Revue ReportageFrischer Wind für Météo Boulaide: Neue Büros im 1535° sollen Wachstum bringen

Revue Reportage / Frischer Wind für Météo Boulaide: Neue Büros im 1535° sollen Wachstum bringen
Philippe Ernzer und Criss Steichen haben seit Februar ihr Büro im 1535°. Foto: Editpress/Julien Garroy

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Der Wetterdienst „Météo Boulaide“ hat am 1. Februar dieses Jahres seine ersten eigenen Büros im 1535° in Differdingen bezogen. Philippe Ernzer und Criss Steichen schmieden von hier aus neue Ideen und Pläne, wie sie ihren Service weiter ausbauen wollen.

Es regnet … mal wieder. Auch an diesem Mittwochmorgen in Differdingen zeigt sich der Mai von seiner feuchteren Seite, und man merkt wieder am eigenen Leib, dass das Klima einen doch beschäftigt. Aber es gibt Menschen, die sind regelrecht vom Wetter fasziniert und nicht nur dann, wenn es einfach nur mal wieder zu viel dröppelt. Einer davon ist Philippe Ernzer. Der Luxemburger ist zwar erst 25, doch mit seinem Wetterdienst „Météo Boulaide“ erarbeitete er sich seit Dezember 2010 mit Prognosen im Internet einen hohen Bekanntheitsgrad und wird von vielen, vor allem für seine Unwetterwarnungen, geschätzt. Mittlerweile nutzen auch eine Reihe an professionellen Kunden, wie etwa das Tageblatt, seine Prognosen.

Bis Anfang des Jahres hat er seine Arbeit von zu Hause aus Bauschleiden, wo die Wetterstation nach wie vor steht, erledigt. Pünktlich zum 1. Februar bezog er zusammen mit seinem Firmenpartner Criss Steichen, mit dem er seit November 2022 in der Firma Clearsky zusammenarbeitet, die ersten eigenen Büros im 1535°. Der Raum im Creative Hub ist mit dem Nötigsten ausgestattet: Zwei Arbeitsplätze mit Bildschirmen, ein großer Greenscreen, ein paar Videoleuchten und anderes technisches Equipment sowie eine kleine Sofaecke. Hier wollen Philippe Ernzer und Criss Steichen vor allem eins: sich voll auf ihren Job und die Anpassung der Dienste fokussieren.

Der „Météo Boulaide“-Gründer ist mit Arbeit ausgelastet.
Der „Météo Boulaide“-Gründer ist mit Arbeit ausgelastet. Foto: Editpress/Julien Garroy

Produktiver werden

Den Umzug nach Differdingen in den Creative Hub begründet Philippe Ernzer mit zwei Faktoren: Zum einen sei das angestammte Zimmer platztechnisch an seine Grenzen gestoßen, zum anderen und der eigentliche Hauptgrund sei, dass „ich mich zu Hause leicht habe ablenken lassen. Mir wurde allmählich bewusst, dass wenn ich mich voll auf die Arbeit konzentrieren könnte, ganz ohne diese potenzielle Ablenkung, dann könnte ich noch mehr bewerkstelligen.“ Hinzu kommt, dass es in einem gemeinsamen Büro zusammen mit seinem Clearsky-Partner Steichen um ein Vielfaches einfacher sei, die Arbeit zu koordinieren, als über permanente Videocalls.

Dass sie am Ende in Differdingen gelandet sind, hat – wie soll es in Luxemburg auch anders sein? – mit den Mieten zu tun. „Wir haben uns quer durchs Land umgeschaut, aber die Preise für Büroflächen sind halt die, die sie sind. Das 1535° passt zu unserem Budget. Differdingen bedeutet für uns beide zwar täglich einen gewissen Arbeitsweg, den wir zurücklegen müssen, aber das nehmen wir in Kauf“, erklärt Criss Steichen.

