Korrespondentenbericht

Der Tag des Horrors: Liverpool zwischen Solidarität und Staunen – über die Polizei

Horror. Am Tag danach kam keines der britischen Medien ohne das H-Wort aus. In das Entsetzen über die Amokfahrt von Liverpool, das Bangen um die lebensgefährlich Verletzten mischte sich jedoch am Dienstag auch Erleichterung: Das T-Wort, Terror, scheint diesmal keine Rolle gespielt zu haben.

Aufbauarbeiten am Tag danach in Liverpool: Ein Autofahrer war am Montagabend in eine Menschenmenge gerast

Aufbauarbeiten am Tag danach in Liverpool: Ein Autofahrer war am Montagabend in eine Menschenmenge gerast Foto: AFP

Was war passiert?

Einen Tag nach Abschluss der Fußball-Saison kamen Hunderttausende – manche Schätzungen sprachen sogar von einer Million – begeisterter Fans des FC Liverpool in der nordenglischen Hafenstadt zusammen. Traditionell defilieren siegreiche Teams auf der Insel nach Gewinn von Premier League oder von Cups auf einem Doppeldecker-Bus durch ihre Heimatkommune.

Im Fall der „Reds“ kamen mehrere Faktoren zusammen, um der Feier besondere Bedeutung zu verleihen: Der Gewinn der Meisterschaft in der ersten Saison unter dem neuen holländischen Cheftrainer Arne Slot stand schon seit einem Monat fest. So hatten Behörden und Fans deutlich mehr Zeit für die Planung als normalerweise. Hinzu kam, dass dies für den Traditionsclub den ersten Titelgewinn seit der Covid-Saison 2019/20 (damals unter dem Deutschen Jürgen Klopp) bedeutete. Die gewohnte öffentliche Feier war damals unter Lockdown-Bedingungen nicht möglich, weshalb die Parade diesmal besonders lang ausfiel. Gegen die Begeisterung kam nicht einmal der stetige Mai-Regen an.

Die Parade war gegen 18 Uhr beinahe vorbei, der rote Doppeldecker-Bus längst außer Sichtweite, als in der vollgepackten Water Street ein schwarzer Ford Galaxy in die Menge raste. Mehrere Personen wurden durch die Luft geschleudert, andere beim Aufprall verletzt. Als das Fahrzeug zum Stehen kam, waren vier Menschen eingeklemmt, darunter auch ein Kind.

Wie reagierte die Polizei?

Allen Zeugenaussagen zufolge sehr schnell. Stämmige Beamte einer Eingreifgruppe umringten den People Carrier, um den Fahrer vor zornigen Passanten zu schützen. Der Mann wurde festgenommen. Unter einem schützenden Baldachin wurde das Fahrzeug hochgehoben, sodass die Eingeklemmten geborgen werden konnten. Ärztinnen und Sanitäter versorgten 20 Leichtverletzte vor Ort, 27 Patienten kamen mit Krankenwagen, teils auch mit dem Rettungshubschrauber in die umliegenden Spitäler. Unter ihnen seien vier Menschen „sehr, sehr gefährdet“, berichtete Liverpools Bürgermeister Steve Rotheram am Dienstag der BBC. Später war noch von zwei lebensgefährlich Verletzten die Rede, darunter einem Kind.

Wie informierte die Polizei?

Für englische Verhältnisse zügig und umfassend. Auf der Insel war es bisher unüblich, bis zur formellen Anschuldigung Details über einen Festgenommenen zu nennen. Diesmal aber teilte Polizeidirektorin Jenny Sims bereits am Abend mit, es handele sich um einen 53-jährigen, weißen Mann, wohnhaft in Liverpool. Insbesondere die Nennung der Ethnie kommt dabei einer kleinen Sensation gleich. Ausdrücklich betonte Sims auch: „Zum jetzigen Zeitpunkt behandeln wir den Fall nicht als Terrorismus.“

Erkennbar hat Merseyside Police aus dem Blutbad vor zehn Monaten im 30 Kilometer entfernten Southport gelernt. Dort hatte der Täter eine Gruppe junger Mädchen sowie deren Lehrerin angegriffen und 13 von ihnen durch Messerstiche verletzt; für drei Kinder im Alter von sechs, sieben und neun Jahren kam jede ärztliche Hilfe zu spät. Weil es sich um einen knapp 18-Jährigen handelte – Minderjährige unterliegen besonderem Persönlichkeitsschutz –, zögerte die Behörde mit der Veröffentlichung von Details. Prompt griffen im Internet übelste Gerüchte um sich, tagelang randalierte der Mob, Asylbewerberheime wurden angezündet. Viel zu spät benannte die Polizei den Täter als in Großbritannien geborenen Sohn ruandischer Einwanderer.

Das Geschehen in Liverpool rief trotz der offensiven Informationsstrategie der Polizei die üblichen Hetzer auf den Plan. Im Internet kursierten schon bald Filmchen, auf denen der weiße Fahrer plötzlich braune Haut hatte.

Wie reagieren Bevölkerung und Politik?

Besonnen. Diesmal blieben Krawalle aus. Das ganze Land stehe „in Solidarität zusammen“, sagte Premier Keir Starmer. Der langjährige Liverpool-Trainer Klopp sandte eine Nachricht mit der Titelzeile der berühmten Clubhymne „You’ll never walk alone“. Auch die Verantwortlichen des Lokalrivalen FC Everton versicherten dem Meisterclub und dessen Anhängern ihre aufrichtige Anteilnahme.

Worauf konzentrieren sich die Ermittlungen?

Im Mittelpunkt dürfte die Frage stehen, wie der Ford-Fahrer in die Water Street kommen konnte, auf der Augenzeuginnen zufolge „die Leute wie Sardinen“ zusammengepfercht waren. Am Dienstag meldete sich ein Mann zu Wort, der beobachtet haben wollte, der Unglücksfahrer habe eine Straßensperrung umfahren. Auf sozialen Medien kursierende Filmchen zeigten aber auch, dass Schaulustige schon vor dem blutigen Zwischenfall gegen das Fahrzeug protestiert und kurzzeitig die Fahrertür aufgerissen hatten. Ob der 53-Jährige deshalb in Panik geriet? Sekunden später war er nach Angaben der Polizei verantwortlich für das, was als Horror von Liverpool in die Annalen der Stadt eingehen dürfte.

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