Kommentar

In Esch wird aus fremder Kritik schnell eigenes Marketing – der Sache dient beides nicht

Bürgermeister Mischo und die Escher Schöffen: Mit neuen T-Shirts gegen Kritik und für Likes

Bürgermeister Mischo und die Escher Schöffen: Mit neuen T-Shirts gegen Kritik und für Likes Foto: Screenshot/Facebook-Seite Ville d’Esch

Was hat Susanne Jaspers geschrieben, was nicht stimmt? Oder geht es gar nicht darum?

Im neuen Marco-Polo-Reiseführer porträtiert die Verlegerin und Autorin die Stadt Esch in Form einer kleinen Stilkritik. Jaspers kennt die Stadt, sie hat lange in Esch gelebt. Viel Platz haben die Herausgeber der Autorin trotzdem nicht gelassen. Kurzfassen war angesagt. Das Ergebnis ist wohl am besten mit einer misslungenen Gratwanderung umschrieben.

Sogar bei jenen, die nicht alles an Esch immer nur schönreden, könnte ein bitterer Nachgeschmack bleiben. Mir ging das zumindest so. Wieso das Problem leerstehender Geschäfte, ein trauriges Schicksal, das in weiten Teilen Europas fast jede Stadt dieser Größe mit Esch teilt, überhaupt erwähnt wird, bleibt mir zum Beispiel ein Rätsel. Jaspers ästhetische Einordnungen kann ich hingegen zum Großteil nachvollziehen. Aber auch hier stellt sich die Frage der Notwendigkeit. Die Escher nehmen den Brillplatz zum Beispiel bereitwillig als kleine Grünzone zum Rumhängen an. Besser als ein Parkplatz ist das allemal. Und alles ist besser als die 2007 von zahlreichen Eschern in einer Bürgerinitiative (unter ihnen übrigens Susanne Jaspers) niedergerungenen André-Heller-Pläne.

Die Reaktionen auf den Marco-Polo-Text, der ja so schlimm schließlich auch nicht war, verdienen ebenfalls eine Einordnung. Besonders die des Bürgermeisters und des Schöffenrates. Doch dazu später mehr.

Gebratene Eier

Viel Ärger hat sich am „ruppigen Proletennest“ entzündet, mit dem Jaspers die Stadt gleich im Vorspann auf etwas festnagelt, was es, glaube ich, nicht ist – was aber vor allem offenbar falsch verstanden wurde. Die meisten dürften sich mehr am „ruppig“ als am „Proletennest“ gestört haben. „Ruppig“ aber heißt nicht „ruppeg“.

Während der Duden die Synonyme barsch, brüsk, frech, kurz angebunden nennt, heißt es im Lëtzebuerger Online Dictionnaire abstoßend, ekelerregend. Falsche Freunde nennen Sprachwissenschaftler solche Übersetzungsschwierigkeiten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jaspers Esch „abstoßend“ nennen wollte, finde aber genauso wenig, dass Escher besonders barsch oder kurz angebunden sind. Eher das Gegenteil scheint mir der Fall, und meist ist es schwieriger, aus einem Zufallsgespräch auf der Straße oder im Café (damals) wieder herauszufinden, als in eines verwickelt zu werden.

Auch Bürgermeister Georges Mischo und sein Schöffenrat scheinen sich vor allem am „ruppig“ gestört zu haben. Superheldenhaft eilten sie zur vorgeblichen Rufsanierung der Stadt heran und posierten in neuen T-Shirts mit der Aufschrift „RuppEsch“ auf den komischen Dingern auf dem Brillplatz, deren Form die Marco-Polo-Autorin an Hundehaufen erinnerte und die im Sommer so heiß werden, dass sich darauf Spiegeleier braten lassen. Bei 30 Grad und Sonnenschein hätte sich Schöffe Pim Knaff nicht da draufgesetzt, nicht einmal für einen Fototermin.

Eine solche öffentlichkeitswirksame Fotogelegenheit lässt sich Eschs Stadtführung aber nicht entgehen. Zumal der Bürgermeister das Thema selber auf den sozialen Medien schon vorgetestet und auf erste Posts bereits viel Zustimmung bekommen hatte. Später wurde noch das neue Foto mit „RuppEsch“-Logo auf der Brust als neues Facebook-Profilfoto hochgeladen – und 800 Likes eingesammelt, eine stattliche Zahl in Luxemburg.

Geschickt gemacht

Wie Mischo hier die Online-Empörung selber hochtreibt, um wiederum online die eigene Beliebtheit zu steigern, ist, es lässt sich schwer anders sagen, schon sehr geschickt. Schließlich hätte man auch einfach nichts zu der Sache sagen können. Sie wäre rasch verpufft. Aber die Eigenwerbung-Feste muss man feiern, wie sie fallen. Von der Opposition hingegen gab es zu der ganzen Sache nichts zu hören. Der Marco-Polo-Eintrag bleibt zwar wenig schmeichelhaft für Esch, die Protagonisten aus CSV, DP und Grünen der Stadt konnten ihre Beliebtheit aber offensichtlich steigern.

In seiner ersten, oben angeschnittenen Reaktion auf den neuen Reiseführer-Text hatte der CSV-Bürgermeister auf Facebook und Instagram gleich festgehalten, dass „egal wat iwwer meng Stad gesot oder geschriwwen gëtt, ech sinn houfreg Escher ze sinn an ech sinn houfreg op meng Stad️!“ Eine fast schon brüske, barsche Reaktion. Und, vielleicht für nächstes Mal, ein Bürgermeister hätte auch „eis Stad“ schreiben können.

Nachvollziehbar bleibt der Ärger trotzdem, auch dann, wenn er anschließend lokalpatriotisch ausgeschlachtet wurde. Dem Esch-Bashing steht inzwischen ein bisweilen ins Übertriebene tendierender Lokalpatriotismus gegenüber, der Kritik eher niederbügelt, als sie auch mal ernst zu nehmen. Was aufgrund der häufigen, sich stets wiederholenden und zumeist an den Realitäten der Stadt vorbei zielenden Kritik sogar noch verständlich ist. Ob aber Politiker gut beraten sind, solche Tendenzen zu befeuern, sei einmal dahingestellt. Immerhin wählen wir alle paar Jahre einen Gemeinderat und keinen Fanclub.

Auch deswegen hätte eine souveränere Reaktion seitens der politisch Verantwortlichen wegen solch einer Bagatelle der Sache nicht geschadet. Aber vielleicht ging es ja auch gar nicht darum.

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