„Keine Begeisterung für den Krieg“
Londoner Strategie-Institut IISS: Moskau hat Rekrutierungsprobleme
Auch im fünften Jahr des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine beurteilen die Experten des Londoner Strategie-Instituts IISS die Chancen für ein Ende des Konflikts als gering.
Auf großen Werbetafeln versucht die russische Armee, wie hier in St. Petersburg, Soldaten zu rekrutieren Foto: Olga Maltseva/AFP
Zwar habe das Regime von Präsident Wladimir Putin mit erheblichen Rekrutierungsproblemen zu kämpfen. Doch gelinge es dem Angreifer immer wieder, die rapide ukrainische Innovation auf dem Gebiet der Drohnentechnik nachzuvollziehen, sagte IISS-Direktor Bastian Giegerich am Dienstag in London bei der Vorstellung des Jahrbuchs „Military Balance“.
Am vierten Jahrestag der Invasion des gesamten Landes beschäftigten sich die britischen Medien intensiv mit der Situation in Osteuropa. In der Financial Times wiederholte Wolodymyr Selenskyj seine Bitte um die anhaltende Unterstützung West-Europas und um eine klare Perspektive für den baldigen EU-Beitritt. Der ukrainische Präsident kam mit einer vergleichsweise optimistischen Aussage zu Wort: Die Kontrahenten stünden „am Beginn des Endes“ ihres Konflikts. Allerdings schränkte er ein, die russische Seite sei in den trilateralen Verhandlungen unter Einschluss der USA mit „Spielereien“ beschäftigt. „Russland bleibt Russland, man kann ihnen nicht trauen.“
Ähnlich skeptisch beurteilt ein früherer Leiter des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 die Vorstellungen Russlands. Putin sei „noch keinen Zentimeter abgewichen“ von seinen Kriegszielen, die einer Auslöschung der Ukraine als unabhängiger Staat gleichkommen, sagte Alex Younger der BBC. Im Gegenteil habe der Krieg jedoch die Ukraine als Staat konsolidiert. Younger wies auch auf die Erweiterung der NATO um die wichtigen und Militär-affinen Staaten Schweden und Finnland hin. „Das Risiko eines ungerechten Friedens wird geringer.“
Das Kriegsziel der Ukraine hatte tags zuvor deren Botschafter in London vor dem Thinktank Chatham House so definiert: Die internationale Gemeinschaft müsse sicherstellen, „dass Russland 100 Jahre lang keinen Krieg mehr beginnen kann“, lautet der Wunsch von Walerij Saluschnyj. Seit mehr als zwei Jahren handele es sich „nicht mehr um einen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, sondern um einen globalen Konflikt“. Der frühere Generalstabschef gilt als politischer Rivale des Präsidenten. Dabei handele es sich um „Kneipengerede“, antwortete der 52-Jährige auf eine entsprechende Frage.
Den Russland-Fachleuten des IISS zufolge fällt es dem Angreiferstaat in den vergangenen Wochen zunehmend schwer, die schweren Verluste an der Front auszugleichen. Offenbar beklagen die Rekrutierungsbüros im Land weniger die Quantität als die Qualität der Bewerber, unter denen sich zunehmend Alkoholiker, Drogensüchtige und Kranke befinden. Das liege daran, dass es „keine Begeisterung für den Krieg“ im Land gebe. Durch die Personalprobleme sei „die Vorgehensweise im Donbass unter Druck“ geraten, glaubt IISS-Datenspezialist Henry Boyd.
Chinas Volksarmee kann sich mit US-Rivalen messen
Die Nahost-Region steht unterdessen ganz im Bann des amerikanischen Aufmarsches gegen den Iran. Die mittlerweile bereitgestellten Waffensysteme, vor allem die beiden Flugzeugträger-Kampfgruppen sowie Kampfjets in Saudi-Arabien und Jordanien, deuteten, so die Einschätzung der Fachleute, weniger auf einen einmaligen Schlag, sondern auf einen länger andauernden Konflikt hin. Mit seinen markigen Sprüchen habe sich US-Präsident Donald Trump in die Ecke manövriert. „Die Region richtet sich auf einen Krieg ein“, weiß der zuständige IISS-Mann Emile Hokayem, „und hofft darauf, dass der Westen die Konsequenzen durchdacht hat“. Allgemein herrsche angesichts der längeren Vorbereitungszeit die Erwartung, dass der Iran diesmal härter zurückschlagen werde als während der israelischen und amerikanischen Luftschläge im vergangenen Juni.
Auch der indo-pazifische Raum stand im vergangenen Jahr im Zeichen erheblicher Aufrüstung. Dabei stellte die Volksrepublik China erneut alle regionalen Rivalen in den Schatten: Das nationalkommunistische Regime ist laut IISS für 44 Prozent aller Militärausgaben in der Region verantwortlich – und das, obwohl auch Australien, Japan, Taiwan und zuletzt auch Indonesien ihre Verteidigungsanstrengungen verstärkt haben. Peking verfügt nun über die größte Anzahl moderner Kampfjets, die Marine-Werften arbeiten auf Hochtouren.
Was das Material angeht, so die Einschätzung der Rüstungsexperten, könne sich die chinesische Volksarmee (PLA) mittlerweile mit dem US-Rivalen messen. Freilich gibt es Zweifel an der Qualität von Offizieren und Mannschaften. Einstweilen sei die US Navy noch überlegen, glaubt IISS-Marineexperte Nick Childs. „Aber sie wird natürlich auch in viele verschiedene Richtungen geschickt.“