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Brandmauern und Strohhalme: Stephen De Ron über die ADR-Rhetorik der Leere
Manchmal verrät bereits die Überschrift die eigentliche Absicht eines Artikels. Kürzlich stellte ein ADR-Abgeordneter im Luxemburger Wort die Frage: „Braucht Luxemburg eine Brandmauer gegen Grün?“ Das klingt zwar wie eine offene Frage, ist in Wahrheit aber ein durchschaubarer Versuch, mit einer völlig absurden Aussage maximale Aufmerksamkeit zu erregen.
Illustration: Tageblatt/Kim Kieffer
Das Muster kennt man längst: Es werden Dinge aufgezählt wie das Verbot von Verbrennungsmotoren, höhere Steuern auf Benzin oder das Aus für Gasheizungen. Alles Themen, die seit Jahren offen diskutiert und beschlossen wurden – von verschiedenen Regierungen europaweit, nicht nur von Grünen. Doch im Artikel klingt es, als hätten die Grünen ganz allein den Untergang des Landes eingeleitet. Und dann kommt – fast schon als Dauerbrenner – der Plastikstrohhalm. Dieses kleine Röhrchen, das früher einfach Müll war, ist plötzlich das Symbol für den angeblichen Freiheitsverlust.
Natürlich muss man politische Entscheidungen kritisieren dürfen. Genau das macht eine Demokratie aus. Aber hier geht es nicht um faire Kritik. Hier wird ein Bild gezeichnet, das Luxemburg als Land zeigt, das kurz vor einer „Öko-Diktatur“ steht. Dass all diese Maßnahmen in offenen Debatten besprochen und demokratisch beschlossen wurden, wird dabei verschwiegen. Das Muster ist klar: Solange die Demokratie Ergebnisse liefert, die einem gefallen, wird sie gefeiert. Wenn die Entscheidungen unbequem werden, wird sie plötzlich als Bedrohung dargestellt.
Und hier liegt der größte Widerspruch: Der Autor dieses Artikels ist Teil genau dieses demokratischen Systems. Sein Mandat, seine Stimme, seine politische Macht – all das verdankt er der Demokratie, die er gleichzeitig schlechtredet. Ein altbekanntes Spiel: Man nutzt die Regeln und beschwert sich gleichzeitig darüber, dass sie einem nicht passen.
Die Verdrehung der Brandmauer
Der Höhepunkt dieser Erzählung ist die sogenannte „Brandmauer“. Ein Begriff, der eigentlich dafür gedacht ist, die Demokratie vor echten Feinden zu schützen – vor Menschen, die den Rechtsstaat aushöhlen wollen. Doch hier wird dieser Begriff verdreht: Nicht Radikale sollen ausgeschlossen werden, sondern politische Gegner, die vom Volk gewählt wurden und sich an die demokratischen Spielregeln halten. So wird aus einem Schutzwall ein Werkzeug zur Ausgrenzung. Mit echtem Schutz für die Demokratie hat das nichts mehr zu tun.
Dann kommt die Verfassungsreform ins Spiel. Sie wurde als „Beweis“ dafür präsentiert, dass die Grünen angeblich im Alleingang die Grundordnung des Landes verändert hätten. Dabei wurde so getan, als hätte eine einzige Partei einfach so die Verfassung geändert. Das klingt dramatisch – ist aber Unsinn. Jeder, der auch nur ein bisschen politisches Grundwissen hat, weiß: In Luxemburg braucht man für eine Verfassungsänderung eine Zweidrittelmehrheit im Parlament – aktuell also mindestens 40 von 60 Stimmen. Keine Partei kann das heute alleine schaffen, und das ist auch gut so. Und das wusste natürlich auch jener Abgeordnete, der diesen Artikel geschrieben hat. Dass dieser wichtige Fakt im Text fehlte, war sicher kein Zufall.
Am spannendsten wird es aber am Ende: Nach all den lauten Warnungen heißt es plötzlich, dass eine Brandmauer „derzeit nicht notwendig“ sei. Warum dann der ganze Auftritt? Warum so viel Aufregung, wenn am Ende gar nichts gefordert wird? Ganz einfach: Es ging nie darum, diese Mauer wirklich zu bauen. Es ging nur darum, das Bild dieser Mauer in den Köpfen der Menschen zu verankern. Und dieses Bild bleibt hängen – auch wenn die Forderung später stillschweigend zurückgenommen wird.
Und das Timing ist bemerkenswert: Genau in dem Moment, als die AfD in Deutschland – die politische Verwandtschaft der ADR – vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft wird, meldet sich hier ein ADR-Abgeordneter zu Wort. Doch die vorgeschlagene Brandmauer richtet sich nicht gegen jene, die tatsächlich eine Gefahr für die Demokratie darstellen. Stattdessen trifft sie demokratische Parteien wie „déi gréng“, die von der ADR als extrem dargestellt wird, die sich jedoch im Gegensatz zu ihr allerdings immer an die Regeln der politischen Fairness und des Respekts gehalten hat.
Das allein spricht Bände: Während andernorts entschlossen für den Schutz der Demokratie gekämpft wird, wird hierzulande ein Scheinproblem konstruiert – mit großen Worten, die eigentlich jenen vorbehalten sein sollten, die unserer demokratischen Ordnung wirklich schaden.
Fehlanzeige bei Lösungen
Doch was fehlt in der ganzen Analyse des ADR-Abgeordneten? Genau das, was unser Land wirklich nach vorne bringen würde: Vorschläge, wie man den Wohnungsnotstand endlich in den Griff bekommt. Ideen, wie das tägliche Verkehrschaos entschärft werden kann. Ein Plan, wie Luxemburg sozial gerechter und klimafreundlicher wird. Konzepte für Bildung, Energie und Zukunft. Von all dem keine Spur in diesem Artikel. Kein einziger konkreter Vorschlag, der den Menschen wirklich weiterhilft. Stattdessen: Feindbilder, viel Rauch – und heiße Luft statt Lösungen.
Und genau darum geht es: Wer erst groß eine Brandmauer inszeniert und sie dann wieder zurücknimmt, verfolgt kein ernsthaftes Ziel. Es geht nicht darum, Luxemburg zu schützen – sondern darum, Misstrauen zu säen, politische Gegner in ein schlechtes Licht zu rücken und die eigene Ideenlosigkeit zu kaschieren. Diese Debatte ist keine Verteidigung der Demokratie, sondern ein Ablenkungsmanöver. Kein Schutzwall, sondern eine Kulisse, die beim ersten Windstoß ins Wanken gerät.
Stephen De Ron ist Vorstandsmitglied von „déi gréng“ und Vizepräsident der Grünen-Fraktion im Europäischen Ausschuss der Regionen Foto: Editpress/Julien Garroy
Luxemburg braucht keine Brandmauer gegen demokratische Parteien – Parteien, die gewählt wurden, die die Gesetze respektieren und die Grundwerte der Demokratie leben. Was unser Land braucht, ist eine Politik, die Widerspruch aushält und sogar willkommen heißt. Eine Streitkultur, die keine Mauern hochzieht, sondern Brücken baut – nicht, um Unterschiede zu verstecken, sondern um offen, ehrlich und faktenbasiert zu diskutieren und gemeinsam weiterzukommen. Solange das nicht passiert, bleibt der Plastikstrohhalm das treffendste Symbol für diese ganze Farce: klein, hohl, leicht verbogen – und erstaunlich zäh, wenn es darum geht, von echten Problemen abzulenken. Aber gut: Wer keine Lösungen hat, klammert sich eben an jeden Strohhalm.