Kinder- und Jugendschutz

Ist ein Social-Media-Verbot in Deutschland denkbar?

Australien hat es vorgemacht, jetzt zieht Frankreich nach: Als erstes EU-Land soll dort ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 15 Jahren eingeführt werden. Auch in Deutschland wird über ein solches Verbot diskutiert.

Jugendliche nutzen soziale Medien, Diskussion über Verbot von sozialen Netzwerken für Kinder und Jugendliche weltweit

In immer mehr Ländern wird über ein Verbot von sozialen Medien für Kinder und Jugendliche diskutiert Foto: dpa/Alicia Windzio

Inhalte in sozialen Netzwerken können sich negativ auf die mentale Gesundheit der Nutzer auswirken. Viele Eltern wünschen sich strengere Kontrollen, um ihre Kinder vor nicht altersgemäßen Posts zu schützen. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Welche Folgen hat die Nutzung von Social Media für Jugendliche? Studien der Weltgesundheitsorganisation WHO zeigen, dass jeder zehnte Jugendliche Schwierigkeiten hat, die eigene Nutzung von sozialen Netzwerken zu kontrollieren. Ein Bericht von 2024 zeigt, dass einige Jugendliche ein problematisches, teils suchtähnliches Nutzungsverhalten entwickeln. Für die Studie wurden knapp 280.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 11, 13 und 15 Jahren befragt.

In welchen Ländern gibt es ein Social-Media-Verbot für Jugendliche? Australien hat im Dezember 2025 als erstes Land ein Social‑Media‑Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren eingeführt, Dänemark legte bereits im Oktober einen Gesetzentwurf für ein Verbot für unter 15‑Jährige vor. Frankreich und Großbritannien haben in der vergangenen Woche entsprechende Gesetzesinitiativen angestoßen. Auch in anderen Ländern wird über ein Verbot diskutiert.

Welche Maßnahmen sind in Deutschland geplant? Im vergangenen Herbst setzte die deutsche Regierung eine Expertenkommission ein. 16 Expertinnen und Experten sollen bis Mitte 2026 Handlungsempfehlungen zum Kinder- und Jugendschutz im Internet erarbeiten. Familienministerin Karin Prien (CDU) zeigt sich offen für Altersgrenzen. „Wir brauchen verbindliche wirksame Altersverifikationen, sichere Voreinstellungen und eine klare Verantwortung der Plattformen – wir setzen dabei auf fundierte wissenschaftliche Expertise“, sagte Prien. Die Verantwortung müsse auf Eltern, Schulen und Politik verteilt werden. Das Verbot in Australien werde sehr genau beobachtet.

Zuerst bestehendes Recht umsetzen

Könnte Deutschland ein Verbot alleine umsetzen? Ein solches Verbot ist im Alleingang schwer durchzusetzen. Wenn ein Konzern seine Niederlassung in einem anderen EU-Staat hat, wie zum Beispiel der Instagram-Anbieter Meta, könnte ein solches Gesetz nur auf EU-Ebene greifen. Für Anbieter außerhalb der EU könnte Deutschland zwar ein Verbot verhängen – wenn diese sich jedoch nicht daran halten, könnten deutsche Behörden (wenn überhaupt) nur wenig dagegen tun.

Was sagen die Jugendorganisationen der Parteien? Luis Bobga, Bundessprecher der Grünen Jugend, fordert eine konsequente Umsetzung des Digital Services Acts (DSA). Das EU-Gesetz verpflichtet unter anderem soziale Plattformen dazu, illegale Inhalte wie Hassrede zu bekämpfen. Ein Verbot sei jedoch zu einfach gedacht: „Statt auf ein Verbot zu setzen, müssen Schulen finanziell und personell unterstützt werden, um Medienkompetenz besser und konsequenter an Schülerinnen und Schüler zu vermitteln“, sagte Bobga auf Anfrage des Tageblatt. Auch die Jugendorganisation der SPD setzt auf eine striktere Umsetzung des DSA. Es brauche klare Zuständigkeiten, spürbare Sanktionen und Transparenz bei den Algorithmen und Moderationen der Plattformen, sagte ein Juso-Sprecher unserer Redaktion.

Was sagt der Kinderschutzbund zu einem möglichen Verbot? Der Kinderschutzbund fordert, bereits bestehendes Recht umzusetzen. „Es ist an der Zeit, bestehende Gesetze durchzusetzen, bevor man Jugendliche pauschal auszuschließen versucht“, sagte Sabine Andresen, Präsidentin des Kinderschutzbundes, auf Anfrage unserer Redaktion. „Jugendliche werden Wege finden, die Systeme zu umgehen, sie werden andere Plattformen finden, um sich zu begegnen und auszutauschen.“

Rund die Hälfte der Betroffenen gegen ein Gesetz

Durch ein Verbot würde man die komplexen Risiken für Kinder und Jugendliche im Netz nicht reduzieren. Stattdessen fordert der Kinderschutzbund, Plattformen stärker in die Pflicht zu nehmen. „Ohne sichere Systeme zur Altersfeststellung ist ein Verbot nicht mehr als ein Freifahrtschein für Plattform-Betreiber, alle Bemühungen um den Kinder- und Jugendschutz einzustellen“, kritisierte Andresen.

Wie blicken Kinder und Jugendliche auf ein Social-Media-Verbot? Laut einer Umfrage des ifo-Institut von 2025 sind 47 Prozent der 14- bis 17-Jährigen in Deutschland für ein Verbot. Rund die Hälfte der 14- und 15-Jährigen, die direkt von einem Verbot betroffen wären, lehnen ein solches Gesetz ab.

Was sagen die Betreiber von Tiktok und Instagram? Sollte es tatsächlich zu einem Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren kommen, würden Plattformen Nutzer verlieren. Auf eine Anfrage des Tageblatt betonte Meta, dass Eltern entscheiden sollten, welche Apps ihre Kinder nutzen. Der Konzern warnte davor, dass pauschale Verbote Jugendliche auf unsichere, kaum regulierte Seiten treiben könnten. Zudem hob Meta bestehende Sicherheitsfunktionen hervor – etwa vorkonfigurierte Teen-Profile für Nutzer zwischen 13 und 17 Jahren. Darin sollen standardmäßig strengere Einstellungen aktiviert werden, die nur mit Zustimmung der Eltern gelockert werden können.

Tiktok ließ eine Anfrage unserer Redaktion bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

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