Für die ersten Erfahrungen nach etwas mehr als 120 Tagen in ihrem Büro ziehen die beiden Partner eine erste positive Bilanz. Man sei um einiges produktiver geworden, versichern beide. Aber einen leichten Nachteil hat Ernzer bereits ausgemacht. „Ich habe mich in letzter Zeit an die Grenze der maximalen Arbeitsbelastung gebracht. Ganz einfach, weil ich am Anfang glaubte, dass ich jetzt im Büro viel mehr Zeit hätte, noch mehr zu tun. Aber das endet manchmal darin, dass ich nicht all das schaffe, was ich mir so für einen Tag vornehme.“ Dabei strebt er – was im eigenen Zuhause nicht unbedingt der Fall war – einen geregelten Arbeitstag an. Sprich von 8 bis etwa 17 Uhr, aber „natürlich je nach Wetterlage und gekoppeltem Arbeitsaufwand wird es schon mal 20 Uhr oder später.“

Philippe Ernzer sagt von sich selbst, dass er 24/7 ans Wetter denkt.
Philippe Ernzer sagt von sich selbst, dass er 24/7 ans Wetter denkt. Foto: Editpress/Julien Garroy

Fokus auf die Internetseite

So haben die beiden nach einer gewissen Zeit bemerkt, dass ihr YouTube-Format „Météo um 7“ nicht zu stemmen sei und es eingestellt. „Wir bemühen uns aktuell, mehr Videos zu veröffentlichen, aber für diese klassische Wetterprognose war der Arbeitsaufwand am Ende zu hoch. Auch, weil wir eigentlich Wettervorhersagen und -phänomene interessanter, junger und frischer zu gestalten versuchen. Deshalb machen wir momentan nur noch Videos oder Livestreams bei sehr besonderen Wetterlagen.“

Zudem werden auf der Internetseite von „Météo Boulaide“ mehr Artikel über die aktuelle Wetterlage veröffentlicht. Dahinter steckt eine sehr klare Strategie: Der Wetterdienst will die Internetseite und die eigene App, die demnächst in völlig neuem Gewand erscheinen wird, pushen, um unabhängiger von den Sozialen Netzwerken zu werden. „Das funktioniert auch gut“, versichert Ernzer. Die Crux sei, dass entsprechend mehr Content produziert werden muss, um attraktiv für User zu sein. „Wer mehr Artikel sagt, sagt automatisch mehr Recherchearbeit, intensivere Beobachtung der Wettermodelle und schlussendlich auch verstärkte Überlegungen, wie man es visuell interessant darstellt, damit User darauf anspringen, ohne dabei mit reißerischen Überschriften oder Illustrationen auf Bild-Niveau zu agieren. Das wäre völlig unseriös.“

Abschalten fällt mir schwer. Wetter ist 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche in meinem Kopf

Philippe Ernzer, Meteo Boulaide

Anvisierte zukünftige Verstärkung

Ein Problem, das die beiden zurzeit in ihrem Unternehmen beschäftigt, ist die Arbeitsbelastung von Philippe Ernzer. Während Criss Steichen sich vor allem auf Marketing und Videoschnitt fokussiert, lastet auf seinem Partner die Hauptlast des Core-Business. „Ich werde nie das nötige Wissen zu Wetterprognosen haben, um Philippe hierbei zu unterstützen. Am Ende ist dies aber der größte Teil der Arbeit. Deshalb haben wir uns auch schon Gedanken gemacht, wie wir die Arbeitslast für ihn reduzieren können. Das geht nur, indem wir in Zukunft jemanden einstellen, der das nötige Fachwissen mitbringt. Aber aktuell ist das aber für uns finanziell noch nicht zu stemmen“, unterstreicht der 29-jährige Steichen.

