Landung scheitert
Nacht der geplatzten Träume: kein luxemburgischer Rover auf dem Mond
Es hätte ein doppelter Festakt werden sollen: Erst 20 Jahre Zusammenarbeit zwischen Luxemburg und der European Space Agency (ESA) feiern und dann die erfolgreiche Mondlandung der Ispace-Mission mit dem luxemburgischen Rover „Tenacious“ an Bord. Doch es kommt anders.
Spuren auf dem Mond: das Ispace-Testgelände für den Rover in einer Halle nahe des Luxemburger Bahnhofs Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Um 21.16 Uhr mitteleuropäischer Zeit bricht plötzlich die Verbindung ab. Von einer Sekunde auf die nächste verschwinden die Zahlen, die gerade noch Geschwindigkeit und Höhe der Landesonde „Resilience“ angegeben haben. 300 km/h, TGV-Tempo, noch einige Hundert Meter. Dann plötzlich nichts mehr. Im vollbesetzten Kinosaal des Kinepolis auf Kirchberg herrscht Stille. Eine Minute, zwei Minuten. Die anvisierte Landezeit verstreicht. Immer noch gibt es keine Kommunikation mit der „Resilience“. Auf der Leinwand sind nun Bilder aus dem Kontrollzentrum in Tokio zu sehen, dort ist es kurz nach 3 Uhr in der Früh. Gespannte Minen wandeln sich in besorgte Gesichter. Ein Mann schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Die etwa 750 Gäste in den beiden Kinosälen im Kinepolis, darunter auch Wirtschaftsminister Lex Delles, werden langsam unruhig. Luxemburgs Mondtraum steht auf der Kippe. Dann meldet sich das Kontrollzentrum: Vorerst gibt es keine Verbindung und keine Informationen. Man werde in einigen Stunden die Öffentlichkeit informieren. Während man in Tokio in einen arbeitsreichen Tag startet, endet der Abend in Luxemburg mit Ernüchterung.
Ein juristischer Präzedenzfall
Es hätte eine Nacht der großen Premieren werden sollen: Die erste Mondlandung einer nicht-US-amerikanischen Firma, der erste europäische Rover auf dem Mond, noch dazu komplett im Großherzogtum entwickelt und gebaut – und nicht zuletzt: der erste Praxistest von Luxemburgs Weltraumgesetz aus dem Jahr 2017 (siehe Infobox). Zum ersten Mal in der Geschichte hätte ein Stück Mond in den Besitz eines irdischen Unternehmens übergehen können. Ispace Europe, die in Luxemburg ansässige Tochterfirma des japanischen Raumfahrtunternehmens Ispace, hatte einen Vertrag mit der US-amerikanischen Weltraumbehörde NASA abgeschlossen. Der Micro-Rover „Tenacious“, gerade einmal 30 Zentimeter lang und fünf Kilogramm schwer, sollte auf dem Mond Gestein einsammeln und dieses dann an die NASA verkaufen – für einen symbolischen Betrag von 5.000 US-Dollar. Diese Transaktion zwischen einem luxemburgischen Unternehmen und einer US-amerikanischen Behörde hätte einen juristischen Präzedenzfall schaffen sollen, der den Weg in die Zukunft einer kommerziellen Nutzung von Weltraumressourcen weisen könnte.
Sichtlich niedergeschlagen: Takeshi Hakamada, Gründer und CEO von Ispace bei der Pressekonferenz in Tokio Foto: AFP
Hätte, sollen, können. Die traurige Gewissheit kommt in den frühen Morgenstunden luxemburgischer Zeit. In Tokio tritt der Ispace-Gründer Takeshi Hakamada vor die Presse. Eine Wiederherstellung der Kommunikation mit der Landesonde „Resilience“ sei „unwahrscheinlich“, die Mission wird offiziell abgebrochen. Noch gibt es keine genaue Erklärung, was bei der Landung schiefgelaufen ist. Das Kontrollzentrum in Tokio hatte während des Landeversuchs die Triebwerke aktivieren können, um die „Resilience“ erfolgreich abzubremsen. „Wir konnten bestätigen, dass die Position der Landesonde fast die Vertikale erreicht hat“, sagt Hakamada. Doch nach der geplanten Landezeit sei man nicht in der Lage gewesen, „Daten zu empfangen, die eine Landung bestätigen“.
