Analyse von außen

Die Sicherheit am Golf neu denken

Feuerwehrleute löschen Brand vor beschädigtem Lagerhaus in Al Rayyan, Katar nach iranischem Angriff im Industriegebiet

Al Rayyan, Katar: Feuerwehrleute arbeiten vor einem beschädigten Lagerhaus in einem Industriegebiet nach einem iranischen Angriff Foto: Uncredited/AP/dpa

Seit Jahrzehnten exportieren die Länder des Golf-Kooperationsrats (GCC) Öl, reinvestieren ihre Petrodollars über westliche Märkte und erhalten im Gegenzug militärischen Schutz von den Vereinigten Staaten. Diese Vereinbarung wurde oft als strategisches Bündnis beschrieben. In Wirklichkeit handelt es sich eher um ein System des „Schutzes gegen Bezahlung“, in dem der GCC Sicherheitsgarantien durch Rüstungsverträge, Stationierungsrechte und geopolitische Ausrichtung effektiv erkauft hat.

Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat die inhärente Fragilität dieses Modells offenbart und die Glaubwürdigkeit der gesamten Abschreckungsarchitektur infrage gestellt. Trotz der massiven militärischen Präsenz der USA in der Region hat die Fähigkeit des Iran, die Straße von Hormus zu sperren und eine Flut von Angriffen auf den gesamten GCC zu entfesseln, gezeigt, dass die USA nicht einmal die Sicherheit ihrer eigenen Einrichtungen garantieren können, geschweige denn die der Golfstaaten. Amerikanische Stützpunkte und Personal sind zu verwundbaren Zielen geworden, selbst während die USA weltweit Macht projizieren.

Der Grund für diese Asymmetrie ist klar: Raketen- und Drohnenkriegsführung haben die Kostenstruktur von Konflikten grundlegend verändert. Insbesondere kostengünstige Drohnen haben es dem Iran ermöglicht, eine glaubwürdige Bedrohung für extrem teure Anlagen wie Luftwaffenstützpunkte, Häfen und Ölanlagen darzustellen. Die Grenzkosten einer Störung sind nun weitaus niedriger als die Grenzkosten der Verteidigung.

Massive Gewinne für externe Lieferanten

Diese Verschiebung untergräbt die wirtschaftliche Logik hinter dem langjährigen Sicherheitsvertrag zwischen dem GCC und den USA. Die GCC-Staaten wenden einen erheblichen Teil ihrer öffentlichen Ausgaben für den Kauf fortschrittlicher Waffensysteme aus den USA auf. Doch der Krieg mit dem Iran hat gezeigt, dass technologische Überlegenheit allein keine Sicherheit garantieren kann. Eine 30.000-Dollar-Drohne kann Infrastruktur lahmlegen, die durch militärische Ausrüstung im Wert von Milliarden Dollar geschützt ist. Massive Ausgaben bieten in Bezug auf die tatsächliche Sicherheit nur noch abnehmende Erträge.

Noch wichtiger ist, dass die Militarisierung des Nahen Ostens dazu führt, dass jeder neue Waffenkauf einer Seite von der anderen als Provokation interpretiert wird, was genau die Bedrohung verschärft, auf die sie reagieren. Das Wettrüsten am Golf, das zu den teuersten der Welt zählt, generiert massive Gewinne für externe Lieferanten, hat aber keine Stabilität in der Region geschaffen.

Es gibt jedoch einen Weg, die Wahrscheinlichkeit eines Konflikts zu verringern, indem die Opportunitätskosten eines Krieges erhöht werden: wirtschaftliche Verflechtung

Es gibt jedoch einen Weg, die Wahrscheinlichkeit eines Konflikts zu verringern, indem die Opportunitätskosten eines Krieges erhöht werden: wirtschaftliche Verflechtung. Wenn Länder durch Handel, Infrastruktur und Finanznetzwerke eng miteinander verbunden sind, werden die wirtschaftlichen Verluste einer Konfrontation zu groß, um sie zu ignorieren. Die gegenseitigen Gewinne aus der Zusammenarbeit beginnen, die vermeintlichen Vorteile von Zwangsmaßnahmen zu überwiegen.

Sicherheit durch wirtschaftliche Integration

Für den Golf-Kooperationsrat (GCC) und den Iran ist das Potenzial für eine solche Integration beträchtlich. Auch wenn dies kurzfristig unrealistisch erscheinen mag, ist wirtschaftliche Integration letztlich der tragfähigste Weg, um Konflikte langfristig zu verringern. Der Iran verfügt über einen großen Binnenmarkt, bedeutende industrielle Kapazitäten und riesige Energieressourcen. Die Volkswirtschaften des GCC hingegen besitzen Finanzkapital, logistische Infrastruktur und globale Handelsvernetzung. Anstatt in einem permanenten Zustand des Misstrauens zu leben, könnten beide Seiten das Rückgrat eines regionalen Wirtschaftsblocks bilden, der die Bereiche Energie, Transport und Finanzen umfasst.