… und nun zum Wetter

„Météo Boulaide“ hat seinen Betrieb im Dezember 2010 aufgenommen. Seitdem hat Philippe Ernzer sich fest im Bereich der Wettervorhersage etabliert. Größere Bekanntheit erreichte er unter anderem, als er im Juli 2014 als erster vor einem heftigen Donnerwetter bei der „Foire Agricole“ warnte, lange bevor die öffentlichen Autoritäten dies taten. Alle Infos unter: www.meteoboulaide.com

„Ich muss aktuell, auch wenn ich nur ein Wochenende verreise, mindestens ein Laptop im Gepäck haben, um ständig je nach Wetterentwicklung unser Publikum zu informieren und auf dem neusten Stand zu halten“, ergänzt Philippe und sieht auch in einer potenziellen personellen Unterstützung im Bereich Wetter den nächsten Schritt in Sachen Weiterentwicklung von Clearsky und „Météo Boulaide“: „Es muss nicht mal ein studierter Meteorologe sein, das bin ich auch nicht, aber es muss eine Person mit Fachkompetenz sein und jemand, dem wir voll vertrauen können.“

Für Ernzer ein wichtiger Punkt, schließlich hat er bereits viel Herzblut in sein Projekt gesteckt, um auch von studierten Meteorologen ernst genommen zu werden und das Vertrauen von Einwohnern zu erarbeiten. „Es macht mich schon stolz, wenn ich sehe, dass unsere App im Store fast konstant über der MeteoLux-App rangiert“, sagt er. Zuletzt gab es via Facebook mal wieder eine Auseinandersetzung mit einem User, bei dem es sich wahrscheinlich um einen MeteoLux-Mitarbeiter handelt. Philippe Ernzer sieht solche Anfeindungen für einen Mitte-Zwanzigjährigen allerdings relativ abgeklärt: „Eine lange Zeit hat es mich fast schon traurig gemacht, wenn ich gemerkt habe, dass trotz meiner seriösen Arbeit manche Experten, zu denen ich immer hochgeschaut habe, mich nicht ernst genommen haben. Aber damit kann ich mittlerweile leben. Persönliche Anfeindungen und Beleidigungen gehen allerdings gar nicht. Das enttäuscht mich, auch weil ich merke, dass ich in letzter Zeit durchaus von vielen Menschen respektiert werde.“

Criss Steichen (links) hofft, dass man den Service noch auf andere Sprachen ausweiten kann.
Criss Steichen (links) hofft, dass man den Service noch auf andere Sprachen ausweiten kann. Foto: Editpress/Julien Garroy

Lokaler warnen

Dabei weiß der Wettervorhersager selbst, dass er kein studierter Meteorologe ist: „Ich kann nicht unbedingt eine tiefgründige meteorologische Expertise mit entsprechenden Rechenformeln abliefern, aber ich glaube, ich habe längst bewiesen, dass ich Meteorologie für ein breites Publikum vermitteln kann. Vor allem durch die Tatsache, dass ich mir selbst alles beigebracht und selbst versucht habe, die einzelnen Phänomene im Detail zu verstehen.“

Aber trotz etwaiger Unstimmigkeiten sagen die beiden Clearsky-Betreiber, dass sie durchaus bereit seien, sich mit anderen Akteuren oder staatlichen Behörden an einen Tisch zu setzen, auch weil sie konkrete Ideen hätten, wie man Wetterwarnungen hierzulande verbessern könnte. „Ich habe mit Skywatch ein eigenes Tool entwickelt, das es ermöglicht, Warnungen sehr lokal herauszugeben. Solche gezielten lokalen Warnungen ergeben auch viel mehr Sinn als lediglich die aktuelle Aufteilung in Norden und Süden. Diese grobe Aufteilung führt dazu, dass immer Leute gewarnt werden, die man eigentlich nicht warnen müsste. Unser System soll dieses grobflächige Warnen minimieren.“

Weitere Schritte, die Ernzer und Steichen anvisieren, sind der Aufbau eines eigenen Netzes an Wetterstationen, ihr Angebot in mehreren Sprachen anzubieten und eventuell ihre Dienste auch in der Großregion anzubieten. Das Wetter wird Philippe Ernzer eh auf Trab halten: „Abschalten fällt mir schwer. Wetter ist 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche in meinem Kopf.“

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