Analyse von außen

Dieser Energieschock verlangt nach einer grünen Industriestrategie

Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat den gesamten Nahen Osten destabilisiert, massive menschliche und ökologische Opfer gefordert und eine der größten je verzeichneten Schwankungen des Ölpreises verursacht. Angesichts der Auswirkungen, die sich auf den globalen Aktienmärkten niederschlagen und die Staatsverschuldung in die Höhe treiben, müssen politische Entscheidungsträger erkennen, dass diese Art Energieschock keine isolierte, kurzfristige Krise ist. Sie stellt unsere neue Realität dar.

Erneuerbare Energiequellen und innovative Produktionswege für nachhaltige Zukunft in unsicheren Zeiten

In unsicheren Zeiten braucht es neue Energiequellen und andere Produktionswege Symbolbild: dap/Hendrik Schmidt

In einer Zeit geopolitischer Turbulenzen erfordert wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit nicht nur eine Veränderung der Art der Energie, die wir verbrauchen, sondern auch der Art und Weise, wie, wo und von wem Dinge produziert werden. Durch eine „missionsorientierte“ grüne Industriestrategie und einen makroökonomischen Rahmen, der strategische öffentliche Investitionen unterstützt, können Regierungen dazu beitragen, den Lebensstandard zu sichern und zugleich wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit aufzubauen.

Sofortmaßnahmen zum Schutz von Privathaushalten und Unternehmen vor der Belastung sollten so gestaltet sein, dass sie größere wirtschaftliche Ziele voranbringen. Wenn eine Maßnahme lediglich dazu dient, die Gewinne der fossilen Brennstoffindustrie zu stützen, sollte sie als Fehlschlag betrachtet werden.

Dies ist der Moment für einen neuen Ansatz. Durch geopolitische Konflikte angetriebene inflationsauslösende Energieschocks treten immer häufiger auf. Der Iran drohte während des zwölftägigen Krieges im vergangenen Juni mit der Sperrung der Straße von Hormus und hat diese Drohung nun wahr gemacht, wodurch die Rohölpreise zum ersten Mal seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022 auf über 100 US-Dollar pro Barrel gestiegen sind.

Abhängigkeit von Erdgas bleibt hoch

Das Vereinigte Königreich, das vor vier Jahren aufgrund seiner starken Abhängigkeit von Erdgas und seines beklagenswerten Mangels an Speicherkapazitäten stärker als jedes andere Land in Westeuropa getroffen wurde, ist ein warnendes Beispiel für jedes Land, das weiterhin bereit ist, ein hohes Risiko durch plötzliche Versorgungsschocks einzugehen. Trotz der Fortschritte, die der britische Energieminister Ed Miliband bei der Umsetzung seiner „Clean Power“-Mission zur Dekarbonisierung des Stromnetzes erzielt hat, ist die Verbindung zwischen Gas- und Strompreisen nicht durchtrennt worden. Die britischen Großhandelsenergiepreise sind seit Beginn des Iran-Kriegs um rund 50% in die Höhe geschossen.

Es wäre ein Fehler, wenn die Industrieländer dem Beispiel von US-Präsident Donald Trump folgen und noch stärker auf ebenjene fossilen Brennstoffe setzen würden, die die Volatilität der Energiepreise antreiben und als militärische Verhandlungsmasse dienen. Das Vereinigte Königreich – und alle anderen Volkswirtschaften – wären sicherer, wenn die Stromversorgung aus sauberen, heimischen Quellen stammte und über das Stromnetz hinaus die Art und Weise verändern würde, wie wir uns fortbewegen, bauen und leben.

Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es jedoch eines koordinierten Vorgehens der für Wohnungswesen, Verkehr, Wissenschaft und Technologie sowie Finanzen zuständigen Ministerien und Behörden. Die Regierungsmissionen sollte ein klares „Moonshot“-Ziel vorgeben, das alle relevanten Ministerien verfolgen, denn nur so lassen sich die notwendigen sektorübergreifenden Investitionen mobilisieren.

Belastung für private Haushalte

Infolge des aktuellen Schocks droht klar eine neuerliche Krise bei den Lebenshaltungskosten. Im Vereinigten Königreich beispielsweise ist der vom Office for Budget Responsibility prognostizierte Rückgang der Inflation von 3,4% auf 2,3% in diesem Jahr bereits Makulatur, und Finanzministerin Rachel Reeves steht unter wachsendem Druck, die privaten Haushalte vor weiteren Belastungen zu schützen. Rund die Hälfte des neunprozentigen Anstiegs der Verbraucherpreise im Vereinigten Königreich im Jahr 2022 entfiel auf Lebensmittel und Energie. Es könnte sich nun durchaus eine ähnliche, noch stärkere Dynamik durchsetzen, da geopolitische Bedrohungen und der Klimawandel sich verschärfen und Ernteerträge und Transportwege weltweit beeinträchtigen.

Es gibt zudem reichlich Belege dafür, dass eine wesentliche Ursache für die Inflation der Jahre 2022-23 die Unternehmensgewinne waren. Der Energieschock ermöglichte es den Unternehmen, Rentenerträge – also übermäßige Gewinne – zu erzielen, und zwar einfach, weil sie knappe Ressourcen besaßen, und nicht, weil sie plötzlich Produktivitätssteigerungen erzielt hätten. Die ordnungsgemäße Aufgabe der Regierung besteht darin, sicherzustellen, dass Krisen nicht einer kleinen Gruppe von Aktionären auf Kosten aller anderen zugutekommen. Mit der richtigen Reaktion werden Krisen zu Chancen, um die reale Wirtschaftstätigkeit und umfassendere wirtschaftliche Transformationen voranzutreiben.