Die Landung ist der heikelste Punkt einer jeden Weltraummission. Im April 2023 war Mission-1 von Ispace an genau diesem Punkt gescheitert. Ein Softwarefehler ließ die Landesonde den Abstand zur Mondoberfläche falsch kalkulieren. Sie stürzte ab. Auch deshalb lagen viele Hoffnungen auf Mission-2. Die Anspannung ist im Kinepolis zu spüren. Auch wenn man in Luxemburg an diesem Abend zum Zuschauen verdammt ist. Die „Resilience“ wird aus der Zentrale in Tokio überwacht. Im Luxemburger Kontrollzentrum bereitet man sich indes auf den Einsatz des Rovers vor. 24 Stunden nach der Landung von „Resilience“ soll „Tenacious“ von hier aus auf dem Mond ferngesteuert werden, von einem unscheinbaren Bürogebäude aus, in einem Industriegebiet in der Nähe des Bahnhofs von Luxemburg-Stadt. Hier wartet einen Tag vor dem Landeversuch Sophia Casanova auf dem Mondtestgelände von Ispace. Die australische Geologin ist „Senior Lunar Scientist“. Zusammen mit dem Team in Japan hat sie den Landeplatz ausgesucht.
Drei Teams waren bereit für den Rover
Sophia Casanova, Geologin und „Senior Lunar Scientist“ bei Ispace Foto: Editpress/Hervé Montaigu
„Resilience“ hätte nach ihrem fünfmonatigen Flug im Mare Frigoris landen sollen, dem Meer der Kälte, einem großen Bassin, das sich über die nördliche Hemisphäre des Mondes erstreckt. Es ist der nördlichste Punkt, an dem je eine Landung versucht wurde. Die Stelle hat alle Kriterien erfüllt, die Casanova und ihr Team aufgestellt haben: „Flach, sicher und stabil genug, um darauf zu landen. Aber auch wissenschaftlich und geologisch interessant, um sie mit dem Rover zu erkunden.“ Dafür hat man bei Ispace drei Teams mit je vier Personen trainiert, auf dem eigenen Gelände und auf dem Mondtestgelände der ESA in Köln. Drei Teams, die „Tenacious“ rund um die Uhr überwacht und gesteuert hätten. Etwa zwei Wochen lang, denn so lange scheint die Sonne am Landeplatz, bevor die kalte Mondnacht sowohl den Rover als auch die Landesonde unwiederbringlich außer Betrieb gesetzt hätte. Dazu kommt es nun nicht. Das Training, umsonst.
Es ist nicht nur ein luxemburgischer Traum, der an diesem Abend platzt. Neben dem hauseigenen Rover waren noch andere Kunden an Bord der kommerziellen Sonde „Resilience“: ein Experiment zur Herstellung von Nahrung, zum Beispiel, und ein chemisches Experiment, das Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff teilen sollte. Alles unter Mondbedingungen. Und alles, wie die juristische Machbarkeitsstudie des Rovers, Wegweiser in eine Zukunft, in der auf dem Erdtrabanten ein Weltraumbahnhof entstehen könnte – mit eigener Treibstoffherstellung aus Mondressourcen.
Ein maßstabgetreues Modell des Rovers „Tenacious“ bei seiner Präsentation im vergangenen Juli Foto: Editpress/Alain Rischard
20 Jahre luxemburgische ESA-Mitgliedschaft
Es ist dieser Pioniergeist, der am Abend im Kinepolis auf Kirchberg deutlich zu spüren ist. Die erfolgreiche Landung der Mission-2 sollte der krönende Abschluss der Feierlichkeiten zum 20-jährigen Jubiläum der luxemburgischen ESA-Mitgliedschaft sein. Zu Beginn des Abends betont Wirtschaftsminister Delles die Bedeutung, die die ESA für den Ausbau des heimischen Space-Sektors hatte. Für den findet Géraldine Naja, ESA-Direktorin für Kommerzialisierung und Industrie, wenig später in der Panel-Diskussion lobende Worte: Kein anderes Mitgliedsland gebe, pro Kopf gerechnet, so viel Geld für den Weltraum-Bereich aus wie Luxemburg. „Wenn die anderen das auch so machen würden, könnten wir unser Budget verdoppeln oder gar verdreifachen“, sagt Naja. Marc Serres, Direktor der Luxemburger Weltraumagentur (LSA), unterstreicht kurz darauf, wie wichtig die konstante politische und finanzielle Unterstützung aller Weltraumbemühungen ist – aber auch welchen gesellschaftlichen Nutzen Innovationen aus dem Space-Sektor bringen können. „Das Weltall ist etwas Nützliches“, sagt Serres.
