Sagrada Família
Gaudís Kathedrale in Barcelona erreicht neue Höhe
Seit mehr als 140 Jahren wird an der Sagrada Família in Barcelona gebaut, doch fertig ist das wichtigste Werk von Baumeister Antoni Gaudí noch lange nicht.
Ein Kran hebt das letzte Teilstück des 17 Meter hohen und 13,5 Meter breiten Kreuzes, das den Turm Jesu Christi der Sagrada Familia in Barcelona am 20. Februar 2026 vollendet Foto: Lluis Gene/AFP
Gerade wird der Christus-Turm vollendet – der höchste Kirchturm der Welt. „Sobald das Kreuz angebracht ist, wird das Projekt zu fast 80 Prozent abgeschlossen sein“, sagt Architekt Jordi Faulí. Wie es dann weitergeht, ist umstritten: Anwohner protestieren gegen den Bau einer Freitreppe, der ihre Häuser weichen müssten.
Inmitten von Gerüsten wird auf einer Plattform in 54 Metern Höhe das letzte Steinelement für das Kreuz der Turms vorbereitet. In wenigen Tagen soll ein riesiger gelber Kran das fehlende Teil anheben und mithilfe von Kletterern an seinen Platz bringen. 172,5 Meter wird der Turm dann messen. Den Rang als höchste Kirche der Welt hat die Sagrada Família dem Ulmer Münster bereits vor Kurzem abgelaufen.
Den 177 Meter hohen Berg Montjuïc in Barcelona soll die Kathedrale jedoch nicht überragen. Als tiefgläubiger Katholik „wollte Gaudí diese Grenze nicht überschreiten“, weil er in dem Berg ein Werk Gottes gesehen habe, sagt der für den Bau des Turms verantwortliche Architekt Mauricio Cortés im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP.
Die Einweihung des neuen Turms ist für den 10. Juni geplant – dem 100. Todestag Gaudís, der in der Krypta seiner Kirche begraben liegt. Dazu ist auch Papst Leo XIV. eingeladen, ob er tatsächlich kommt, ist jedoch noch unklar.
Streit bei Gestaltung des Haupteingangs
Gaudí hatte die Leitung des Bauwerks 1883 übernommen. Heute ist es die meistbesuchte kostenpflichtige Sehenswürdigkeit in Spanien. Auf die Eintrittsgelder ist die für den Weiterbau verantwortliche private Stiftung neben den Spenden dringend angewiesen. Ursprünglich sollte der Bau dieses Jahr abgeschlossen sein. Doch dann legte die Corona-Pandemie den Tourismus lahm und die Einnahmen für die Sagrada Família gingen massiv zurück. Inzwischen kommen die Touristen wieder in Massen, 2024 besuchten 4,8 Millionen Menschen die Kirche.
Dennoch zögert die Baukommission, einen neuen Termin für die Fertigstellung festzulegen. Das liegt auch am Streit um die Gestaltung des Haupteingangs, der sogenannten Fassade der Herrlichkeit mit ihren vier Glockentürmen. Für die geplante große Freitreppe und den davor liegenden Platz müssten bis zu zwei Häuserblocks abgerissen werden. Die Anwohner kämpfen seit Jahren gegen das Vorhaben. „Unsere Häuser sind legal“, steht auf einem Transparent an einem der bedrohten Gebäude.
„Die Sagrada Família besitzt ein Grundstück, aber nicht den Rest. Warum also sollte sie bis zu meinem Haus reichen?“, empört sich Salvador Barroso, der Vorsitzende einer Vereinigung von betroffenen Anwohnern. Sie pochen darauf, ihre Wohnungen rechtmäßig erworben zu haben. Barroso kaufte seine Wohnung Ende der 1980er Jahre. Erst 1992, als die Stadt durch die Olympischen Spiele zur Touristenhochburg wurde, habe er von der geplanten Treppe erfahren, sagt er. „Hier geht es in Wirklichkeit ums Geschäftemachen“, ist Barroso überzeugt.
Vollendung von Gaudís Meisterwerk rückt näher
Die direkten Nachbarn der Kirche bezweifeln zudem, dass Gaudí eine solche Treppe bauen wollte. Kritiker weisen häufig darauf hin, dass die Modelle des Architekten während des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) größtenteils zerstört wurden. Architekt Faulí, der die Bauarbeiten seit über einem Jahrzehnt leitet, widerspricht: „In allen Teilen des Projekts folgen wir getreu dem, was Gaudí wollte“.
Viele Dokumente seien erhalten geblieben und ein Teil der Modelle sei später von Gaudís Schülern rekonstruiert worden, sagt er. „Gaudí war ein außergewöhnlicher Architekt, und es lohnt sich, sein Projekt zu vollenden.“ Faulí hofft „eine gerechte Lösung“ für die Fassade der Herrlichkeit zu finden.
Die Stadtregierung vermittelt in dem Konflikt. „Ich hoffe, dass der Streit beigelegt wird – ob vor Gericht oder am Verhandlungstisch“, sagt auch Barroso. In jedem Fall rückt die Vollendung von Gaudís Meisterwerk näher. Ziemlich sicher ist, dass es schneller fertig wird als das Ulmer Münster, an dem mehr als 500 Jahre gebaut wurde.