Tour de Luxembourg

Organisator Andy Schleck: „Es ist viel Scheiße in diesem Jahr zusammengekommen“ 

Der Präsident des Organisationskomitees der Tour de Luxembourg, Andy Schleck, kam zur 5. Etappe nach Luxemburg. Die chaotischen ersten beiden Etappen betrachtete er aus der Ferne, weil er bei der Tour de France für den Hauptsponsor des Rennens im Einsatz war. Im Gespräch erklärt er, wie es zu den Zwischenfällen auf der Strecke kam, wie die Kommunikation verlief und wie zufrieden er insgesamt mit der Luxemburg-Rundfahrt ist  – dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund.

Der Präsident des Organisationskomitees der Tour de Luxembourg, Andy Schleck, überreichte zusammen mit Sportminister Dan Kersch den Preis des sympathischsten Fahrers der 5. Etappe an Ben Gastauer 

Der Präsident des Organisationskomitees der Tour de Luxembourg, Andy Schleck, überreichte zusammen mit Sportminister Dan Kersch den Preis des sympathischsten Fahrers der 5. Etappe an Ben Gastauer  Foto: Jeff Lahr/Tageblatt

Tageblatt: Andy Schleck, die 5. Etappe am Samstag wurde erneut von einem sich auf der Strecke befindenden Fahrzeug, das mehrere Stürze verursachte, überschattet. Wie konnte das, trotz der erhöhten Sicherheitsvorkehrungen, passieren?

Andy Schleck: Die Polizei hatte den Lkw-Fahrer angemahnt, stehenzubleiben. Da das Peloton kam, musste die Polizei auch weiterfahren. Als sie weg war, ist der Lkw einfach losgefahren. Er hat sich damit strafbar gemacht. Als Organisation werden wir dagegen rechtliche Schritte einleiten. Das kann nicht nur ein Rennen beschädigen, sondern auch lebensgefährlich sein. Leider haben wir auf so etwas keinen Einfluss. Nicht mal die Tour de France hat an solchen Stellen immer Absperrungen. Die Bilder im Fernsehen sehen furchtbar aus. Am Ende bin ich einfach froh, dass keinem etwas passiert ist. 

Bei insgesamt drei von fünf Etappen gab es solche Situationen. 

Das stimmt, es war nicht der erste Zwischenfall. Auf den letzten beiden Etappen (3. und 4.) war alles gut. Wir werden der Sache, die heute (Samstag) geschehen ist, auf den Grund gehen. Es ist ein Schlag ins Genick der Organisatoren. Aber das ist nicht der erste Rückschlag, den wir in den ganzen Jahren der Tour de Luxembourg bekommen haben. Wir wissen, wie man überlebt, und wir werden den Kopf nicht in den Sand stecken. Wir wollen das Rennen fortsetzen. Das Rennen soll am Leben bleiben, weil es eine gute Werbung für Luxemburg ist und weil wir den Radsport mögen.

Die Rundfahrt fährt in diesem Jahr in der Kategorie 2.Pro. Muss man sie in den nächsten Jahren wieder auf ein niedrigeres Niveau zurückstufen?

Es wäre zu einfach, zu sagen, dass wir auf ein niedrigeres Niveau umstellen müssten. Auch da kann so etwas wie heute (am Samstag) vorkommen und wir haben auch keine Lust, ein Rennen auf der Kartbahn in Monnerich auszutragen. Wir werden nun Lobbyarbeit bei der UCI betreiben und die Situation klären, einen Bericht schreiben und die Nachbesprechung führen. Ich hoffe, dass wir dann weiterhin die Unterstützung bekommen, um in der ProSeries bleiben zu können. 

Dass Fahrzeuge ins Rennen fahren, ist im Radsport ein bekanntes Problem. Warum war das Ausmaß in diesem Jahr in Luxemburg aber so gravierend?

Das ist eine Frage, die ich mir auch selbst stelle. Ich kann mir das nicht erklären. Die Frau, die auf der 2. Etappe durch das Peloton gefahren ist, wurde neunmal von der Polizei ermahnt. Neunmal! Und sie fährt trotzdem weiter. Was soll man da machen? Sollen wir „Krallen“ ans Auto machen, die die „Voiture Balai“ dann runternimmt? Ich brauche kein Blatt vor den Mund zu nehmen: Es ist viel Scheiße in diesem Jahr zusammengekommen. So katastrophal wie dieses Jahr war es noch nie. Wir können nur daraus lernen.

