Schweiz

Eidgenossen bremsen die Digitalisierung und holen UKW zurück

Spektakuläre Abstimmung letzte Woche bei den Eidgenossen: Der bereits beschlossene und auch schon begonnene Ausstieg aus dem traditionellen UKW-Radio findet jetzt doch nicht statt. Nachdem im Sommer der Nationalrat auf die Bremse getreten war, sagte am Dienstag jetzt auch der Ständerat, das Parlament der Kantone, mehrheitlich Nein zu „digital only“.

Der Sender Niederhorn versorgt weite Teile des Berner Oberlands

Der Sender Niederhorn versorgt weite Teile des Berner Oberlands Foto: Editpress/Guido Romaschewsky

In Luxemburg erst vor wenigen Wochen eingeführt, als neues Parallelangebot zu UKW, gibt es das terrestrische Digitalradio DAB+ in der Schweiz schon lange – entsprechend gut sind die landesweiten Sendernetze ausgebaut. Keine billige Angelegenheit, müssen doch viele Alpentäler einzeln versorgt werden – in zwei Standards. Die öffentlich-rechtliche SRG, ohnehin unter Sparzwang, preschte auf Basis einer Vereinbarung von 2014, die den Ausstieg aus UKW für alle bis Ende 2026 festgeschrieben hatte, am 1. Januar 2025 vor und schaltete all ihre UKW-Sender ab. Und verwies darauf, dass vermeintlich nur noch wenige Menschen „ausschließlich“ UKW hörten und man jetzt eine Vorreiterrolle übernehmen und für die Privaten „solidarisch den Weg ebnen“ wolle.

Für ihre etwas simplistisch begründete Abschalt-Aktion bekamen die SRG-Radios, in allen Sprachregionen, schnell die Rechnung präsentiert: Nach dem ersten Quartal waren die Hörerzahlen – je nach Programm – um ein Viertel bis über ein Drittel eingebrochen. Denn obwohl DAB+ bei den Schweizern schon einen recht hohen Bekanntheits- und Nutzungsgrad genießt (dank breitem Angebot und Werbekampagnen), wollten oder konnten viele ihre älteren Autoradios nicht einfach mit Adaptern versehen bzw. ihre gewohnten UKW-Empfänger zu Hause zum Elektroschrott geben. Etwa eine halbe Million Hörer verloren die öffentlich-rechtlichen Programme. Die Hörerschaft wechselte in grenznahen Regionen teils auf ausländische UKW-Sender, mehrheitlich aber zu den Schweizer Privaten, die so einen kleinen Boom erlebten. Ihre Werbepartner werden es ihnen gedankt haben – und so wuchs schnell ein natürlicher Druck, u.a. befeuert vom Schweizer Radiopionier schlechthin, Roger Schawinski, einen Ausstieg vom vereinbarten UKW-Ausstieg zu fordern. Dass dies nun tatsächlich so gekommen ist, darüber freute sich Schawinski, heute Chef von Radio 1, am Abend des Votums in Bern in einem Nebenraum vor laufenden Kameras wie ein Schneekönig. Und mit ihm sicher viele Hörerinnen und Hörer, die sich verprellt gefühlt hatten. Digitalisierungs-Hardliner schütteln hingegen den Kopf.

Werbekampagne für DAB+ im Bahnhof Luzern 2018 

Werbekampagne für DAB+ im Bahnhof Luzern 2018  Foto: Editpress/Guido Romaschewsky

Kostenfrage Simulcast

Schon anderthalb Tage nach dem Ständerats-Entscheid stand ihrerseits Susanne Wille, Generaldirektorin der SRG, vor den Kameras und verkündete – wohl zähneknirschend, aber mit gekonnter Positivität –, dass man die Abstimmung zur Kenntnis nehme und folglich demnächst selbst auch wieder auf UKW zurückkehren werde. Um etwas trotzig hinzuzufügen, dass man dann wohl leider ob der zusätzlichen Kosten von 15 Millionen Franken an anderer Stelle werde sparen müssen. Wobei es realistisch gesehen am sinnvollsten wäre, nicht wieder das integrale UKW-Netz anzuschalten, sondern ein bis zwei Programme je von den wichtigsten Senderstandorten. Auch das könnte Kosten sparen und wäre doch nützlich für alle, die noch ohne DAB-Radio unterwegs sind. Zunächst wartet jetzt ein neues Ausschreibungsverfahren. Und dann steht noch die sogenannte Halbierungsinitiative für 2026 im Raum, die Reduzierung der Rundfunkgebühr von aktuell 330 auf 200 Franken pro Jahr. Sollte sie gestimmt werden, wäre das ein erneuter Dämpfer für die Öffentlich-Rechtlichen, die in der Schweiz traditionell für guten Journalismus stehen – der halt nicht umsonst zu haben ist.

Staatliche Rundfunkgebühren kennt Luxemburg nicht, und mit DAB+ macht es gerade erste Erfahrungen. Obwohl die EU wünscht, dass dieses eines Tages vollständig UKW ersetzt, dürfte hierzulande aus der Thematik kaum ein Politikum werden, hat doch zumindest RTL auf Hörerfragen hin bekundet, parallel auf beiden terrestrischen Wegen (Simulcast) weiterzumachen. In einem Land mit verhältnismäßig wenigen Senderstandorten dürfte dies auch finanziell weniger schwer wiegen als im Alpenstaat Schweiz.

Sender Chasseral im Jura
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