Editorial

Ein Zeichen gegen empört Intolerante

Erinnerung: Die Winnetou-Filme (hier v.l.n.r. Pierre Brice, Marie Versini und Lex Barker) haben als Fiktion ganze Generationen begeistert. Eine Neuverfilmung des jungen Häuptlings und zwei beim Ravensburger-Verlag erschienene Kinderbücher, ebenfalls Fiktion, rufen nun heftigen Protest hervor.

Erinnerung: Die Winnetou-Filme (hier v.l.n.r. Pierre Brice, Marie Versini und Lex Barker) haben als Fiktion ganze Generationen begeistert. Eine Neuverfilmung des jungen Häuptlings und zwei beim Ravensburger-Verlag erschienene Kinderbücher, ebenfalls Fiktion, rufen nun heftigen Protest hervor. Foto: Pinterest

Als Mensch, der prinzipiell keine Prinzipien hat außer dem Prinzip, keine Prinzipien zu haben und sich keine aufzwängen zu lassen, liebe ich Empörung. Sie zeigt, wie die Menschen ticken und wie ihr mehr oder weniger großes Kämmerlein der Behaglichkeit eingerichtet ist. Empörung zeigt allerdings auch, dass Frauen und Männer leben, nicht bloß vegetieren. Das ist gut!

Empörung soll, nein muss man deshalb zulassen, ja, fast uneingeschränkt, auch wenn’s manchmal wehtut. Manche Empörungswellen sind mitunter kurios, andere lösen Fremdschämen aus und noch andere wirken gefährlich – weil sie verbieten und einschränken wollen. Besonders Letztere muss man im Auge behalten. Einfach hinnehmen muss man sie nicht, auch nicht darüber schweigen. Aufmerksam muss man sein und den Anfängen wehren.

Empörung darf, nein, muss man also auch in ihre Schranken weisen können, ihr Grenzen aufzeigen und ihr den Spiegel ihrer vielleicht doch manchmal etwas tumben und intoleranten Grundlagen vor Augen führen.

Wer mit empört Intoleranten zu tun hat, sollte sich vorsehen, vor allem aber keine voreiligen Schlüsse ziehen. Ein rezentes Beispiel: Weil einige wenige Rassismus und Respektlosigkeit gegenüber Amerikas Ureinwohnern wittern, zieht der Ravensburger-Verlag zwei Kinderbücher über den jungen Winnetou zurück. Im Internet ist alles nachzulesen, deshalb sparen wir uns Erklärungen. Nur so viel: Die Entscheidung ist schwer nachvollziehbar. Schade ist, dass der 1883 gegründete deutsche Verlag sich nun vermutlich in die Hände von Erpressern begeben hat. Denn: heute Winnetou, morgen Yakari, dann vielleicht Wickie oder andere Schriften und irgendwann heißt es: „Wir übergeben den Flammen!“

Unterirdisch scheinende Empörungswellen kommen nicht ausschließlich aus dem linken politischen Sumpf, sondern auch von rechts. In Erinnerung bleibt in dem Kontext zum Beispiel eine kanadische katholische Institution, die 2019 „Tintin au Congo“ oder „Astérix et la grande traversée“ auf den Index setzte und sozusagen symbolisch verbrannte.

Zu welchem intellektuellen Tiefgang sie fähig ist, zeigt zurzeit auch Finnlands nationalistische Rechte, wenn sie Premierministerin Marin wegen eines Partyvideos oder wegen zweier Menschen gleichen Geschlechts, die sich im Amtssitz der Regierungschefin küssen, heftigst kritisiert. Es ist einfach nur peinlich.

Wie gesagt, Empörung muss man zulassen und beobachten, was sie anrichtet. Wichtig dabei ist weniger, dass sich jemand aufregt, als die Frage, welchen Stellenwert die Empörung bekommt, am Stammtisch, aber vor allem in den sozialen Netzwerken und in den Medien – und welche Folgen das haben kann.

Solange die Hunde bellen, die Karawane aber weiterziehen kann, ist noch – fast – alles in Ordnung. Bedenklich wird es, wenn das Bellen zu Autozensur führt, zu vorauseilendem Gehorsam, gar zu Gesetzen und Vorschriften. Wenn Bücher und Künstler aus dem Verkehr gezogen, Menschen kritisiert werden, weil sie nicht in das limitierte Weltbild einiger weniger passen, dann muss man Stopp sagen und ein Zeichen setzen für die Freiheit. Eines sollte man vor allem nicht tun, nämlich sich übereilt entschuldigen und einknicken. Gnade oder eine Schonfrist empört Intoleranten gegenüber darf es eigentlich nicht geben. Keine Toleranz für Intoleranz.

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