LyrikEin grünes Elysium: „Gesang eines womöglich ausgestorbenen Wesens“ von Marianne Jungmaier

Lyrik / Ein grünes Elysium: „Gesang eines womöglich ausgestorbenen Wesens“ von Marianne Jungmaier
Lyrikerin Marianne Jungmaier Foto: Walter Pobaschnig

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Von andachtsvoller Anmut sind die Gedichte in Marianne Jungmaiers neuem Band „Gesang eines womöglich ausgestorbenen Wesens“. Hier finden in 19 Texten Mensch und Natur zueinander.

Bäume – sie treten in Marianne Jungmaiers neuem Gedichtband „Gesang eines womöglichen ausgestorbenen Wesens“ als wohlmeinende Beschützer und treue Wegbegleiter in Erscheinung, als Wissenspeicher, Hüter der Erinnerung und weise, zauberische Alte, die sich turmhoch in den Himmel schrauben und zugleich mit ihren Wurzeln in den Boden, in die tiefen Schichten der Geschichte und des Ichs dringen. So lauten gleich die ersten Verse des Anfangsgedichts: „[A]lte Eichen sind die Punkte / in meinem Koordinatensystem / mein Zuhause / verteilt über ein ganzes Tal / Rückkehrmöglichkeiten und Wurzelgräber“.

Für das lyrische Ich sind die knorrigen Riesen „Väter, die nicht weichen“, „vigilant friends“ und „stabile Kindheitsfiguren“, die mit ihren weitverzweigten Ästen gleichzeitig in die Vergangenheit und in die Zukunft ragen und beide Zeiten mit der pulsierenden Gegenwart verschmelzen lassen. Hier nun, in der Gegenwart, darf man die Fantasie frei fließen und Kindheitserinnerungen wach werden lassen; kann man einen Zustand süßer, wonnevoller Selbstvergessenheit erreichen und in sanfter Achtsamkeit Kontakt zum Leben, das die Natur durchströmt, suchen. Von der Stille ist die Rede, dem Sonnenlicht, der Nässe, die von den Blättern tropft, und den die Tiefe suchenden Gedanken – sogleich versteht man: Das Ich, das hier spricht, gibt sich ganz der in seliger Versunkenheit stattfindenden Naturkontemplation hin.

Das Glück in der Natur finden

Der neugierige Blick dieses Ichs ist auch auf Seen, Flüsse und Wasserläufe gerichtet; Täler, Gebirge werden ausgekundschaftet, Felsen von allen Seiten betrachtet, bewundert. Respekt und Zuneigung liegen in diesem Schauen, diesem alle Sinne fordernden Wahrnehmen, aus dem sich schließlich ein Zwiegespräch, ein Dialog zwischen Mensch und Natur entspinnt. Das lyrische Ich spricht, manchmal mehrmals, vom Flüstern, vom Gurgeln, vom Morsecode, dem Krächzen im Wind, kurz: den Sprech- und Kommunikationslauten der Wälder, Wiesen und Schluchten. In einem Gedicht werden den Erdschollen Worte abgerungen, in einem anderen die Sprache der Landschaft als „sanft und bemessen“ beschrieben. Die Natur teilt sich mit, der Mensch lauscht, hört genau hin. Dabei erweist sich erstere auch als Quell der Inspiration, als Ur- und Triebkraft, durch die sich die menschliche Sprache entwickeln kann: „[S]anft bewegt sich / das vielblättrige Panoptikum / an dem ich Worte forme / und finde“.

 Quelle: Otto Müller Verlag

Eine Spur Eskapismus ist dem in den Texten so genussvoll betriebenen Schwelgen eigen, die Wege, die ins Grün führen, sind „pathways to escape“, doch steht das Sprecher-Ich zu dieser Wirklichkeitsflucht, die ohnehin immer nur eine kurze Zeit andauert, denn nur allzu schnell wird sie, diese menschliche Sprecher-Instanz, zurückgeholt in die Realität: „ […] bis man / (wieder und wieder) / meinen Namen / und mich damit / zurück / in die Wirklichkeit rief“. Und so wird auch der Leser oder die Leserin am Ende von Marianne Jungmaiers Gedichtband, dessen Titel ja schon in aller Deutlichkeit auf die Zerbrechlichkeit der Natur hinweist, aus dem in den Texten zur Entfaltung gebrachten Paradies hinaus- und in die tatsächliche Welt zurückgeworfen, in der der rigorose Schutz der Natur mehr nottut als jemals zuvor. Hieran soll uns „Gesang eines womöglich ausgestorbenen Wesens“ erinnern.

Marianne Jungmaier: „Gesang eines womöglich ausgestorbenen Wesens“, Otto Müller Verlag, ISBN 978-3-7013-1316-7, 64 Seiten, 24 Euro