Interview
Virologe Claude Muller: „Wundert mich nicht, dass brasilianische Virusvariante in Luxemburg entdeckt wurde“
Die brasilianische Variante des Coronavirus ist im Februar 2021 erstmals in Luxemburg entdeckt worden. Nach einem Abflauen im März tritt die Virus-Variante spätestens seit Anfang April wieder verstärkt auf. In der Woche vom 5. bis 11. April wurden laut LNS insgesamt acht Neuinfektion der brasilianischen Variante P.1 zugeordnet. Gepaart mit Berichten der epidemischen Lage in Brasilien sorgt das Auftauchen und die stetige Vermehrung der Virusvariante in Luxemburg für Schlagzeilen. Das Tageblatt hat mit dem Virologen Claude Muller vom „Luxembourg Institute of Health“ über die brasilianische Variante und deren besondere Eigenschaften gesprochen.
Brasilien, Rio de Janeiro: Ein Freiwilliger sprüht in einer Gasse im Slum Santa Marta Desinfektionsmittel, um die weitere Ausbreitung der Corona-Pandemie einzudämmen Foto: Bruna Prado/AP/dpa
Die brasilianische Virusvariante (P.1) wurde laut LNS bis zum 10. April 17 Mal in Luxemburg sequenziert …
Es wundert mich nicht, dass die brasilianische Variante bei uns aufgetaucht ist. Ich vermute, dass sie von Brasilien über Portugal nach Luxemburg gelangt ist – mich wundert eher, dass sie erst so spät hier entdeckt wurde.
Was ist an der brasilianischen Variante so besonders?
Gegen die brasilianische Variante scheinen die entwickelten Impfstoffe eine geringere Wirkung zu entfalten. Eine höhere Infektiosität ist zurzeit jedoch noch nicht gesichert.
Der Begriff Virusvariante ist aber eigentlich sehr weit gefasst. Die Öffentlichkeit versteht unter einer Virusvariante eine Mutation, die die Beschaffenheit eines Virus entscheidend verändert. Darunter fallen mindestens vier Eigenschaften, die bei den sogenannten „Variants of concern“ eine besondere Rolle spielen: Detektion des Virus, Infektiosität, Schwere des Krankheitsverlaufs sowie die Wirksamkeit der Impfungen.
Prof. Dr. Claude Muller ist Virologe am Luxembourg Institute of Health Foto: Philippe Reuter/Revue
Was verstehen Sie unter Detektionseigenschaft?
Die PCR-Tests benutzen sogenannte Primer, die sequenz-homolog zur Sequenz des Virus sind. Wenn sich die Sequenz des Virus zu sehr verändert, bindet die RNA des Virus nicht mehr an die Primer, der PCR-Test erkennt das Virus nicht und bleibt (falsch) negativ. Es gibt jedoch Möglichkeiten, diese Gefahr zu mindern. Bisher haben wir noch keine solchen Probleme – das kann aber bei zukünftigen Varianten zum Problem werden. Bei der brasilianischen Variante ist das jedoch kein Problem.
Wie hoch ist die Infektionsrate bei der brasilianischen Variante?
Die Infektiosität dieser Variante wird derzeit noch diskutiert. Die brasilianische Variante des Virus zirkuliert seit einigen Monaten – doch sie hat sich noch nicht stark durchgesetzt. Das kann Zufall sein oder mit der Anbindung der befallenen Regionen mit anderen Ausbreitungsherden zusammenhängen – es kann aber auch mit einer mehr oder weniger hohen Infektiosität des Virus zu tun haben.
Weniger infektiös als …?
Das Protoyp-Virus aus Wuhan, auf dem eben auch die Sequenz der Impfstoffe beruht, gilt als Vergleichsbasis.
Wirken die Impfstoffe wenigstens gegen diese Variante des Coronavirus?
Da gibt es einige alarmierende Berichte aus Brasilien von Genesenen, die sich re-infiziert haben mit der brasilianischen Variante. Offenbar ist die brasilianische Variante resistenter gegenüber den Impfstoffen von Biontech oder Moderna. Das legen Berichte nahe, bei denen auf Antikörper getestet wurde. Die brasilianische Variante lässt sich – so wie auch die südafrikanische Variante – 40 bis 60 Prozent weniger gut durch Antikörper dieser Impfstoffe neutralisieren. Es gibt jedoch Studien zur südafrikanischen Variante, die belegen, dass trotz der verminderten Wirksamkeit der Antikörper eine durchimpfte Bevölkerung trotzdem einen Schutz vor dieser Variante genießt – wenn auch weniger zuverlässig als gegen das Wuhan- Virus.