Zu den Möglichkeiten zählen integrierte Stromnetze, Schifffahrtskorridore über den Golf hinweg, koordinierte Energiemärkte und eine gemeinsame Infrastrukturentwicklung, die die Arabische Halbinsel mit dem Iran und Zentralasien verbindet. Diese Formen der Zusammenarbeit würden politische Meinungsverschiedenheiten zwar nicht beseitigen, aber sie würden die Anreizstruktur der regionalen Akteure verändern.

Ein Angriff auf die Infrastruktur eines Handelspartners ist wirtschaftlich irrational, da er eine Störung der eigenen Lieferketten, Investitionsrenditen und Energieflüsse bedeutet. Dies ist dieselbe Logik, die dem Wiederaufbau und der langfristigen Stabilität Europas nach dem Zweiten Weltkrieg zugrunde lag: Wirtschaftliche Verflechtung verwandelte ehemalige Rivalen in voneinander abhängige Partner.

Im Gegensatz dazu lagert die derzeitige Sicherheitsarchitektur am Golf die Aufgabe des Schutzes an eine weit entfernte Macht aus, deren strategische Prioritäten nicht immer mit denen der GCC-Staaten übereinstimmen. Wir sehen nun die Grenzen dieser Regelung. Selbst der stärkste externe militärische Akteur kann geografisch exponierte Partner nicht vollständig vor den Realitäten der modernen Kriegsführung abschirmen.

Zudem kann die Abhängigkeit von ausländischem Schutz zu dem führen, was Ökonomen als moralisches Risiko bezeichnen. Wenn Regierungen davon ausgehen, dass ein mächtiger Verbündeter letztendlich ihre Sicherheit garantieren wird, haben sie möglicherweise weniger Anreiz, diplomatische Verhandlungen mit regionalen Rivalen zu führen – eine Dynamik, die Konflikte eher aufrechterhält, als sie zu entschärfen oder zu lösen.

Dauerhafter Frieden kann nicht importiert werden

Der GCC steht vor einer strategischen Entscheidung. Er kann entweder weiterhin auf externe militärische Garantien setzen, die ihn strukturell verwundbar machen, oder er kann einen Wandel hin zu einer Sicherheit anstreben, die auf regionaler wirtschaftlicher Integration beruht. Natürlich bedeutet ein solcher Wandel nicht, dass Verteidigungsfähigkeiten oder strategische Partnerschaften aufgegeben werden müssen. Vielmehr bedeutet er die Erkenntnis, dass dauerhafter Frieden nicht importiert werden kann; er muss vor Ort durch gemeinsame wirtschaftliche Interessen geschaffen werden.

Der Iran-Krieg 2026 könnte sich als Wendepunkt erweisen und die Grenzen des Systems des ,Schutzes gegen Bezahlung‘ aufdecken, das die Geopolitik am Golf seit Jahrzehnten prägt

Der Iran-Krieg 2026 könnte sich als Wendepunkt erweisen und die Grenzen des Systems des „Schutzes gegen Bezahlung“ aufdecken, das die Geopolitik am Golf seit Jahrzehnten prägt. Keine noch so große Menge an ausländischen Waffen kann eine stabile regionale Ordnung ersetzen, die auf Zusammenarbeit, gegenseitiger Abhängigkeit und rationalen wirtschaftlichen Anreizen beruht. Aus dem Ausland gekaufte Sicherheit wird immer bedingt und unvollständig bleiben. Sicherheit, die durch wirtschaftliche Integration geschaffen wird, hat jedoch das Potenzial, sich selbst zu tragen.


* Jamal Ibrahim Haidar ist Assistenzprofessor und Vorsitzender des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften an der Lebanese American University. Adeel Malik ist außerordentlicher Professor für Entwicklungsökonomie und Globe Fellow für die Wirtschaft muslimischer Gesellschaften an der Universität Oxford.

Copyright: Project Syndicate, 2026

www.project-syndicate.org

2 Kommentare
Luxmann 19.03.202608:25 Uhr

Interessante analyse.
Es war wohl nicht die beste idee der golfstaaten sich fuer ihren militaerischen schutz fast total den USA auszuliefern,besonders wenn in den USA ein praesident an der macht ist ,dessen einziges ziel es scheint den interessen Israels zu dienen...neben seinen eigenen finanziellen interessen natuerlich.

Manfred Reinertz Barriera 19.03.202608:19 Uhr

Das „Schutz gegen Bezahlung“ -System der USA kann nicht funktionieren mit einem Präsidenten wie Trump, der einfach militärisch eingreifen tut auf Bitte der Israelis. Das haben die Länder des Golf-Kooperationsrats, jetzt doch erlebt. Also, eine starke wirtschaftliche Verflechtung wird das Problem Israel-Iran jedoch nicht lösen.

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