Sie selbst waren erst zur letzten Etappe in Luxemburg anwesend, davor waren Sie bei der Tour de France. Warum? 

Bei der Tour habe ich Aufgaben, die ich für den Hauptsponsor des Rennens übernehme. An den Tagen, an denen die Tour de Luxembourg stattgefunden hat, musste ich wichtige Leute während der Etappen der Tour de France begleiten. Es war nicht möglich, eher hierher zu kommen. Es hat mir wehgetan, nicht früher hier zu sein. Auf der anderen Seite übernehme ich die Aufgaben in Luxemburg freiwillig, bei der Tour de France ist es Arbeit. Da kann ich nicht alles so machen, wie ich es will. 

War es dennoch möglich, Sie in die Diskussionen nach den ersten beiden Etappen einzubinden?

Die Kommunikation war gut. Ich habe versucht, mich in zwei Teile zu teilen. Bei der Tour de France hatte ich Verpflichtungen, das hat mir von Anfang an nicht gefallen – aber es ist, wie es ist. Ich habe eine Mannschaft in Luxemburg, auf die ich bauen kann und über die ich weiß, dass sie es schafft, wenn ich nicht hier bin. Ich habe nach den ersten beiden Etappen viel mit Fahrern und Sportlichen Leitern telefoniert. Ich möchte die Zusammenarbeit loben: Wir haben zusammen versucht, eine Lösung zu finden. Das hat für zwei Tage geklappt. Und heute (am Samstag) auch, bis auf den Vorfall mit dem Lkw. Es geht hierbei nicht darum, die Sache schönzureden. Aber wir als Organisation können für so etwas nicht die Verantwortung übernehmen. Die Leute realisieren nicht, dass es nicht in unseren Händen liegt.  

Sie sagen, dass es nicht Ihre Schuld ist: Letztendlich fallen diese Zwischenfälle dennoch auf die Tour de Luxembourg zurück.

Wir sind besser aufgestellt als andere Rennen im Ausland. Dass ein Fahrzeug ins Rennen fährt, kommt auch bei der Tour de France vor. In diesem Jahr stand ein Schaf auf der Straße. Bei der Tour de France ist es eben nicht direkt im Fernsehen, bei uns schon. Auch wenn es nicht unsere Schuld ist, es ist klar, dass es auf uns zurückfällt. Diese 15 Sekunden von dem Unfall mit dem Lastwagen werden sicher mehr in den sozialen Netzwerken und in der Presse gezeigt als der Sieger des Rennens. Dass die Bilder durch die Welt gehen, ist mir bewusst. Aber so ist das: Willkommen im Jahr 2020. 

Gibt es schon Mannschaften, die angekündigt haben, im nächsten Jahr nicht nach Luxemburg zu kommen?

Nein. Wir sind in einem sehr speziellen Jahr. Zu der Corona-Pandemie kommen noch viele Stürze hinzu, jeder ist dadurch sensibilisiert. Dass Fahrer streiken und sagen, sie seien keine Marionetten im Theater, passiert nicht nur in Luxemburg. Aber sie wurden erhört. Und wenn das klappt, sind alle zufrieden. Wir haben nach unseren veränderten Sicherheitsmaßnahmen viel mehr positives Feedback erhalten. Heute (Samstag) war es dann wieder negativ. Die Sportlichen Leiter wissen aber, warum, sie werden unseren Bericht lesen. Ich hoffe, dass sie es dann so an die Fahrer weitergeben. 

Schauen wir aufs Sportliche: Das Niveau war in diesem Jahr sehr hoch. 

Rein sportlich gesehen war es ein gutes Rennen. Das haben diejenigen, die den Sport kennen, gesehen. Wir hatten ein starkes Feld mit Fahrern, die sich auf die WM vorbereitet haben. Sportlich hatten wir ein sehr hohes Niveau und am Ende auch ein schönes Podium. 

Wie haben Ihnen die Luxemburger im Rennen gefallen?

Man hat heute auch wieder gesehen, dass Kevin Geniets sehr aktiv war. Die Wirtgen-Brüder waren in den Ausreißergruppen, man hat gespürt, dass sie sich zeigen wollten. Wir haben zwar in diesem Jahr, anders als in vergangenen Jahren, keinen Luxemburger auf dem Podest gesehen, aber ich bin mir sicher, dass sich das in den nächsten Jahren noch mal ändern wird, wenn sie ihr Niveau halten. Auch das Publikum hat sich trotz der Pandemie auf den Straßen gezeigt. Das war auch für uns wichtig. 

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