Der US-Präsident in Davos
Trump verzichtet auf Gewalt und Zölle, sagt er – sein Grönland-Chaos nimmt so die nächste irre Wendung
Donald Trump sorgt in Davos für weitere Irritationen – auch nach seiner Rede. Der US-Präsident fordert Gespräche über Grönland, verwechselt dabei aber Island mit der Arktisinsel. Am Abend folgt die nächste irre Wendung.
Ungelenker Auftritt: Trump betritt die Bühne in Davos Foto: AFP/Mandel Ngan
Donald Trump fordert beim Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos „sofortige Gespräche“, um über einen möglichen Erwerb Grönlands von Dänemark zu sprechen. Mit wem diese Gespräche geführt werden sollen, sagt der US-Präsident am Mittwoch nicht. Der Auftritt ist typisch für Trump: erratisch, auf das Heimatpublikum in den USA zugeschnitten, voll von Eigenlob, Halb- und Unwahrheiten – und einem bösen Schnitzer: Trump verwechselt bei seinem gut anderthalbstündigen Auftritt Grönland mit Island, als er davon spricht, dass er mit Island doch „nur ein großes Stück Eis“ wolle.
Am Mittwochabend dann die Überraschung. Trump schickt sie über seine eigene Plattform „Truth Social“ in die Welt. Er verzichte auf die gegen acht europäische Staaten angekündigten Strafzölle, die sonst am 1. Februar in Kraft getreten wären. Der Anlass für diesen Schritt sei ein „sehr produktives Meeting“ mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte gewesen. Gemeinsam hätten sie einen „Rahmen für ein zukünftiges Abkommen“ zu Grönland und der gesamten Arktis vereinbart. „Diese Lösung wird, wenn sie zustande kommt, großartig sein für die Vereinigten Staaten von Amerika und alle NATO-Nationen“, fügte Trump hinzu.
Ein Paukenschlag nach Wochen voller Wendungen. in Trumps Grönland-Chaos und einer mit Spannung erwarteten Rede in Davos, die allerdings mehr Fragen offen ließ, als sie beantwortete. Doch eines nach dem anderen.
Am Mittwochmorgen, mehr als sechs Stunden vor Trumps Rede, spricht der Luxemburger Premier per Telefonschalte zu den luxemburgischen Medien und geht nicht von dem Schlimmsten aus – und sollte zumindest bis zum Mittwochabend recht behalten mit seiner Vorahnung, dass die USA unter Trump „erst drohen und dann finden Gespräche statt“.
Forderungen zu Grönland und Kritik an Europa
In der Tat tritt Trump am Mittwoch in Davos nicht wie der große Eroberer auf, der Grönland bald militärisch einnehmen wird. Der US-Präsident schließt vor einem Weltpublikum den Einsatz militärischer Gewalt zur Übernahme der Arktisinsel sogar erstmals aus. Zugleich fordert er den sofortigen Beginn von Verhandlungen zum „Erwerb“ Grönlands durch die USA. „Ich muss keine Gewalt anwenden, ich will keine Gewalt anwenden, ich werde keine Gewalt anwenden“, sagt Trump. Die anwesenden europäischen Spitzenpolitiker kritisierte der US-Präsident derweil scharf. Sie seien verantwortlich dafür, dass sich Europa „nicht in die richtige Richtung“ entwickele und „Verlierer“, da sie in China produzierte Windräder kauften. „Windräder töten Vögel und verschandeln die Landschaft, nur dumme Leute kaufen sie“, so der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.
Sie haben eine Wahl: Sie können Ja sagen, und das würden wir sehr mögen, oder sie können Nein sagen – aber das werden wir nicht vergessen
Trump während seiner Rede am Nachmittag
Doch dann kommt mit Blick auf Grönland doch noch so ein typischer Trump-Satz, der alles und nichts heißen kann: „Sie haben eine Wahl: Sie können Ja sagen, und das würden wir sehr mögen, oder sie können Nein sagen – aber das werden wir nicht vergessen.“ Wie es mit Grönland weitergehen soll, kann Trump nicht sagen. „We will see“, sagt der US-Präsident, „das werden wir sehen.“
Grönland oder Island? Die größten Irritationen
Nahezu zeitgleich entscheidet sich das Europäische Parlament in Straßburg dafür, die Arbeiten zur Umsetzung des im vergangenen Jahr vereinbarten Zollabkommens zwischen den USA und der EU formell auf Eis zu legen. Die Europäer wollen ihre Drohkulisse aus möglichen Gegenmaßnahmen im Falle einer gewaltsamen Übernahme Grönlands durch die Amerikaner offensichtlich aufrechterhalten. Auch beim eilig einberufenen außerordentlichen EU-Gipfel am Donnerstag in Brüssel steht die EU nach Einschätzung von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen „an einem Scheideweg“ – zwischen Dialog und handfester Gegenreaktion.
Frieden hatte sich bereits am Mittwochmorgen über die Einberufung dieses Gipfels gefreut. Was derzeit in der Welt geschieht, verlangt nach einer engen Koordination“, so Frieden. Der Luxemburger Premier zeigt sich zu dem Zeitpunkt auch entschlossen, jede Gegenmaßnahme, die auf europäischer Ebene getroffen wird, mitzustimmen. Nicht ohne zu betonen, dass der Dialog mit den USA beibehalten werden muss. „Wir müssen mit den Amerikanern reden und zugleich klar sagen, dass das so nicht geht.“ Luxemburg stehe „bedingungslos auf der Seite von Dänemark und Grönland“.
