in den vergangenen Monaten zu einer Rekordzahl an Opfern geführt hat“, las die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas am Mittwoch in New York aus einer gemeinsamen Erklärung.
„Besonders besorgt sind wir über die Angriffe im Schwarzen Meer“, fuhr Kallas fort. Russland versuche, die ukrainischen Getreideexporte „abzuwürgen“ und gefährde damit die globale Ernährungssicherheit. „Wir unterstützen daher die Bemühungen um eine Vereinbarung für das Schwarze Meer zum Schutz der Freiheit der Schifffahrt und fordern den Schutz der Handelsschifffahrt sowie kritischer Infrastruktur.“
Zu den Unterstützern der Erklärung gehören neben den europäischen Verbündeten der Ukraine auch Australien, Costa Rica, Honduras, Japan, Marokko, Neuseeland und Südkorea. Kallas trug die Erklärung im Beisein des ukrainischen Außenministers Andrij Sybiha sowie Dutzender weiterer Amtskolleginnen und -kollegen vor.
Rotes Kreuz: Kein Kontakt zu Kriegsgefangenen
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) hat nach eigenen Angaben seit mehreren Jahren keinen Kontakt mehr zu Kriegsgefangenen in Russland. Zwischen dem Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 und August 2026 seien insgesamt mehr als 9.800 Kriegsgefangene beider Seiten besucht worden, aber „hauptsächlich in der Ukraine“, erklärte ein Sprecher der Organisation am Mittwoch. Der letzte Besuch in Russland sei im Jahr 2024 gewesen. Bis heute habe das IKRK im Ukraine-Krieg keinen vollständigen Zugang zu allen Kriegsgefangenen, sagte der Sprecher.