Corona-Pandemie

Paulette Lenert: „Ein zweiter Lockdown wäre ein Scheitern unseres Ansatzes“

Gesundheitsministerin Paulette Lenert hat im Gespräch mit RTL noch einmal Sinn und Zweck des Tracings und die luxemburgische Teststrategie erläutert. Sie verteidigt außerdem die Entscheidung von Bildungsminister Claude Meisch, das Splitting der Klassen aufzuheben – und verrät nicht, ob sie bei den nächsten Wahlen als LSAP-Spitzenkandidatin antreten will.

Gesundheitsministerin Paulette Lenert

Gesundheitsministerin Paulette Lenert Foto: Editpress/Didier Sylvestre

„Es gibt keine magische Zahl“, sagte Paulette Lenert im Gespräch mit RTL am Samstag. „Alarmierend wird es, wenn wir es nicht mehr im Griff haben.“ Gemeint hat die Gesundheitsministerin damit natürlich die Zahl der Neuinfektionen: Erst wenn das Tracing der Infektionsketten nicht mehr gelingt und die Belastungsfähigkeit der Krankenhäuser überschritten wird, gilt die Situation als „außer Kontrolle“. Das ist zurzeit noch nicht der Fall, auch wenn die Entwicklung der Zahlen natürlich beunruhigend wirke. „Wir haben mit einem Anstieg gerechnet“, so die LSAP-Politikerin. Dies sei angesichts der Lockerungen eine erwartbare Entwicklung. Trotz der hohen Zahlen sehe es momentan so aus, als wären die neu an Covid-19 erkrankten Personen deutlich jünger als bei der ersten Welle – und wären deshalb auch weniger gefährdet, von einem schweren Krankheitsverlauf heimgesucht zu werden.

Auf die Möglichkeit eines erneuten Lockdowns angesprochen, wirkt die Gesundheitsministerin erstaunlich resolut: „Ein zweiter Lockdown wäre ein Scheitern unseres Ansatzes.“ Man müsse lernen, mit dem Virus zu leben, da er uns vermutlich noch eine Weile begleiten werde. Das Ziel sei es, die Menschen in Luxemburg für diese Situation zu sensibilisieren. „Wenn die Menschen verstehen, dass die physische Distanz von zwei Metern aufrechterhalten werden muss, können wir das Virus aushungern.“ Deswegen sei das Hauptinstrument der Regierung auch die verstärkte Kommunikation – ob diese funktioniere, könne man erst in den nächsten Wochen sehen und auswerten, so Lenert. Auch die Multikulturalität und Vielsprachigkeit hierzulande stelle in der Hinsicht eine Herausforderung dar. Sie sei allerdings überzeugt, dass die Luxemburger das „gemeinsam hinbekommen“ werden.

Die Lupe macht soziale Missstände sichtbar

Die LSAP-Politikerin steht auch weiterhin zur luxemburgischen Teststrategie – und bedauert, dass Luxemburg dafür im Ausland als Schmuddelkind erscheint. „Sieht man sich beispielsweise den Prozentsatz der positiven Tests relativ zu der Gesamtzahl an, liegen wir relativ stabil bei etwa einem Prozent.“ Lenert hofft, in den nächsten Tagen und Wochen Veränderungen zu erreichen: Die anderen Staaten sollen die Spezifität der luxemburgischen Teststrategie stärker berücksichtigen. Denn sie zeige ihre Erfolge: „40 Prozent der Neuinfektionen befinden sich zum Zeitpunkt des Tests bereits in Quarantäne – die Infektionskette wurde also bereits unterbrochen.“ Durch die breit angelegten Tests lassen sich zudem auch die Bereiche und Wirtschaftszweige mit einer höheren Prävalenz an Infektionen feststellen. So können gezielte Maßnahmen ergriffen werden. „Wir haben sehr viel in unser Monitoring investiert. Und es zahlt sich aus“, so Lenert.

Was diese sprichwörtliche Lupe allerdings auch sichtbar macht, sind die sozialen Missstände. „Wir hatten jetzt fünf betroffene Wohngemeinschaften“, so die Gesundheitsministerin – und die Rede ist hier nicht von der entspannten Studenten-WG, sondern von „chambres meublées“, den sogenannten Café-Zimmern. „Diese Menschen halten sich teilweise nicht an die Quarantäne, da sie überhaupt nicht sozialversichert sind. Sie arbeiten schwarz.“ Insgesamt würde die Pandemie den prekarisierten und marginalisierten Milieus mehr zu schaffen machen als den Eigenheimbesitzern mit großem Garten.

Das politische Parkett

Lenert ging auch auf die Kritik an der kurz vor den Sommerferien erfolgten Schulöffnung ein und verteidigte den Bildungsminister. „Natürlich gab es auch Infektionen. Aber Schulen und Vereine haben einen geregelten Ablauf und definierte Gruppen.“ Wo der Tagesablauf einer gewissen Ordnung folgt, sei das Infektionsrisiko geringer als im unkontrollierten privaten Bereich. Und wo die Gruppen definiert seien, würde auch das Contact-Tracing leichter fallen. Genau aus diesem Grund seien auch Kontaktsportarten unter dem neuen Gesetz wieder erlaubt. „Wer sich in diesen sozialen Netzen befindet, ist auch meist automatisch vorsichtiger in seinem Umgang mit anderen Menschen“, erklärt Lenert. Vor dem Hintergrund kann die Gesundheitsministerin auch die Kritik der Opposition an den „Vakanzaktivitéiten“ nicht teilen. „Natürlich müssen möglicherweise Leute in Quarantäne – aber das wird in jedem Fall passieren.“ Auf diese Weise könne man die Kontakte der betroffenen Person allerdings besser nachvollziehen.

Angesprochen auf ihre Beliebtheitswerte zeigte die Ministerin sich dankbar für den Rückhalt, den ihr die Bevölkerung gibt. „Ich hatte mir das in dem Ausmaß nicht erwartet“, gibt sie allerdings unumwunden zu. „Die Sichtbarkeit, die man durch eine solche Krise erhält, kann auch zweischneidig sein.“ Sie interpretiere die Werte aber auch dahingehend, dass sie von den Menschen in Luxemburg auf ihrem Weg durch die Krise unterstützt werde. Angesprochen auf die Möglichkeit einer Spitzenkandidatur bei den nächsten Wahlen schmunzelte die LSAP-Politikerin. „Das liegt noch in weiter Ferne. Bis dahin kann noch viel Wasser den Berg hinabfließen.“ Diese Diskussionen würde man derzeit nicht führen, sie sei im Moment auch mit der Corona-Krise ausreichend beschäftigt.

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