Leitartikel
Wir sind keine „Natural born killers“
Ein jemenitischer Jugendlicher schwingt eine Waffe Foto: AFP/Mohammed Huwais
Der Sagenheld Bellerophon nimmt das geflügelte Pferd Pegasus gefangen und fliegt mit ihm Richtung Himmel, um dort an der Seite der Götter zu sitzen. Zeus ist erbost über diese Anmaßung und schickt Pegasus eine Bremse, die ihn sticht, sodass er Bellerophon abwirft. Dieser fällt in einen Dornenbusch und erblindet. Sein Schicksal steht für das all derer, die von der „Hybris“ erfasst werden. Der französische Historiker Emmanuel Todd, der bereits in „Die neoliberale Illusion“ vor den möglichen Gefahren einer Plutokratie der transnationalen Konzerne für die Gesellschaft gewarnt hat, nennt das Beispiel aus der griechischen Mythologie und behauptet in seinem jüngsten Buch über den „Westen im Niedergang“, die USA seien ab 1999 in einen Zustand der Hybris geraten. Mittlerweile sind sie in eine fortgeschrittene Phase dieser Maßlosigkeit eingetreten. Deren Repräsentanten sind Größen des Informationskapitalismus wie Jeff Bezos, Peter Thiel und Mark Zuckerberg, denen es darum geht, den Staat durch kapitalistische Monopole zu ersetzen. Die Personifikation dieser ökonomischen Verhältnisse ist Elon Musk, der unter anderem als Eigentümer der Plattform X und an der Seite des designierten Präsidenten Donald Trump großen politischen Einfluss ausübt.
Dass diese globale Entwicklung nicht geradlinig verläuft, war abzusehen. Sie birgt zudem einige „Überraschungen“, wie es Todd nennt. Eine davon sei der Ausbruch eines Krieges in Europa, ein „echter Krieg“ zwischen zwei Staaten, eine andere sei die „ideologische Einsamkeit des Westens“. Die Menschen im Westen seien daran gewöhnt, Werte vorzugeben, denen die Welt zustimmen soll, doch in vielen Ländern außerhalb der westlichen Hemisphäre, nicht zuletzt in den Entwicklungsländern, haben Skepsis, Ablehnung bis hin zur Feindseligkeit gegenüber dem Westen zugenommen. Die Vorstellung einer Welt ohne Krieg, vom „ewigen Frieden“ im Sinne Immanuel Kants, hat sich als Illusion erwiesen. So schockierend die Nachrichten von den Schlachtfeldern unserer Tage sind, stellten sich der Archäologe Harald Meller, der Historiker und Literaturwissenschaftler Kai Michel sowie der Verhaltensforscher und Evolutionsbiologe Carel van Schaik die Frage: „Warum ist dem Krieg nicht endlich und endgültig der Krieg erklärt worden?“ Schließlich sei die Gewalt gegen Menschen eine Bankrotterklärung aller Menschlichkeit – und unwürdig für eine Art, die so stolz auf ihre Vernunft ist wie der Homo sapiens.
Angesichts der massiven Wiederkehr des Krieges herrscht Ratlosigkeit. Dabei war er nie verschwunden, nur wurde er trotz der Berichte von den Kriegen in Irak und Syrien, Kongo und Sudan, wie auch in vielen anderen Regionen der Welt, aus eurozentristischer Sicht ausgeblendet. Dass es Kriege schon immer gegeben habe, lautet auch die dominierende Ansicht. Sie seien nun mal des Menschen Schicksal, und das Kriegführen entspräche der menschlichen Natur. Nur hätte die sogenannte zivilisierte Welt die dunkle Seite des Homo sapiens in den Griff bekommen. All dies unterliegt einer großen „Delusion“, wie es der Politikwissenschaftler John Mearsheimer, ein Vertreter der neorealistischen Theorie in den internationalen Beziehungen, nennt.
Doch die Annahme, wir führten Kriege, weil das in das Erbgut des Menschen einprogrammiert sei, „ist ebenso veraltet wie unzutreffend“, stellen Meller, Michel und van Schaik in dem Buch „Die Evolution der Gewalt“ fest. Sie kommen zu dem Schluss: „Wir sind alles andere als ,Natural born killers‘. Ansonsten würden Menschen nicht vor Krieg flüchten.“ Gewalt liege eben nicht in unserer Natur. Von der Bibel bis zur Gegenwart hätten sich die Menschen von dieser Vorstellung blenden lassen. Kain, der Abel erschlug, ist laut Bibel der erste Gewalttäter der Menschheit. Dieser Mythos habe gut 2.000 Jahre lang Herrschaft und Unterdrückung gerechtfertigt. Doch wir sind „keine Kinder Kains“.