Lob oder Kritik?

Zwei gegensätzliche Aussagen – Luxemburgs Interpretation der ECDC-Risikobewertung

Haben die vielen Corona-Fälle in Luxemburg hauptsächlich mit den zahlreichen Tests zu tun – oder nur zu einem kleinen Teil? Laut der Risikobewertung einer EU-Agentur seien die Infektionszahlen in Luxemburg auch unabhängig von der Teststrategie gestiegen. Die luxemburgische Regierung interpretiert den Bericht allerdings anders.

Laut der ECDC-Risikobewertung ist es wichtig, vornehmlich Risikogruppen und Patienten mit Symptomen zu testen. Danach könne man, falls die Ressourcen vorhanden sind, Menschen ohne Symptome zum Test bitten.

Laut der ECDC-Risikobewertung ist es wichtig, vornehmlich Risikogruppen und Patienten mit Symptomen zu testen. Danach könne man, falls die Ressourcen vorhanden sind, Menschen ohne Symptome zum Test bitten. Foto: Editpress/Alain Rischard

Das Europäische Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hat eine neue Corona-Risikobewertung für die EU und ihre Mitgliedstaaten veröffentlicht. Es erwähnt darin unter anderem die Teststrategie Luxemburgs. Viele Tests könnten dabei helfen, Infektionsherde schneller zu erkennen. Die luxemburgische Regierung sieht sich durch die Studie in ihrer Aussage bestätigt, dass die vielen positiven Fälle „hauptsächlich“ wegen der Massentests gefunden würden. In einem am Dienstag veröffentlichten Presseschreiben der Regierung steht: „Die Europäische Gesundheitsbehörde würdigt die Bemühungen unseres Landes. In der neuen Risikobewertung des ECDC wird auch festgestellt, dass die Raten der neu gemeldeten Infektionen hauptsächlich von der Testrate abhängen.“

Das ECDC selbst ist jedoch vorsichtiger in seiner Aussage. Im Bericht der Behörde steht: „In Bulgarien, Tschechien, Luxemburg und Rumänien – alles Länder, die in jüngster Zeit einen Anstieg bei den Fällen gemeldet haben – gibt es ansteigende Zahlen bei den Hospitalisierungen. Das deutet stark darauf hin, dass eine Zunahme der gemeldeten Fälle nicht nur mit einer Zunahme bei der Zahl der Tests zusammenhängt.“ 

Liegen die erhöhten Infektionszahlen Luxemburgs nun an den vielen Tests oder nicht?

Zwei gegensätzliche Statements

Monique Pütz vom Luxemburger Gesundheitsministerium sagt: „Natürlich erklärt sich der Anstieg an Neuinfektionen auch noch durch andere Faktoren.“ Allerdings sei es „Fakt“, dass Luxemburg sehr viel mehr teste als andere EU-Mitgliedstaaten. „Wenn man mehr testet, findet man auch mehr Fälle“, sagt Pütz. Sie erklärt, dass das Gesundheitsministerium in seiner Pressemitteilung über den ECDC-Bericht einen „starken Akzent“ auf die nationale Teststrategie gelegt habe, da diese zum ersten Mal explizit in der Risikobewertung des ECDC hervorgehoben wurde – das sei neu.

Luxemburgs Teststrategie wird tatsächlich in dem ECDC-Bericht im Vergleich mit denen anderer Länder erwähnt – eine explizite positive Bewertung der luxemburgischen Corona-Strategie ist in dem 37 Seiten großen Dokument jedoch nicht zu finden. Stattdessen berichtet das ECDC von einem eher negativen Luxemburger Spitzenwert: insgesamt 209,5 gemeldete Infektionen pro 100.000 Einwohner im Zeitraum vom 20. Juli bis zum 2. August. Damit habe das Großherzogtum den höchsten Wert an Corona-Fällen pro 100.000 Einwohner innerhalb von 14 Tagen erreicht, der der Behörde jemals gemeldet worden sei, schreibt das ECDC. 