Jubiläumsgäste: Jean-Jacques Dourdain, Géraldine Naja und Marc Serres (Mitte, v.l.n.r.) Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Mission-2 von Ispace hat der luxemburgische Staat mit 3,7 Millionen Euro gefördert. Geld, das sich nun wohl buchstäblich in Mondstaub verwandelt hat. Dass solche Risiken zum Weltraumgeschäft dazu gehören, betont der ehemalige ESA-Chef Jean-Jacques Dourdain im Panel-Gespräch – eine Stunde bevor die Mission scheitert. „Erfolg sieht immer einfach aus. Aber man muss Risiken eingehen, wenn es um das Weltall geht“, sagt Dourdain. „Und Luxemburg kann riskante Entscheidungen treffen.“
Manch einer wird sich eine Stunde später an Dourdains weisen Worten trösten. Der Livestream ist beendet. Noch gibt es keine offizielle Bestätigung, aber Ernüchterung macht sich bereits breit. „Wir sollten das nicht als Scheitern verbuchen“, sagt Marc Serres, der zum Schluss noch einmal auf die Bühne gekommen ist. Neben ihm steht ein sichtlich niedergeschlagener Julien Lamamy, CEO von Ispace Europe. „Wir sollten weiter in die Zukunft schauen“, sagt Serres.
Neue Missionen
Und das machen Lamamy und Ispace Europe. Der nächste Rover ist bereits in der Planung. Mission-3, dieses Mal in Zusammenarbeit mit der Schwesterfirma Ispace US, die die Landesonde bauen wird. Diese soll auf die „dunkle Seite“ des Mondes fliegen, wie Lamamy im Interview verrät. Das erste Mal, dass die USA auf der erdabgewandten Seite des Mondes zu landen versuchen. Historische erste Male, so scheint es, gibt es im Weltall noch zur Genüge.
Hat schon neue Missionen im Auge: Ispace-CEO Julien Lamamy Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Besonders wichtig ist für Lamamy jedoch ein Projekt namens „Magpie“ (kurz für „Mission for Advanced Geophysics and Polar Ice Exploration“). Erst vor wenigen Tagen hat Ispace Europe eine Vereinbarung für Phase eins mit der ESA unterzeichnet. Im Vergleich zu früheren Missionen ist Ispace hier nicht nur ein Dienstleister für Mobilität (der Rover), sondern als externe private Firma für die gesamte Mission verantwortlich – ein Novum. Für Lamamy ist „Magpie“ außerdem „ein gutes Beispiel, wie Europa Dinge auf sich allein gestellt angehen kann“. Die kriselnde geopolitische Situation, sie ist auch im Weltall nie weit. In Zeiten wie diesen seien Kollaborationen allein zwischen den unterschiedlichen Weltraumagenturen nicht mehr verlässlich, so Lamamy. Das zeige die aufgekündigte Zusammenarbeit zwischen ESA und Roskosmos, der russischen Weltraumorganisation.
Völlig ergebnislos ist indes auch die an der Landung gescheiterte Mission-2 nicht. Auch ohne die tatsächliche Ausführung des Vertrages über das Mondgestein zwischen Ispace und der NASA zeigt dieser bereits reale Auswirkungen. Bei der UN gibt es mittlerweile Bemühungen, wie man die unterschiedlichen nationalen Gesetzgebungen zum Weltraum harmonisieren könnte. „Diese Gespräche laufen bereits“, sagt Lamamy.
Gesetze im Weltraum
Zentral für die internationale Weltraumgesetzgebung ist das sogenannte „Treaty on Principles Governing the Activities of States in the Exploration and Use of Outer Space, including the Moon and Other Celestial Bodies“ aus dem Jahr 1967, ratifiziert von Luxemburg, besser bekannt unter dem Namen „Outer Space Treaty“ (OST). In Artikel 1 des OST ist festgelegt, dass „der Weltraum, einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper, allen Staaten ohne jede Diskriminierung (…) zur Erforschung und Nutzung freisteht“, ebenso wie „freier Zugang zu allen Bereichen der Himmelskörper“. Artikel 6 des OST stellt Bedingungen für die Aktivitäten privater Akteure im Weltall auf: „Die Tätigkeiten nichtstaatlicher Stellen im Weltraum, einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper, bedürfen der Genehmigung und ständigen Überwachung durch den zuständigen Vertragsstaat.“
Auf diesen Artikel beruft sich Luxemburg in seiner nationalen Weltraumgesetzgebung. Die „Loi du 20 juillet 2017 sur l’exploration et l’utilisation des ressources de l’Espace“ schafft in ihrem ersten Artikel die Grundlage für eine kommerzielle Nutzung von Rohstoffen im Weltall: „Weltraumressourcen sind besitzbar“. Mit Blick auf das OST bedarf es jedoch einer schriftlichen Genehmigung durch den zuständigen Wirtschaftsminister, wie in Artikel 2 des Gesetzes festgeschrieben wird. In den weiteren Artikeln des Gesetzes werden die Voraussetzungen für diese Genehmigung im Detail aufgeführt.