Irrtum der Geschichtsschreibung?
Die lange Reise des Winston: Forscher werfen neues Licht auf den Tod von Churchills Schnabeltier
Ein Schnabeltier als diplomatisches Geschenk für Winston Churchill – das war der Plan. Doch das Tier starb kurz vor der Ankunft in England. Die Deutschen wurden lange für den Tod verantwortlich gemacht. Jetzt gibt es neue Indizien, die die angeblichen Täter entlasten.
Der renommierte Naturforscher David Fleay hält ein Schnabeltier Foto: Australian Museum Archives/David Fleay collections
Es klang jahrzehntelang wie eine skurrile, aber plausible Kriegsgeschichte: Ein Schnabeltier namens Winston, als exotisches Geschenk für den britischen Premierminister Winston Churchill bestimmt, stirbt im Zweiten Weltkrieg auf hoher See – angeblich durch die Schockwellen einer deutschen U-Boot-Attacke. Doch nun zeigt sich: Die Deutschen waren vermutlich unschuldig. Der wahre Täter könnte banaler – und tragischer – gewesen sein.
Die Geschichte beginnt 1943, mitten im Krieg. Während in Europa Bomben fallen, findet Churchill Zeit für eine höchst ungewöhnliche diplomatische Bitte: Australien möge ihm ein Schnabeltier schicken. Nicht nur eines – am liebsten ein halbes Dutzend. Der Zoogründer und Autor Gerald Durrell nannte diese Anfrage später „großartig idiotisch“. Churchill war dafür bekannt, eine Art private Menagerie zu pflegen, zu der auch Kängurus und schwarze Schwäne gehörten.
Ein „Schnabeltier-Diplomat“ auf Mission
Schnabeltiere – neben Ameisenigeln die einzigen heute lebenden Kloakentiere – sind ohnehin Kuriositäten der Natur. Sie legen Eier wie Reptilien, säugen wie Säugetiere und sehen mit Entenschnabel, Biberschwanz und Schwimmhäuten so seltsam aus, dass frühe europäische Forscher sie für Fälschungen hielten.
Mit Churchills Anfrage beauftragte die australische Regierung den renommierten Naturforscher David Fleay – damals schon als „Vater des Naturschutzes“ bekannt. Er hatte als Erster Schnabeltiere in Gefangenschaft gezüchtet und präsentierte Australiens Tierwelt im In- und Ausland. Fleay war verblüfft. „Winston Churchill hatte mitten im Krieg plötzlich Zeit gefunden, um offenbar einen lange gehegten Wunsch zu erfüllen … er hatte tatsächlich unseren Premierminister um nicht weniger als sechs Schnabeltiere gebeten!“, schrieb er 1980 in seinem Buch „Paradoxical Platypus“.
Das Ende im Logbuch
Aufzeichnungen im Logbuch Foto: Australian Museum Archives/David Fleay collections/Midshipman's log/MS731-5 (Page 3)
Fleay wehrte sich gegen den Plan, gleich sechs Tiere auf die gefährliche Reise zu schicken, fing jedoch mehrere und wählte eines aus: ein kräftiges Männchen, das er „Winston“ taufte. Für den VIP-Transport baute er ein „spezielles Reiseschnabeltiergehege“ mit Schwimmbecken und unterirdischen Gängen und bildete einen Pfleger für die Seereise aus. An Bord der „MV Port Philip“ ging es über den Pazifik, durch den Panamakanal und Richtung England. Doch Anfang November 1943, nur zwei Tage vor der Ankunft, enden die Aufzeichnungen im Schiffslogbuch abrupt: „Platypus found dead in water“ – „Schnabeltier tot im Wasser gefunden“. Die offizielle Version lautete damals: Deutsche U-Boote hätten das Schiff angegriffen – und der sensible Winston habe den Schock des Bombardements nicht überlebt.
Tatsächlich sind Schnabeltiere äußerst empfindlich. Ihr Schnabel ist gespickt mit Nervenenden und kann selbst winzige Bewegungen einer Mückenlarve im Schlamm wahrnehmen. Eine heftige Explosion wäre für das Tier eine Qual gewesen. Auch der Forscher Harrison Croft von der Monash University in Melbourne schrieb in einem im April im Fachmagazin „Environment and History“ veröffentlichten Forschungsbericht: „Es ist außerordentlich schwierig, Schnabeltiere in Gefangenschaft am Leben und gesund zu halten.“
Studenten rollen Fall neu auf
Doch nun haben Studenten der University of Sydney, die als Erste Fleays persönliche Sammlungen im Australian Museum untersuchen durften, Zweifel gesät. Im Rahmen eines Uni-Museumsprojekts sichteten sie Logbücher, Baupläne des Reiseschnabeltiergeheges, Fotos und Glasdias aus Fleays Nachlass. Dabei stießen sie auf akribische Temperaturaufzeichnungen während der Überfahrt. „Wir fanden sehr gute Belege dafür, dass Winston an Hitzestress starb, als das Schiff den Panamakanal passierte“, sagt Psychologiestudent Paul Zaki.
Eine Woche lang lagen die Lufttemperaturen über 30 Grad, das Wasser über 27 Grad – viel zu warm für Schnabeltiere, die ihre Körpertemperatur bei mehr als 25 Grad kaum regulieren können. „Hitzestress allein hätte ausgereicht, um Winston zu töten“, schreiben die Studenten in ihrem Abschlussbericht. Doch vermutlich habe auch Nahrungsmangel – insbesondere ein Mangel an frischen Würmern – und eventuell zusätzlicher Stress durch Explosionen den Tod beschleunigt. „Es ist irgendwie noch trauriger als der Tod durch eine U-Boot-Detonation“, sagt Zaki. „Aber es fühlt sich unglaublich an, dass wir einen historischen ‚Whodunit‘ lösen konnten.“
Das Online-Archiv, das die Studentinnen und Studenten aus Fleays Nachlass erstellten, wirft auch Licht auf die sogenannte „Schnabeltier-Diplomatie“ – eine Form weicher Außenpolitik, bei der Australien exotische Tiere ins Ausland schickte, um internationale Sympathien zu gewinnen. 2009 hatten Forscher in einer Studie beschrieben, wie die geplante Übergabe des Schnabeltiers an Churchill helfen sollte, dessen „persönliche Zuneigung“ zu einem Australien zu sichern, das sich während des Krieges von Großbritannien im Stich gelassen fühlte.