Der britische Premierminister Keir Starmer und Reeves haben beispielsweise sehr zum Leidwesen führender Tankstellenunternehmen eine „Null-Toleranz“-Politik gegenüber Preistreiberei verkündet. Doch die Details einer derartigen Maßnahme sind von immenser Bedeutung. Die britische Energiepreisgarantie der Jahre 2022-23 begrenzte die Kosten für die privaten Haushalte, indem sie die Versorger faktisch subventionierte und anschließend versuchte, Zufallsgewinne zu besteuern. Spanien und Portugal fanden einen besseren Weg, die Inflation einzudämmen, indem sie die Kosten für das bei der Stromerzeugung verwendete Gas deckelten und so die Zufallsgewinnspannen an der Quelle reduzierten.

Dieser zweite Ansatz, kombiniert mit einem ehrgeizigen Ausbau der erneuerbaren Energien, erwies sich als überlegen. Die spanischen Strompreise lagen in der zweiten Jahreshälfte 2022 um 57% unter dem europäischen Durchschnitt. Teures Gas bestimmt in Spanien mittlerweile nur noch in 15% der Fälle den Strompreis, verglichen mit 89% in Italien. Wenn das Ziel darin besteht, nachhaltiges Wachstum zu fördern, ist es besser, von Anfang an für faire wirtschaftliche Beziehungen zu sorgen, als monopolistische Gewinne anwachsen zu lassen und dann zu versuchen, diese nachträglich zu besteuern.

Energieschocks wirken sich auf die gesamte Wirtschaft aus, da Öl und Erdölprodukte nach wie vor wichtige Vorleistungen in der verarbeitenden Industrie, im Transportwesen und in der Landwirtschaft sind. Erschwerend kommt hinzu, dass Zinserhöhungen seitens der Zentralbanken – derzeit das wichtigste Instrument zur Bekämpfung der Inflation – das Problem lediglich verschärfen würden. Zinserhöhungen verteuern Investitionen – einschließlich der Finanzierung erneuerbarer Energien, die hohe Vorlaufkosten mit sich bringen –, ohne etwas gegen die inflationsverursachenden Faktoren auf der Angebotsseite zu unternehmen.

Diese Energiekrise ist der richtige Moment für unternehmerisch denkende Staaten, die Kapazitäten, Instrumente und Institutionen zu entwickeln, die erforderlich sind, um erschwingliche Grundversorgungsgüter zu sichern, opportunistische Profitgier zu verhindern und einen industriellen Wandel voranzutreiben

Schlimmer noch: Die Zinssätze für Staatsanleihen werden in die Höhe getrieben, da die Investoren diese Trends einpreisen. Dies würgt dringend benötigte öffentliche Investitionen in Schulen, Gesundheitssysteme und Infrastruktur zusätzlich ab. Um diese Abwärtsspirale zu verhindern, müssen Regierungen aufhören, sich derart stark auf die Zentralbanken zu stützen, und beginnen, die Inflation an der Quelle zu bekämpfen.

Zum Glück profitieren alle von grünen Investitionen. Neben der Eindämmung des Klimawandels führen ihre Ausstrahlungseffekte zu höherer Produktivität, guten Arbeitsplätzen und einem höheren Lebensstandard. Rechnet man diese mit ein, machen sich die Investitionen bezahlt. Erst letzte Woche bestätigte die unabhängige britische Klimaaufsichtsbehörde, dass jedes Pfund Sterling, das dafür ausgegeben wird, dem Netto-Null-Emissionsziel näher zu kommen, neben weiteren Vorteilen wie sauberer Luft, wärmeren Wohnungen und gesünderer Ernährung einen Nutzen von etwa zwei bis vier Pfund Sterling generiert.

Diese Energiekrise ist der richtige Moment für unternehmerisch denkende Staaten, die Kapazitäten, Instrumente und Institutionen zu entwickeln, die erforderlich sind, um erschwingliche Grundversorgungsgüter zu sichern, opportunistische Profitgier zu verhindern und einen industriellen Wandel voranzutreiben. Wie John Maynard Keynes vor fast einem Jahrhundert betonte, muss der Staat für Orientierung und Investitionen sorgen, wenn das Vertrauen des Privatsektors und der Verbraucher ins Stocken gerät. Regierungen dürfen sich von diesem jüngsten Schock nicht lähmen lassen. Er sollte zu entschlossenem Handeln anspornen, um menschliches Leid zu minimieren und in langfristige wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit zu investieren.

(Aus dem Englischen von Jan Doolan)

* Mariana Mazzucato ist Professorin am University College London und Gründungsdirektorin des UCL Institute for Innovation and Public Purpose. Sie ist Verfasserin zahlreicher Bücher, darunter von „The Big Con: How the Consulting Industry Weakens Our Businesses, Infantilizes Our Governments and Warps Our Economies“ (Penguin Press, 2023) und dem in Kürze erscheinenden „The Common Good Economy: A New Compass“ (Allen Lane, Juni 2026).

Copyright: Project Syndicate, 2026.

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