Spanien

Hunderttausende irreguläre Migranten werden legalisiert

Während viele europäische Staaten ihre Migrationspolitik verschärfen, wählt Spanien einen gegensätzlichen Weg: Die Mitte-links-Regierung des sozialdemokratischen Premiers Pedro Sánchez kündigte an, die Legalisierung Hunderttausender irregulärer Migranten auf den Weg zu bringen.

Die Mitte-links-Regierung von Pedro Sánchez setzt in Europa ungewöhnliche politische Maßnahmen um

Die Mitte-links-Regierung des sozialdemokratischen Premiers Pedro Sánchez geht einen in Europa ungewöhnlichen Schritt Foto: AFP/Nicolas Tucat

Per Erlass sollen all jene undokumentierten Einwanderer, die vor dem 31. Dezember 2025 im Land waren und mindestens fünf Monate Aufenthalt nachweisen können, Papiere und Arbeitserlaubnis erhalten – allerdings nur, sofern sie nicht vorbestraft sind.

Laut Regierung betrifft die Regelung, die schon in Kürze in Kraft treten soll und nicht vom Parlament gebilligt werden muss, rund 500.000 Personen. Schätzungen des spanischen Thinktanks Funcas sprechen sogar von bis zu 840.000 Menschen. Spaniens boomende Wirtschaft hat eine große Anziehungskraft auf Zuwanderer – vor allem aus Lateinamerika, wo in den meisten Staaten ebenfalls Spanisch gesprochen wird. Entsprechend hat sich die Zahl der Immigranten ohne Papiere in Spanien in den letzten Jahren vervielfacht.

Die meisten irregulären Einwanderer stammen aus Kolumbien, Peru und Honduras, die per Flugzeug als Touristen einreisen und dann im Land bleiben. Hinzu kommen viele Venezolaner, die aber meist automatisch aus humanitären Gründen Papiere bekommen. Afrikanische Migranten, die vor allem per Boot übers Meer nach Südeuropa kommen, machen nur einen vergleichsweise kleinen Teil der Immigranten aus. Die Menschen ohne Aufenthaltspapiere arbeiten üblicherweise vor allem als Reinigungskräfte, auf Feldern oder Baustellen – ohne jegliche Absicherung.

Ziel der Legalisierung sei es, einer „bestehenden sozialen Wirklichkeit“ gerecht zu werden und den überwiegend auf dem Schwarzmarkt arbeitenden Menschen rechtlichen Schutz zu geben, erklärt die spanische Regierung. Während konservative Bewegungen weltweit den Migranten das Leben schwer mache, „erkennen wir als spanische Regierung ihre Bürgerschaft an“, sagt Vizeregierungschefin Yolanda Díaz, deren Linkspartei Sumar als kleiner Koalitionspartner zusammen mit den Sozialdemokraten regiert. Dies sei auch ein Zeichen gegen die wachsende Intoleranz.

In den vergangenen sieben Jahren haben wir zwei Millionen Migranten aufgenommen – und gleichzeitig die Arbeitslosigkeit um 40 Prozent gesenkt

Pedro Sánchez

Spaniens Regierungschef

Getragen wird der Regierungsplan von einer breiten zivilgesellschaftlichen Koalition – darunter Gewerkschaften, Hilfsorganisationen wie Caritas und auch die katholische Kirche. Die Grundlage bildet eine Volksinitiative, die über 700.000 Unterschriften gesammelt und im Parlament eine große Mehrheit bei der Zulassung zur Beratung erhalten hatte.

Doch obwohl zunächst selbst die konservative Volkspartei auf Druck der Kirche für die Aufnahme ins parlamentarische Verfahren stimmte, blockiert sie nun gemeinsam mit der Rechtsaußenpartei Vox die weitere Umsetzung. Angesichts dieser Blockade entschied sich die Regierung für eine Reform per Erlass, die keine Zustimmung des Parlaments erfordert.

Aus Sicht der Befürworter sprechen erhebliche wirtschaftliche Gründe für den Schritt. Spaniens Zentralbank hob kürzlich hervor, dass Migration maßgeblich Spaniens Wirtschaftswachstum anschiebt. Spanien verzeichne nicht trotz, sondern wegen der Zuwanderung ein überdurchschnittliches Wachstum, das im Jahr 2025 auf 2,9 Prozent geschätzt wurde.

Das Land braucht Migration

Auch Regierungschef Sánchez führt handfeste wirtschaftliche Argumente an: „In den vergangenen sieben Jahren haben wir zwei Millionen Migranten aufgenommen – und gleichzeitig die Arbeitslosigkeit um 40 Prozent gesenkt.“ Die traditionell eher hohe Arbeitslosigkeit in Spanien sank Anfang 2026 erstmals seit Langem auf unter zehn Prozent – das ist die niedrigste Quote seit 18 Jahren.

Migration sei ein Motor für wirtschaftliches Wachstum, wenn sie geordnet verlaufe, sagte Sánchez der Agentur Bloomberg. Besonders deutlich werde dies in zentralen Branchen wie Bau, Landwirtschaft, Pflege oder Tourismus, in denen mittlerweile bis zu ein Drittel der Arbeitskräfte aus dem Ausland stamme. „Wir müssen anerkennen, dass wir Migration brauchen – und dafür müssen wir legale Wege schaffen“, betonte Sánchez.

Nach Angaben von Spaniens Statistikamt INE haben Migranten in Spanien eine höhere Erwerbsquote als die einheimische Bevölkerung. Zudem würden sie mehr in die Sozialversicherung einzahlen, als sie an Leistungen beziehen. Auch das Gesundheitssystem werde durch sie nicht übermäßig belastet: Migranten sind im Schnitt jünger, nutzen seltener medizinische Leistungen und beziehen kaum Renten, da viele noch nicht lange genug im Land leben, um Anspruch auf Altersleistungen zu haben, heißt es.

Spaniens konservative Opposition, die derzeit einen harten Konfrontationskurs mit der Minderheitsregierung von Sánchez fährt, lehnte die Legalisierung der irregulären Zuwanderer ab. Der Chef der Volkspartei, Alberto Núñez Feijóo, warf Sánchez vor, mit der „massiven Regularisierung“ einen „Sogeffekt“ auszulösen. Der Boss der rechtsnationalen Partei Vox, Santiago Abascal, antwortete noch schärfer: Sánchez wolle „das spanische Volk durch Fremde ersetzen“ und fördere eine „Invasion“.

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