Corona-Zwangspause

Riesiges Loch: So erleben Bauunternehmen die Krisenzeit

Nach der Corona-bedingten Zwangspause war der Bausektor die erste Branche in Luxemburg, die wieder zurück ans Werk durfte. Aus Sicht der Gewerkschaften ist der Start geglückt, auch dank der Disziplin der Mitarbeiter. Bauunternehmer Roland Kuhn sieht das ebenfalls so. Die Mitarbeiter hätten eine unwahrscheinliche Disziplin an den Tag gelegt, erzählt er im Gespräch mit dem Tageblatt.

Riesiges Loch: So erleben Bauunternehmen die Krisenzeit

Es war ein erster Schritt heraus aus dem Lockdown. Noch vor den Schulen und den Friseursalons durften (oder mussten) die Mitarbeiter des Bausektors wieder ans Werk gehen. Die Arbeit auf den Baustellen wurde wieder hochgefahren. Natürlich nicht einfach so: Hygienemaßnahmen wurden verordnet. Die sichtbarste Maßnahme ist sicherlich, dass die Arbeiter auf den Baustellen nun einen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen. Aber es gibt allerdings noch weitere.

„Sowohl die Betriebe wie auch die Mitarbeiter haben die Sicherheitsmaßnahmen sehr ernst genommen“, sagt Roland Kuhn. Er ist „administrateur délégué“ der Baufirma Kuhn Construction und Präsident des Branchenverbandes „Fédération des entreprises de construction et de génie civil“. Seinen Mitarbeitern attestiert er eine „unwahrscheinliche Disziplin“.

Die Maßnahmen gingen weit über die bereits angesprochene Maskenpflicht hinaus. Auch der Transport zur und von der Baustelle musste neu gestaltet werden. Lieferwagen durften weniger Passagiere aufnehmen. Den Mitarbeitern musste darüber hinaus Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt werden. Auch an die Pausen musste gedacht werden. Die Arbeiter treffen sich manchmal in Baucontainern zum Essen – eine potenzielle Ansteckungsquelle, die vermieden werden muss.

Krankheitswelle am Bau blieb aus

„Wir arbeiten bereits seit einem Monat wieder und es gab keine zusätzlichen Fälle“, zeigt sich Kuhn erfreut. Die offiziellen Zahlen scheinen dies zu belegen. Bei zwei aufeinanderfolgenden stichprobenartigen Untersuchungen der Mitarbeiter zeigte sich, dass die Zahl der unentdeckten Covid-19-Infektionen innerhalb der Baubranche trotz der Öffnung zurückgegangen ist. Auch Kuhn berichtet wie die Gewerkschaften von starken Kontrollen am Bau. Er begrüßt die Kontrollen. „Es ist gut, dass kontrolliert wurde. Es wurden aber nicht viele Verstöße festgestellt. Die allermeisten Baustellen sind in Ordnung gewesen.“

„Es ist klar, dass die Arbeit nicht mehr so schnell vorangeht wie vorher", sagt Kuhn. Die Mitarbeiter müssen Distanz wahren. Wenn sich ein Arbeiter einem anderen nähert, der bis dahin alleine gearbeitet hat, dann müssen sie Mund-Nasen-Schutz tragen. Gegessen wird nicht mehr gleichzeitig, sondern in Etappen. Alles muss desinfiziert werden. All diese kleinen Dinge gehen natürlich auf Kosten der Produktivität. „Et ass schonn eng zolidd perte de rendement …“, sagt Kuhn.

Eine „perte de rendement“ war auch die Zwangspause für die Branche. Wie hoch der Einbruch ist, ist derzeit noch schwer zu berechnen. „Es ist klar, dass viel verloren gegangen ist“, so Kuhn. „Wir haben an genau 23 Arbeitstagen nicht gearbeitet. Wie sich das in den Zahlen niederschlägt, kann ich im Moment noch nicht sagen“, so der Firmenchef. „Ein riesiges Loch wird entstehen.“ Dadurch, dass in der Baubranche immer eine Verzögerung zwischen Arbeit, Abnahme und Rechnung besteht, kommt dieses „Loch“ erst im September auf die Branche zu.

„Congé collectif“ folgt bald

Hinzu kommt: Die Branche kann die Preise für laufende Projekte nicht erhöhen, um den Verlust wettzumachen. Die Preise wurden vor der Krise festgelegt. „Im europäischen Vergleich haben wir eine sehr kleine Gewinnmarge – 3,3 Prozent“, so Kuhn. Die Frage, ob Unternehmen von der Krise bedroht sind, beantwortet Kuhn kurz und knapp mit: „Ja, absolut.“ Es sei immer möglich, die getroffenen Maßnahmen zu hinterfragen. Aber: „Die Regierung hat ihre Entscheidungen getroffen und heute stehen wir super da im Vergleich zu anderen Ländern“. Dazu habe nicht zuletzt auch die Disziplin der Mitarbeiter und der gesamten Bevölkerung beigetragen. „Im Großen und Ganzen glaube ich, dass wir alles richtig gemacht haben.“

Auf die Branche kommt bald die nächste Pause zu: der „congé collectif“. Der gemeinsame Urlaub der Branche sorgt immer wieder für Diskussionen zwischen Unternehmen und Gewerkschaften – in diesem Jahr ganz besonders. Zu einer Einigung kam es nicht. Es wird einen „congé collectif“ geben. „Das wollten wir nicht so machen. Dadurch hätten wir den verlorenen Umsatz aus den 23 Arbeitstagen zum Teil auffangen können“, so Kuhn. „Die Leute hätten dadurch ihren Urlaub nicht verloren.“ Ein Vorschlag hätte darin bestehen können, zwei der drei Urlaubswochen auf das nächste Jahr zu verlegen. Gut für die Unternehmen sei die Entscheidung nicht. „Es ist jetzt so. Ich bin es gewohnt, das Beste aus jeder Situation zu machen.“ Die Entscheidung sei definitiv nicht gut für die Unternehmen. Eine Wahl haben sie allerdings nicht.

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