Was bedeutet in dem Fall „verminderte Wirksamkeit“?
Ein verminderter Schutz bedeutet, dass Personen sich noch immer mit dem Virus anstecken könnten, jedoch vor einem schweren Verlauf der Krankheit geschützt sind. Leichte Symptome könnten also dennoch möglich sein. Man kann aber davon ausgehen, dass die Impfung den Krankheitsverlauf abschwächt.
Wie krank kann eine Person, die sich mit der brasilianischen Variante ansteckt, denn tatsächlich werden?
Dazu kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht viel sagen, weil ich noch keine verlässlichen Daten gesehen habe.
Welche Variante ist denn nun schlimmer: die britische oder die brasilianische?
Die britische Virusvariante ist etwa 50 bis 60% infektiöser als die brasilianische, das ist mittlerweile gut belegt.
Kann die brasilianische Variante – ähnlich wie die südafrikanische – in einer durchgeimpften Bevölkerung in Schach gehalten werden?
Antikörper und T-Zell-Immunität
Das Immunsystem besteht aus Antikörper-vermittelter und T-Zell-vermittelter Immunität. Die T-Zell-Immunität ist die zelluläre Komponente des Immunsystems. Die Immunität durch Antikörper kann leicht getestet werden. Serum aus dem Blut der Testperson wird mit dem Virus auf einer Zellkultur zusammengebracht. Wächst das Virus trotz Serum, enthält dieses keine neutralisierenden Antikörper. Durch Verdünnungsreihen kann man die Antikörper-Konzentration im Serum nach der Krankheit oder nach Impfung quantifizierten und grob auch einen gewissen Schutz ableiten. Die T-Zell-Immunität dagegen ist schwierig zu messen, und sie lässt sich auch nur schwer mit dem Immunschutz korrelieren.
Die Impfung mit den vorhandenen Impfstoffen ist der einzige Weg – auch um sich vor diesen Varianten zu schützen. Es gibt mittlerweile zahlreiche Varianten, gegen die die Impfungen sehr effizient sind. Auch der Prototyp, auf dem die Impfung basiert, zirkuliert ja weiter in der Bevölkerung. Im Virus-Neutralisierungstest wird nur die Wirksamkeit der vom Impfstoff induzierten Antikörper getestet, das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Die T-Zell-Immunität ist viel schwieriger zu messen und schwieriger mit dem Impfschutz zu korrelieren. Man kann aber sagen, dass die Mutationen in den bisherigen Varianten die wichtigen Erkennungsstrukturen der T-Zellen nur wenig verändert haben. Daher bin ich zuversichtlich, dass die T-Zell-Immunität einen gewissen Teilschutz gewährleistet.
Südafrika hat die Impfungen mit dem AstraZeneca-Impfstoff aber ausgesetzt …
Die Entscheidung Südafrikas, die Impfungen mit dem AstraZeneca-Vakzin auszusetzen, war deswegen meines Erachtens ein Fehler. Diese Entscheidung wurde anhand von Antikörper-Studien getroffen. Die T-Zell-Immunität wurde nicht ausreichend berücksichtigt. Zu den Impfstoffen gibt es aber keine Alternative. Zusätzlich kann man davon ausgehen, dass es eben immer einen Teilschutz gibt. Wie schon erwähnt, kann eine Teilimmunität mindestens gegen einen schweren Verlauf schützen, und die gilt es ja vor allem zu verhindern.
Seit kurzer Zeit sorgt eine indische Variante für Schlagzeilen.
Die indische Variante weist zwei relevante Mutationen auf. Eine davon reduziert den Neutralisierungseffekt des Pfizer-Biontech-Vakzins – die gleiche Mutation, die sich auch in der südafrikanischen und der brasilianischen Variante findet. Die zweite Mutation wurde schon in der kalifornischen Variante festgestellt und bewirkt eine stärkere Bindung an den Rezeptor. Dies bedeutet, dass weniger Viren erforderlich sind, um die Krankheit auszulösen. Diese Aussagen beruhen auf Vorhersagen, die durch die Sequenzierung der Virusvariante getroffen werden können. Wie sich das in der Praxis darstellt, muss sich jedoch noch zeigen. In Indien macht diese Variante in einigen Regionen, wie Mumbai, bis zu 70 Prozent der sequenzierten Viren aus. Die hohe Bevölkerungsdichte in den Großstädten oder „Superspreader“-Events können aber eine Rolle spielen – oder das Virus ist tatsächlich infektiöser. Die Kombination von Teilresistenz gegen die Impfung und höhere Infektiosität verheißt jedenfalls nichts Gutes.