Europäische Reaktionen auf Trumps Davos-Auftritt
Trump tut sich am Nachmittag dann überraschend schwer. Erratische Reden kennt man vom US-Präsidenten zur Genüge, doch jene am Mittwoch in Davos war noch ein Tick konfuser als viele andere zuvor. Der MAGA-Republikaner springt unentwegt von einem Thema zum anderen: Minnesota, die ICE-Einsätze, Venezuela, Börsenkurse, Benzinpreise, Windräder in Europa, Macrons Sonnenbrille, die der französische Präsident am Dienstag wegen einer Augenentzündung tragen musste, der Wohnungsmarkt in den USA. Trump reiht die Themen in loser Abfolge aneinander, vermischt sie, springt ohne offensichtliche Anhaltspunkte vom einen zurück zum anderen und wieder zum nächsten.
Die Reaktionen im Publikum zeugen davon, wie Trumps Rede aufgenommen wird von den Staats- und Regierungschefs sowie den Wirtschaftskapitänen vor Ort, die sich alljährlich im schweizerischen Luxusskiort zum Weltwirtschaftsgipfel die Klinke in die Hand geben. Zwischenapplaus gibt es bei Trumps Rede kein einziges Mal. Und nach der Rede fällt der Applaus arg verhalten aus. Nur wenige Anwesende stehen auf, um Trump zu beklatschen. Kein Vergleich also zum Auftritt des kanadischen Premierministers Mark Carney am Dienstag, der die Zuhörer mit einer engagierten Rede begeisterte und dafür langanhaltende Standing Ovations erntete.
Diese Lösung wird, wenn sie zustande kommt, großartig sein für die Vereinigten Staaten von Amerika und alle NATO-Nationen
Trump am Abend nach seinem Gespräch mit NATO-Generalsekretär Rutte
Während seiner Rede wiederholt Trump mehrfach die Behauptung, die USA hätten Grönland nach dem Zweiten Weltkrieg an Dänemark zurückgegeben, was „dumm“ gewesen sei. Wie für viele andere Aussagen Trumps gibt es auch für diese keine Grundlage. Während des Zweiten Weltkriegs errichteten die USA auf Grundlage einer Vereinbarung mit Dänemark zwar eine Militärbasis auf Grönland (die bis heute besteht), ein Besitz der Insel wurde jedoch nie auf die Vereinigten Staaten übertragen.
Ein Gravitationszentrum im kruden Weltbild des US-Präsidenten bleibt auch in Davos die NATO – und es ist bei diesem Thema, wo sich Trump den größten Schnitzer leistet. Bei seinem verwirrenden Plädoyer für einen Erwerb Grönlands durch die USA verwechselt Trump die zu Dänemark gehörende Insel mehrfach mit dem Inselstaat Island. „Ich habe der NATO immer geholfen und sie mochten mich, bis ich sie vor kurzem auf Island angesprochen habe“, sagt er auf dem Weltwirtschaftsforum. „Unsere Aktienmärkte sind wegen Island zusammengebrochen, Island hat uns schon eine Menge Geld gekostet“, fährt Trump unbeirrt fort, offenbar ohne sich seines Versprechers bewusst zu werden.
Auch wenn er zum Ende seines Auftritts hin kurz auf die Ukraine und Russland zu sprechen kommt, bleibt sein Streit mit den Europäern wegen Grönland das dominierende Thema an diesem Nachmittag in Davos. Zwischen Russland und der Ukraine gebe es „abnormalen Hass“, sagt Trump – und das sei nicht gut für eine Friedensfindung. Das eine Mal wolle der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj keinen Deal, dann wiederum wolle der russische Präsident Wladimir Putin keinen. Trotzdem, sagt Trump, sei man nun an dem Punkt angelangt, an dem sich ein Frieden für die Ukraine finden lassen sollte. Würden Selenskyj und Putin das nicht hinbekommen, seien sie, anders als er denkt, „dumme Leute“. Etwas später meldet die Nachrichtenagentur AFP, dass die US-Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner, die mit den Verhandlungen befasst sind, am Donnerstag mit Putin zu Gesprächen in Moskau zusammentreffen. Trump selbst sagt auf der Bühne in Davos, dass Selenskyj in der Schweiz wahrscheinlich noch mit ihm reden wolle.
Die USA seien mit ihrer „unaufhaltbaren Kraft“ die Einzigen, die Grönland ausreichend schützen könnten, so Trump noch. Deshalb bräuchten sie die Insel aus Gründen der nationalen und internationalen Sicherheit. Trump will auf Grönland das US-Raketenabwehrsystem „Golden Dome“ installieren, das nicht nur die USA, sondern auch Kanada schützen würde (das in Trumps Überlegungen zur Vergrößerung der USA ebenfalls eine Rolle spielt).
Am Abend, nach einem Post auf Truth Social, tritt Trump in Davos noch einmal vor die Journalisten. Bei seinem kurzen Auftritt sagt er, die Vereinbarung bringe den USA „alles, was wir wollten“. Sie werde „unbegrenzte“ Wirkung haben und umfasse Bereiche wie militärische Sicherheit sowie Rohstoffe.
Von Dänemark und Grönland gab es zunächst keine Bestätigung zu den Angaben Trumps. Die EU steht derweil nicht nur vor einem Sondergipfel, der wegen der inzwischen abgesagten Strafzölle einberufen worden war. Die Europäer stehen vor allem vor neuen offenen Fragen, können aber zunächst aufatmen. Die Eskalation schien am Mittwochabend, nach einem langen Tag in Davos, vorerst gebremst.