20 Jahre Agora

Nach Belval nun Esch-Schifflingen: Rück- und Ausblick auf zwei Mega-Projekte

Die Entwicklungsgesellschaft Agora feiert ihren 20. Geburtstag. Grund genug, zurückzublicken, was einer Bilanz des Belval-Viertels gleichkommt. Aber auch vorauszuschauen, denn das nächste Großprojekt steht mit der Industriebrache Esch-Schifflingen vor der Tür. Gleichzeitig wurde der neue Generaldirektor vorgestellt.   

Zukunftsträchtig: So soll das Viertel Esch-Schifflingen einmal aussehen. 

Zukunftsträchtig: So soll das Viertel Esch-Schifflingen einmal aussehen.  COBE/Ville d’Esch

Seit dem 1. August ist François Dorland neuer Generaldirektor der Agora, die zu 50% dem Staat und zu 50% ArcelorMittal gehört. Er löst Vincent Delwiche ab, der nach 17 Jahren an der Spitze des Unternehmens in den Ruhestand geht. Dorland ist demnach auserkoren, die Entwicklung von Belval abzuschließen und das neue Stadtviertel Esch-Schifflingen auf der Industriebrache der ehemaligen Metzeschmelz voranzutreiben. 

So weit ist es aber noch nicht, sodass sich die Redner auf der Pressekonferenz am Mittwoch in erster Linie mit den letzten 20 Jahren befassten, die eigentlich 21 Jahre sind, denn die Entwicklungsgesellschaft wurde im Oktober 2000 gegründet. Claude Turmes („déi gréng“), Minister für Raumentwicklung, erinnerte an die Ausgangslage zum Ende des Jahrtausends. Luxemburg kam aus der Stahlkrise und es stellte sich die Frage, wie es im Süden weitergehen sollte. Der letzte Hochofen in Belval war im Sommer 1997 ausgeblasen.

Es entstand das Projekt der „Stadt der Wissenschaft, Forschung und Innovation“, dessen Grundsatz im Mai 2000 vom Regierungsrat verabschiedet wurde. „Es war eine mutige Entscheidung Jean-Claude Junckers, aber auch ohne den Impuls von Michel Wolter (damals Innen- und Landesplanungsminister, Anm. d. Red.), Henri Grethen (Wirtschaftsminister) und Erna Hennicot-Schoepges (Hochschulministerin und Ministerin für öffentliche Bauten) wäre es nicht gegangen“, so Turmes. Michel Wurth, Präsident des Verwaltungsrats von ArcelorMittal Luxemburg und zu jener Zeit Mitglied der Generaldirektion des Stahlkonzerns, erinnerte später an den parteiübergreifenden Konsens für den Standort Belval. „Heute können wir stolz darauf sein, was hier entstanden ist“, sagt Wurth. Das habe auch daran gelegen, dass sich strikt an den Masterplan gehalten wurde und nicht ständig Dinge modifiziert worden seien.  

„Enorme Herausforderungen“

Trotzdem war die Begeisterung vor allem in der Hauptstadt überschaubar, Belval als zukünftigen Universitätsstandort zu etablieren. Heute sehe man, dass diese Entscheidung richtig gewesen sei, sagte Turmes, denn „Belval hat nicht nur dem Süden, sondern dem ganzen Land einen neuen Elan gegeben. Und gleichzeitig die Industriekultur in Szene gesetzt.“ In diesem Kontext erinnerte Eschs Bürgermeister Georges Mischo (CSV) an das Dossier Gebläsehalle. Er hoffe doch stark, dass es hier endlich weitergehe, so Mischo. Turmes zeigte unterdessen vier Verbesserungsmöglichkeiten auf, die es in Belval gebe. Die CO2-Bilanz, der Mobilitätsplan, das Management des neuen Stadtteils mittels eines sogenannten „Stadtkümmerers“ und die Wahrung der Industriekultur, womit er ebenfalls die Gebläsehalle meinte.