Rätsel um die Ursache der erhöhten Todeszahlen

Der Luxemburger Virologe Claude Muller sagt zu der ECDC-Risikobewertung: „Grundsätzlich sind sämtliche Empfehlungen des ECDC zum Testen durch die hiesige Teststrategie in Luxemburg abgedeckt.“ Die hohe Zahl an Infektionen sei tatsächlich durch die hohe Testzahl erklärbar. „Was aber nicht ganz so einfach zu erklären ist, sind die Todeszahlen“, sagt der Virologe.

Ein Grund könne sein, dass es in Luxemburg relativ viele ältere Menschen und somit Risikopatienten gebe. Während der ersten Welle habe es auch einige Fälle in Altersheimen gegeben, was bei den kleinen Fallzahlen zu Verzerrungen führen könne. Zudem könne er sich vorstellen, dass Patienten in Luxemburg eher stationär in Kliniken behandelt werden als in anderen Ländern.

Die Wirksamkeit von Grenzkontrollen

In Sachen Grenzen bestätigt das ECDC aber die Linie der luxemburgischen Regierung: Laut der Behörde sind Grenzschließungen nicht dafür geeignet, die Ausbreitung des Coronavirus ausreichend zu kontrollieren. Es brauche eher eine funktionierende länderübergreifende Kontaktverfolgung, um erkennen zu können, wie oft das Virus eingeschleppt wird. 

In Luxemburg werden laut der Studie – anders als in anderen Ländern – eingeschleppte Fälle nicht einzeln in den nationalen Statistiken geführt. Es sei zwar ein deutlicher Rückgang der eingeschleppten Fälle verzeichnet worden, nachdem es nach der schnellen Ausbreitung des Virus Reisewarnungen und Grenzschließungen gegeben hatte. Nach Auffassung des ECDC wird die länderübergreifende Nachverfolgung jedoch in der kommenden Zeit noch mehr nötig werden, da wieder mehr Menschen in den Urlaub fahren.

Zum Schutz der Risikogruppen sei es nach Angaben des ECDC unbedingt notwendig, in Einrichtungen wie Pflege- oder Altenheimen weiterhin auf die Einhaltung einiger Maßnahmen zu bestehen: „körperlichen Abstand, strikte Hand- und Atemwegshygiene und die Verwendung von Schutzausrüstung durch das Pflegepersonal im Kontakt mit gefährdeten Personen“. Dazu gibt es in Luxemburg zwar eine Richtlinie vom Familienministerium, allerdings gab es über deren Nichteinhaltung bereits Beschwerden, wie zum Beispiel in Form eines Leserbriefes einer Pflegefachkraft ans Tageblatt. Jede Einrichtung legt zudem selbst fest, wie streng sie sich an die Empfehlungen des Familienministeriums hält.

Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen

Aus dem ECDC-Bericht geht auch hervor, dass die von vielen Ländern verhängten Ausgangsbeschränkungen Wirkung gezeigt haben, vor allem die Verbote von größeren Veranstaltungen oder Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen und auch im Freien seien sinnvoll gewesen. „Die Gesundheitsbehörden haben die Menschen ermutigt, mehr Zeit im Freien zu verbringen, da sie wissen, dass in Innenräumen ein höheres Übertragungsrisiko besteht als im Freien.“ Aber: Viele Menschen seien froh darüber gewesen, sich wenigstens im Freien wieder treffen zu dürfen. Und hier lauert laut der Behörde Gefahr: Es habe Hinweise darauf gegeben, dass die Bedingungen draußen – wie durch lautes Sprechen zum Übertönen der Musik oder der Geräuschkulisse, die oft mit Alkoholkonsum verbunden sei – mit einer erhöhten Virus-Übertragung in Verbindung gebracht werden könnte.

Es sei auch darüber diskutiert worden, ob das Coronavirus während der hohen Temperaturen im Sommer und der entsprechenden Sonneneinstrahlung schlechtere Überlebenschancen hat. „Die Situation in vielen Ländern der nördlichen Hemisphäre legt jedoch nahe, dass diese Aussagen möglicherweise überprüft werden müssen.“ Das ECDC bestätigt unter anderem damit, dass die Ausgangsbeschränkungen vieler Länder richtig waren, und ergänzt: „Möglicherweise müssen die Behörden wirksame Gegenmaßnahmen auf subnationaler Ebene anpassen oder wieder einführen.“

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