Gaza-Dokumentation „Naza“

Preisgekrönter Film erzürnt Israel: Netanjahu fordert strafrechtliche Ermittlungen gegen Beteiligte

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu fordert strafrechtliche Ermittlungen gegen Soldaten und Offiziere, die im preisgekrönten Dokumentarfilm „Naza“ zu Wort kommen. Er wirft den Beteiligten unter anderem vor, Israels Interessen zu gefährden.

Szene des Films „Naza“

Szene des Films „Naza“ Foto: The Guardian/dpa

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu will gegen die im preisgekrönten Dokumentarfilm „Naza“ interviewten Soldaten und Offiziere vorgehen und diese wegen „Schädigung der diplomatischen und sicherheitspolitischen Interessen Israels“ strafrechtlich verfolgen lassen. Darüber berichtete der Guardian am Montag.

Netanjahu habe in einem Schreiben an die Generalstaatsanwältin Gali Baharav-Miara, den Stabschef der IDF, Generalleutnant Eyal Zamir, und den Chef des Schin Bet, David Zini, gefordert, dass dringende Maßnahmen zur Aufklärung der Identität „aller Personen“ ergriffen werden, die „an diesem verleumderischen Film beteiligt sind oder darin auftreten“. Er fordere zudem strafrechtliche Ermittlungen wegen Verstößen gegen die Informationssicherheit, Verleumdung und der Gefährdung diplomatischer und sicherheitspolitischer Interessen Israels.

„Naza“ sorgt international für Aufsehen

„Naza“ wurde von den Oscar-prämierten Filmemachern Yuval Abraham und Rachel Szor inszeniert und vom Guardian produziert. Der Film dokumentiert die Tötung zahlreicher Zivilisten durch Israel im Gazastreifen. Der Name geht laut Guardian auf ein Akronym zurück, das der israelische Geheimdienst verwendet. Es bezeichnet die geschätzte Zahl der Zivilisten, die bei einem Luftangriff voraussichtlich getötet werden.

Bei seiner Premiere beim Filmfest in Venedig begeisterte „Naza“ das Publikum und wurde rund 25 Minuten lang mit Standing Ovations bedacht. Es war der längste Beifall in der Geschichte der Veranstaltung. Der Film gewann den Spezialpreis der Jury und soll in insgesamt mehr als 50 Ländern gezeigt werden. In Luxemburg war er am Mittwoch, 30. September, erstmals auf der Leinwand zu sehen.

Yuval Abraham (l.) und Rachel Szor nehmen im Rahmen der Abschlusszeremonie der 83. Ausgabe der Filmfestspiele von Venedig den Sonderpreis der Jury für den Film „Naza“ entgegen

Yuval Abraham (l.) und Rachel Szor nehmen im Rahmen der Abschlusszeremonie der 83. Ausgabe der Filmfestspiele von Venedig den Sonderpreis der Jury für den Film „Naza“ entgegen Foto: Scott A Garfitt/Invision/AP/dpa

Bereits kurz nach der Premiere fielen die Reaktionen aus Israel erwartungsgemäß negativ aus. Kulturminister Miki Zohar sah „Verrat am Staat“ und drohte den Filmemachern mit der Aberkennung ihrer Staatsangehörigkeit. Premier Netanjahu bezeichnete den Film als „schockierend und unerträglich“. Die israelische Armee wies prompt alle Vorwürfe zurück und kritisierte, dass alle Quellen anonym und daher nicht überprüfbar seien. Regierungsanhänger drohten den Filmemachern laut Guardian zudem mit Verfolgung bei ihrer Rückkehr nach Israel und demonstrierten vor Rachel Szors Elternhaus mit Rufen wie „Todesurteil für Verräter“.

Journalistenföderation spricht von Einschüchterung

Der Generalsekretär der Europäischen Journalistenföderation, Ricardo Gutiérrez, sprach laut Guardian im Kontext der Drohungen von einem „eklatanten Akt der Einschüchterung gegen Journalisten“, die ihre Arbeit „unter strikter Einhaltung ethischer Standards und im öffentlichen Interesse“ verrichteten. Israel sei zu allem bereit, um seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie den Völkermord im Gazastreifen zu vertuschen.

Ein Sprecher des Guardian beschrieb die von Israel unternommenen Schritte als „Versuche, von den dringenden Fragen abzulenken, die der Film hinsichtlich der Massenmorde an palästinensischen Zivilisten in Gaza aufwirft“. Journalisten müssten frei und ohne Einschüchterung im öffentlichen Interesse recherchieren können. (les)

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