Zugunglück in Spanien
Lokführer schlagen Alarm wegen Sicherheitsmängeln – Hinweise auf Schienenprobleme verdichten sich
Nach dem verheerenden Zugunglück in Südspanien mit 43 Toten fordern Lokführer mehr Sicherheit und bessere Wartung der Bahninfrastruktur. Die Gewerkschaft plant einen landesweiten Streik, um auf gravierende Mängel im Schienennetz aufmerksam zu machen.
Ein Hochgeschwindigkeitszug ist im Süden Spaniens entgleist und mit einem anderen Zug kollidiert Foto: AFP
Nach der Zugkatastrophe in der südspanischen Provinz Córdoba hat sich in Spanien eine hitzige Sicherheitsdebatte über den Zustand der Bahninfrastruktur entzündet. Ausgerechnet jene Berufsgruppe, die das Netz aus täglicher Praxis am besten kennt, will nun aus Protest den Betrieb lahmlegen: Die Lokführer-Gewerkschaft Semaf kündigte eine landesweite Arbeitsniederlegung im Februar an, um auf Mängel in der nationalen Bahninfrastruktur aufmerksam zu machen.
„Die Kollegen sind wütend“, sagt ein Gewerkschaftssprecher. Die Arbeitnehmervertreter pochen auf „Sicherheit“ als oberste Priorität und wollen konkrete Zusagen der spanischen Regierung und des staatlichen Schienennetzbetreibers Adif zu Wartung und Sicherheitsprotokollen. Dabei geht es auch um die brisante Frage, ob genügend Geld in die Unterhaltung des Bahnnetzes investiert oder ob die Infrastruktur „kaputtgespart“ wurde.
43 Menschen bei Zugunglück gestorben
Bei dem Zugunglück am 18. Januar nahe des andalusischen Ortes Adamuz waren mindestens 43 Menschen ums Leben gekommen – darunter ein Lokführer. Nur zwei Tage später hatte sich ein weiteres tödliches Unglück im katalanischen Nahverkehr ereignet, mit einem Toten und 37 Verletzten; auch bei diesem Zugunfall starb der Schienenfahrzeugführer.
Vier Tage nach der Kollision zweier Hochgeschwindigkeitszüge in Südspanien gingen an der Unfallstelle nahe des Ortes Adamuz die Bergungsarbeiten weiter. Mehrere der zerstörten oder umgestürzten Waggons liegen noch so, dass sie nur mit Kränen gesichert und angehoben werden können – die Arbeiten ziehen sich hin. Nach Angaben der staatlichen Presseagentur EFE wurden inzwischen 42 der insgesamt 43 geborgenen Todesopfer zweifelsfrei identifiziert, überwiegend per Fingerabdruck.
Sucharbeiten laufen noch
Noch immer werden Todesopfer unter den Wracks der zerstörten Waggons vermutet. Diese Vermutung nährt sich aus der Zahl der Vermisstenanzeigen, die nach dem Unglück eingingen. Demnach wurden nach der verheerenden Zugkollision insgesamt 45 Menschen als vermisst gemeldet. Bisher wurden aber nur 43 Körper an der Unfallstelle geborgen. Es fehlen also noch Hinweise auf zwei vermisste Fahrgäste.
Auch in der Umgebung der Unglücksstelle wird weiträumig gesucht, nachdem tonnenschwere Zugteile mehrere Hundert Meter entfernt vom Kollisionsort entdeckt worden sind. Nach Angaben der Rettungsleitstelle wurden auch etliche Opfer bei der gewaltigen Kollision aus den Waggons geschleudert. Insgesamt seien neun leblose Körper in der Umgebung der Gleise geborgen worden. Die Trümmer der beiden Züge waren über eine Strecke von nahezu einem Kilometer verteilt.
Unter den gemeldeten Vermissten befinden sich nach offiziellen Angaben auch drei ausländische Staatsangehörige – aus Deutschland, Marokko und Russland. Zum möglichen deutschen Opfer ist bislang nur bekannt, dass Angehörige die Person nach dem Unglück beim deutschen Konsulat in Málaga und bei den Polizeibehörden als vermisst meldeten.
Das Unglück hatte sich am vergangenen Sonntagabend in Südspanien gegen 19.45 Uhr auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Córdoba und Madrid, nahe dem andalusischen Dorf Adamuz ereignet. Ein aus Málaga kommender Zug der privaten Bahngesellschaft Iryo war mit seinen hinteren Wagen entgleist; diese gerieten auf das Nachbargleis. Sekunden später näherte sich mit Tempo 200 aus der Gegenrichtung ein Zug der staatlichen Bahn Renfe und kollidierte mit den entgleisten Waggons.
Hinweise auf Problem mit Schienen
Unterdessen verdichten sich Hinweise, dass ein Schienenproblem den Iryo-Zug zum Entgleisen brachte. Nach Angaben aus Ermittlungskreisen gilt ein Schienendefekt als „derzeit wahrscheinlichste“ Erklärung. Experten untersuchen dafür akribisch sowohl Gleise als auch Räder und Drehgestelle der Waggons.
Spaniens Verkehrsminister Óscar Puente warnt zwar vor voreiligen Schlüssen – lieferte aber zugleich neue Details, die die Hypothese eines Schienenbruchs kurz vor dem Unglück befeuern: An den Drehgestellen der fünf ersten Wagen des aus den Gleisen gesprungenen Iryo-Zuges seien „Kerben“ festgestellt worden, die möglicherweise von einer Unregelmäßigkeit – etwa einer aufgeplatzten Schienenschweißnaht – stammen könnten.
Ähnliche Spuren habe man auch bei mehreren anderen Zügen gefunden, die kurz zuvor den Unfallabschnitt passiert hatten. Ein Gleisdefekt sei somit eine „nicht von der Hand zu weisende Möglichkeit“. Gleichzeitig betonte der Minister, dass der Abschnitt zuletzt mehrfach überprüft worden sei.
Bis zu einem definitiven Bericht wird sich die Öffentlichkeit aber wohl noch Monate gedulden müssen. Die Untersuchungskommission hat laut Gesetz ein Jahr Zeit, um ihre Ergebnisse vorzulegen.