Während das Projekt Belval mit seinen 7.000 Einwohnern und 15.000 Arbeitsplätzen zu 85% fertiggestellt ist, wartet mit der Industriebrache auf Esch-Schifflingen eine neue Herausforderung auf die Entwicklungsgesellschaft Agora. Turmes sprach von „Ecoquartier Luxembourg“, ein autofreies, ökologisches, ökonomisch innovativ gestaltetes Stadtviertel, das mit 30% bezahlbaren Wohnraum ausgestattet ist und den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft folgt. „Eine enorme Herausforderung für Mobilität und Infrastruktur“, wie die beiden Bürgermeister der beteiligten Gemeinden Georges Mischo und Paul Weimerskirch (CSV) unisono unterstrichen. Esch-Schifflingen wird mit bis zu 10.000 Einwohnern etwas größer als Belval. Während die direkte Verbindung zwischen Esch und Belval mit der Rad- und Fußgängerbrücke erst jetzt gebaut wird, wurde das überregionale und grenzüberschreitende Mobilitätskonzept rund um das neue Stadtviertel bereits vorgestellt. D.h., wenn die ersten Menschen 2025 dort einziehen, ist die Anbindung mit der schnellen Tram schon da. 

Belval im Zeitraffer

– Ende Juli 1997 stellt der letzte Hochofen seinen Betrieb ein.
– Im Oktober 1998 beschließt die Regierung, die Hochöfen A und B in die Liste der nationalen Kulturstätten aufzunehmen.
– Im Oktober 2000 wird die Entwicklungsgesellschaft Agora gegründet.
– Im November 2001 gewinnt das niederländische Architekturbüro Jo Coenen den internationalen Städtewettbewerb für Belval-Ouest.
– Im Januar 2005 beginnen die ersten Straßenbauarbeiten am Standort Belval.
– Die Rockhal eröffnet im September 2005.
– Im Dezember 2006 zieht die Dexia mit 1.800 Arbeitnehmern nach Belval.
– Das Belval Plaza I eröffnet im Oktober 2008.
– Im Oktober 2009 ziehen nach der Eröffnung des Quartiers Belval Nord die ersten Bewohner ein.
– Der neue Bahnhof wird ein Jahr später, im Oktober 2010 eröffnet.
– Im September 2011 kommt es zur Teileröffnung des neuen „Lycée Bel-Val“.
– Das CIPA „Op der Waassertrap“ geht im November 2012 auf.
– Im Oktober 2014 wird das P&R-Parkhaus der CFL eingeweiht.
– Große Teile der Universität gehen im September 2015 in Betrieb.
– Im Dezember 2016 wird die Liaison Micheville eröffnet.   

Drei Fragen an Claude Turmes

Rückblick auf Belval, Ausblick auf Esch-Schifflingen. Welche Herausforderungen haben sich in den letzten 20 Jahren bei der Rekonvertierung der Industriebrachen geändert?

Das sind eine ganze Menge, zum Beispiel Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft oder Mobilität. Belval war ein visionäres Projekt, bei dem absolutes Neuland betreten wurde. Damals war die Elektromobilität oder Carsharing noch nicht aktuell. Aber auch Esch-Schifflingen ist visionär. Ab Januar 2023 müssen in Luxemburg neue Häuser quasi ohne fossile Energie auskommen. Zudem soll Esch-Schifflingen ein autofreies Viertel werden, da gibt es noch viele Dinge zu definieren. Wobei bei allem auf die Erfahrungen von Belval zurückgegriffen wird. Und die Bürgerpartizipation soll beim Entstehen des neuen Viertels anders werden als beim Belval. 

Wie kann man sich das vorstellen?

Claude Turmes, Minister für Raumentwicklung

Claude Turmes, Minister für Raumentwicklung Foto: Editpress/Julien Garroy

Das Ausarbeiten des Konzepts wird so etwas wie eine Hochschule für Urbanismus sein. Esch-Schifflingen also als Modell für das Stadtviertel der Zukunft. Als Beispiel: Wenn das Viertel autofrei sein soll, dann braucht es Parkhäuser am Rand. Da stellt sich die Frage, soll ein Parkhaus noch ein Parkhaus sein oder vielmehr ein Parkhaus mit einem Service-Center und anderen Diensten. Solche Sachen sollen in fünf bis sechs Workshops definiert werden. 

Welche Rolle spielt dabei die Internationale Bauausstellung (IBA), die in der Regel der Stadt- und Landschaftsplanung dient und Impulse im sozialen, kulturellen und ökologischen Bereich setzt?

Es ist nicht gut, dass wir bei vielen Projekten keine bessere Zusammenarbeit mit der Grenzregion gesucht haben. Unsere Wirtschaft braucht die Grenzgänger, also ist es in unserem Interesse, dass besser zusammengearbeitet wird. Die IBA Alzette-Belval soll für ein gemeinsames Konzept genutzt werden. Denn nach Belval und Esch-Schifflingen wartet mit dem „Crassier Terres Rouges“ die nächste Industriebrache. Und die liegt sowohl auf luxemburgischem wie auch auf französischem Territorium.

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