Estland in Alarmbereitschaft

Erst tauchen Autonomie-Forderungen auf, dann schlägt eine Drohne ein

Eine mutmaßlich russische Drohne stürzt auf ein estnisches Kraftwerk. Zugleich tauchen pro-russische Autonomie-Forderungen auf. In Narva und Umgebung wächst die Sorge um die Zukunft der Region – und die um Europa.

Trümmerteile abgestürzter Drohnen in Lettland und Estland am Boden nach Drohnenabsturz

Nicht nur in Estland, auch in Lettland stürzten Trümmerteile von Drohnen ab Foto: dpa/ National Armed Forces of Latvia

Auf den ersten Blick sind es nur zwei Schrammen, die eine Drohne auf einem roten Kamin der Elektrizitätswerke Narva hinterlassen hat. Die Drohne sei aus dem russischen Luftraum von Osten her gekommen, hieß es bei der Kraftwerksleitung des Ortes Auvere. Sie habe keine Schäden angerichtet und niemanden verletzt. Doch sollte es sich tatsächlich um eine russische Drohne gehandelt haben, ist Alarm angesagt.

Ob es sich tatsächlich um eine russische Drohne handelt, war am Mittwoch noch nicht klar. In der Nacht zum Mittwoch hatte die ukrainische Armee das russische Öl-Terminal in der Hafenstadt Ust-Luga, rund 80 Kilometer nördlich von Sankt Petersburg gelegen, mit mehreren Drohnen angegriffen. Diese mussten rund 1.500 Kilometer über russisches Gebiet fliegen, um dort und auch in Primorsk für Putin empfindliche Schäden anzurichten. Doch eine nach Auvere verirrte ukrainische Drohne wäre eher aus Süden angeflogen. Es sei denn, die Russen hätten sie elektronisch vom Kurs abgebracht. So geschehen war es gegen Mitternacht im Nachbarland Lettland, wo eine Drohne unweit der mehrheitlich von Russen und Belarussen bewohnten ostlettischen Stadt Kraslaw explodiert war.

„Laut allem, was wir bisher wissen, war die Drohne nicht gegen Estland gerichtet“, sagte Estlands oberste Staatsanwältin Astrid Asi am Mittwoch. Es würden aber weitere Untersuchungen angestellt, sagte sie. Die estnische Regierung berief dennoch sofort eine Krisensitzung in der 200 Kilometer westlich gelegenen Hauptstadt Tallinn ein.

Dies ist sicher angebracht, da erst vor mehreren Tagen eine bisher unbekannte pro-russische Autonomisten-Gruppe mit dem Namen „Von Narva bis Püssi“ in Estland von sich reden gemacht hat. Die Gruppe hatte auf den drei besonders bei der russischstämmigen Bevölkerung Estlands – immerhin jeder Vierte der 1,3 Millionen Einwohner – verbreiteten sozialen Medienkanälen Telegram, vKontakte und TikTok die Autonomie der Grenzregion Idu-Vira (dt. Ost-Wierland) gefordert. Die Identität der russischsprachigen Bevölkerungsmehrheit in diesem Gebiet sei gefährdet, behauptete die bisher unbekannte Gruppe.

Narva ist die direkt an der russischen Grenze am gleichnamigen Fluss gelegene Gebietshauptstadt mit etwas über 50.000 Einwohnern. 85 bis 95 Prozent von ihnen sind russischstämmig. Das 1.200-Seelen-Dorf Püssi liegt rund 80 Kilometer westlich von Narva. Das ganze Gebiet, etwa so groß wie Luxemburg, wurde 1721 von Zar Peter dem Großen nach mehreren Kriegen ins Russische Reich eingegliedert. Dort verblieb es bis 1918, als Estland seine im Zweiten Weltkrieg von der Sowjetunion kassierte Unabhängigkeit erlangte. 24 Jahre lang war auch die damalige Vorstadt Ivangorod (heute Russland) estnisch.

Erinnerungen an Krim und Donbass

Die Konten auf den drei sozialen Medien wären nichts Besonderes, hätte nicht genau zu dieser Zeit der russische Krieg gegen die Ukraine begonnen. Nach der siegreichen Maidan-Revolution tauchten ähnliche Konten im Donbass und auf der ukrainischen Halbinsel Krim auf. Niemand hatte diese damals ernst genommen, bis im März 2014 plötzlich „grüne Männchen“, russische Spezialeinheiten ohne Uniformabzeichen, auf der Krim und auch im Donbas auftauchten. Die ukrainische Krim wurde praktisch ohne einen Schuss übernommen, im April 2014 annektiert und an Russland angeschlossen. Im Donbass wurden zur praktisch gleichen Zeit eine pro-russische autonome „Volksrepublik Donezk“ (DNR) und eine „Volksrepublik Luhansk“ (LNR) ausgerufen.

Solche Taktiken werden oft angewandt, um Verwirrung zu stiften und den sozialen Zusammenhalt infrage zu stellen

Marta Tuul

Vertreterin des estnischen Inlandsgeheimdienstes

Auch in der estnischen Verwaltungseinheit Idu-Vira mit den vier mehrheitlich russischsprachigen Städten Narva, Kottla-Järva, Sillamäe und Jöhvi behaupten die pro-russischen Autonomisten, die russische Sprache und Identität seien gefährdet. Die Gruppe „Von Narva bis Püssi“ fordert deswegen eine Autonomie für das Gebiet Idu-Vira.

„Solche Taktiken werden oft angewandt, um Verwirrung zu stiften und den sozialen Zusammenhalt infrage zu stellen“, warnt Marta Tuul, eine Vertreterin des estnischen Inlandsgeheimdienstes (ISS). „Es handelt sich dabei um eine billige Methode, die Gesellschaft zu provozieren und in Angst zu versetzen“, erklärte Tuul dem baltischen Online-Portal Delfi. Tuul kündigte eine strafrechtliche Untersuchung an.

Der Chef des estnischen Auslandsgeheimdienstes, Kaupo Rosin, meinte vor Wochenfrist, er gehe nicht davon aus, dass der Kreml hinter der pro-russischen Autonomisten-Gruppe stecke. „Wir nehmen dies nicht besonders ernst“, sagte Rosin. Der Fall sei von einer estnischen NGO in den Medien hochgespielt worden, behauptete er.

Besorgter äußerten sich die Politiker. Der liberale Premierminister Kristen Michal warnte vor einer Antagonisierung der Gesellschaft. Außenminister Margus Tsahkna twitterte: „Bleibt ruhig und wachsam!“ Damit könne man solchen Umtrieben am besten entgegenwirken.

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