Kolumbien
Nach stärkstem Beben seit einem Jahrzehnt läuft die Suche nach Verschütteten
Nach dem stärksten Erdbeben seit einem Jahrzehnt läuft in Kolumbien die intensive Suche nach Überlebenden. Teils nur mit bloßen Händen und erschwert durch Stromausfälle gruben Einsatzkräfte und Freiwillige am Dienstag weiter nach Verschütteten. Laut dem Kommunalverband Asocapitales wurden seit dem Unglück vom Montag 169 Todesopfer und mehr als 600 Verletzte gezählt.
Freiwillige helfen bei der Suche nach Vermissten in Cali Foto: Joaquin Sarmiento/AFP
Asocapitales, eine Vereinigung zur Koordination von Maßnahmen in den wichtigsten Städten des südamerikanischen Landes, teilte mit, mindestens 169 Menschen seien durch das Beben ums Leben gekommen und mehr als 600 weitere verletzt worden. 165 Gebäude stürzten demnach ein. Der erst seit Freitag amtierende Staatschef Abelardo de la Espriella rief den Katastrophenfall aus.
Das Erdbeben der Stärke 7,4 hatte sich am Montagmorgen um 07.34 Uhr (Ortszeit, 14.34 Uhr MESZ) ereignet. Das Epizentrum lag nahe der westkolumbianischen Gemeinde San José del Palmar im Departamento Chocó, einer relativ armen Region an der Pazifikküste.
„Die Menschen rannten nackt nach draußen, sie sprangen aus dem zweiten Stock ihrer Häuser“, berichtete der Jurastudent Wilmer Cuesta in Quibdó. In der Stadt kamen laut einer Behördenvertreterin die Kommunikation und die öffentliche Versorgungsinfrastruktur praktisch zum Erliegen. Auch nahegelegene Städte im Westen des Landes wurden erschüttert, teilweise brach Panik aus. Bis zum Abend wurden 47 Nachbeben registriert.
Besonders betroffen war das für den Kaffeeanbau bekannte Departamento Risaralda mit der Regionalhauptstadt Pereira im Westen des Landes, das auch bei Touristen beliebt ist. Dort gab es den Behörden zufolge dutzende Tote. In der Nacht zu Dienstag lag die Stadt weitgehend in Dunkelheit, da die Erdbebenschäden zu Stromausfällen führten.
Flugverkehr wurde eingestellt
Viele Todesopfer gab es auch im Departamento Valle del Cauca mit der Regionalhauptstadt Cali, der drittgrößten Stadt des Landes. Dort verhängten die Behörden eine nächtliche Ausgangssperre. Aus der ebenfalls in der Kaffee-Region gelegenen Stadt Manizales wurden ebenfalls Tote gemeldet. Dort stürzte unter anderem einer der Türme der bekannten Kathedrale ein.
Unter den hunderten Freiwilligen war Nelson Moreno, der nach einer Freundin suchte, die unter den Trümmern von zwei fünfstöckigen Gebäuden eingeschlossen wurde. „Jetzt brauchen wir Taschenlampen und Schutzbrillen gegen den Staub“, um die Arbeiten in der Nacht fortzusetzen, sagte er.

An den kleineren Flughäfen in Pereira, Manizales, Quibdó, Armenia, Cartago und Buenaventura wurde der Flugverkehr nach Angaben der Luftfahrtbehörde „aus Sicherheitsgründen“ ausgesetzt. In Bogotá wurden Gebäude evakuiert, die Schäden in der kolumbianischen Hauptstadt beschränkten sich nach Worten von Bürgermeister Carlos Galán aber auf Risse in Gebäuden.
Zahlreiche Länder boten Hilfe an
Zahlreiche Länder, darunter Frankreich, Israel und Mexiko, boten Kolumbien nach dem Beben Hilfe an. Die USA gaben nach Angaben des Außenministeriums 15,5 Millionen Dollar (13,4 Millionen Euro) frei. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte, die EU sei bereit, Unterstützung zu leisten. „Wir haben bereits unseren Satellitendienst Copernicus mobilisiert, um bei den Rettungseinsätzen zu helfen“, schrieb sie auf X.
Journalisten der Nachrichtenagentur AFP zufolge waren die Erdstöße auch in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito sowie in Panama und Venezuela zu spüren gewesen. Die Behörden in Panama erklärten, mögliche Schäden in der schwer zugänglichen Grenzregion Darién zu prüfen.
Zuletzt hatten im Juni zwei Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 Kolumbiens Nachbarland Venezuela erschüttert. Dort stieg die Opferzahl inzwischen auf mehr als 6.300, wie Parlamentspräsident Jorge Rodríguez am Montag mitteilte. Beide Länder liegen in einer Region, in der drei tektonische Erdplatten aufeinanderstoßen. (AFP)